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Datum: Kategorie(n): Kita · Versicherungsschutz · Leistungen UKH · Drucken

Notfälle und Medikamentengabe in Kindertageseinrichtungen

Seit nunmehr vier Jahren führen die „Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret“ Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer*innen und Erzieher*innen zum Thema „Chronische Krankheiten in Schulen und Kindergärten, Notfälle und Medikamentengabe – (k)ein Thema?“ durch. Wartelisten für diese Fortbildung zeugen von der Brisanz und der Wichtigkeit des Themas. Wir haben uns dazu mit dem Initiator und Organisator dieser bundesweit einzigartigen Fortbildungsmaßnahmen, Herrn Dr. Markus Freff, Oberarzt und Kinderdiabetologe, unterhalten. 

inform: Hätten Sie vor vier Jahren gedacht, dass Ihr Angebot auf eine so große Resonanz treffen würde?

Dr. Freff: Die 2013 von den Darmstädter Kinderklinken organisierte Veranstaltung über chronische Krankheiten und Erste Hilfe nennt man die Erstversorgung eines Verletzten, bevor ärztliche Hilfe wirksam wird.
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Erste Hilfe
bei den häufigsten Notfällen in der Kita ist auf ein ungewöhnlich großes Interesse gestoßen. Mehr als 100 Erzieherinnen haben damals an der Veranstaltung über die Erstversorgung bei einem Notfall und die Medikamentengabe im Alltag einer Kindertagesstätte teilgenommen. Es wurde insbesondere über die rechtlichen Aspekte bei der Medikamentengabe und bei der Nothilfe informiert. Bisher haben wir über 1.000 Erzieher*innen und Lehrer*innen geschult, bei zunehmend steigender Nachfrage.

inform: Wie kam es zu diesem Fortbildungsangebot?

Dr. Freff: Damals wie heute erreichen uns immer wieder Anrufe von Eltern, aber auch von Erzieher*innen mit der Aussage: „Lehrer und Erzieher dürfen ja nicht helfen.“ Einem Kind mit Diabetes und einer Unterzuckerung wurde sogar der Traubenzucker, weil als Medikament missverstanden, vorenthalten. Das zeigt den großen Handlungsbedarf und die Notwendigkeit einer Aufklärung.

inform: Beschreiben Sie bitte das Ziel der Fortbildung für Erzieher*innen.

Dr. Freff: Ziel ist es, Erzieher*innen über die Rechtslage in der Betreuung chronisch kranker Kinder zu informieren und sie im Umgang mit den betroffenen Kindern sicherer zu machen. Es ist kein Erste-Hilfe-Kurs!

inform: Worum geht es konkret?

Dr. Freff: Wenn Notfälle im Kindergarten oder auf Ausflügen auftreten, z.B. Atemnotanfälle bei Asthma, Unterzuckerung bei Diabetes, ein allergischer Schock bei Nussallergie oder ein Krampfanfall bei Epilepsie, stellen sich die Fragen: „Was darf und soll ein Erzieher tun, was darf und soll er nicht tun? Außerdem geht es um den aktuellen rechtlichen Rahmen für Medikamentengaben oder die Messungen von Körperfunktionen, wie eine Blutzuckermessung in Kindertagesstätten.

inform: Offensichtlich besteht ja großer Bedarf an Ihren Veranstaltungen …

Dr. Freff: Chronische Erkrankungen wie Asthma und Diabetes nehmen dramatisch zu! Anfallsleiden und allergische Schockreaktionen verlangen vom Ersthelfer beherztes Handeln. Die Versorgung chronisch kranker Kinder ist auch bisher leider kein Bestandteil des Ausbildungscurriculums zur pädagogischen Fachkraft.

Bei Eltern und Erzieher*innen bestehen oft erhebliche Ängste und Sorgen aus Unwissenheit. Eltern berichten, dass Erzieher*innen weder Medikamente geben noch die Messungen von Körperfunktionen durchführen, weil sie es angeblich gar nicht dürfen. Dieses Verhalten kann zur Ablehnung der geringsten Unterstützungsmaßnahme bis hin zur Ausgrenzung bei gemeinsamen Aktivitäten (Ausflug, Schwimmbadbesuch) führen – und das im Zeitalter der „Inklusion“ und der UN-Behindertenrechtskonvention …

Die Erzieher*innen andererseits berichten aber auch, zum Teil zu Recht, von nicht umsetzbaren Forderungen der Eltern und von den zunehmenden Anforderungen im Job. Aufklärung über insbesondere die rechtlichen Aspekte bei chronischen Krankheiten in Kitas führt nachweisbar zu einer erheblichen Entlastung des Personals und schafft so Ressourcen für die Versorgung chronisch kranker Kinder.

inform: Worüber informieren Sie genau?

Dr. Freff: Nach einer allgemeinen Einführung folgen vor allem die „rechtlichen Aspekte“. Hier freuen wir uns ganz besonders, dass wir stets Referenten der Unfallkasse Hessen gewinnen können, die die Voraussetz-ungen zum Versicherungsschutz und zu Haftungsfragen ausführlich darstellen.Weitere Vorträge gab es bei der letzten Fortbildung zu Asthma (PD Dr. Peter Ahrens), zu Diabetes (Dr. med. Markus Freff), zu Anaphylaxie (Dr. Helen Straube) und zu Epilepsie (Dr. Barbara Rodermund). Ein Veranstaltung mit durchschnittlich 80 Teilnehmern*innen dauert rund fünf Stunden.

inform: Welche Unklarheiten gilt es auszuräumen?

Dr. Freff: Die Medikamentengabe ist keine medizinische Handlung im engeren Sinne, die nur von Ärzten oder Krankenschwestern ausgeübt werden kann und darf. Im Regelfall verabreichen nämlich die Eltern und Angehörigen nach entsprechender Anleitung durch den behandelnden Arzt die notwendigen Medikamente auch selbst. Eine Medikamentengabe in den Kindertageseinrichtungen durch die pädagogische Fachkraft ist grundsätzlich möglich und im Sinne der auf die betreffende Einrichtung übertragene allgemeine Sorgepflicht bzw. Personensorge für diese Zeit auch in bestimmten Fällen unabdingbar.

inform: Ist vielleicht der Aufwand für das Personal zu hoch?

Dr. Freff: Häufig wird mit der Notwendigkeit einer Integrationskraft oder eines Pflegedienstes argumentiert. Der Mehraufwand für die Erzieher*innen ist aber meist, insbesondere auch zeitlich, sehr überschaubar. Das Ergebnis z. B. einer Blutzuckermessung liegt bereits nach fünf Sekunden vor, eine Insulininjektion z. B. per Knopfdruck über eine Insulinpumpe spielt sich auch im Bereich von Sekunden ab. Eine Erzieherin bestätigte uns einen Mehraufwand von insgesamt 20 Minuten für die Versorgung eines an Diabetes erkrankten Kindes mit einem Ganztagesplatz. Ein Kind mit Hyperaktivität benötigt häufig zeitlich viel mehr Zuwendung.

inform: Welche Erfahrungen haben Sie im Rahmen der Fortbildungen gemacht und welche Empfehlungen geben Sie?

Dr. Freff: Wir Ärzte haben erkannt, dass ein Hilfsangebot zu einer erheblichen Entlastung der betroffenen Familien und auch der Erzieher*innen führt und häufig den Kindern überhaupt erst eine Teilnahme an vielen sonst angstbesetzen außerhäuslichen Aktivitäten ermöglicht. Dieses Angebot kann aber nur gemacht werden, wenn den Verantwortlichen selbst auch die Möglichkeit gegeben wird, bei der Ersthilfe und bei Medikamentenabgabe Handlungssicherheit zu erlangen.

 Vorbehalte bei einer Medikamentengabe bei den nicht eigenen Kindern sind nachvollziehbar, sollten aber auf keinen Fall zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen. Was ist wichtiger? Die Überwindung der eigenen Vorbehalte oder Ängste und damit Unterstützung der besorgten und belasteten Eltern mit einem chronisch erkrankten Kind oder ein Kind, das ansonsten von Aktivitäten in einer Kita oder gar vollständig ausgeschlossen wird?! Umgekehrt sollten aber auch die Eltern nicht ständig fordern und verlangen, sondern immer auch die Seite der Erzieher*innen sehen und verstehen. Hier macht meistens der Ton die Musik. Die medizinischen Hilfsmaßnahmen sind nämlich freiwillig und können nicht erzwungen werden.

inform: Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, damit die Inklusion chronisch kranker Kinder und die Medikamentengabe in Kitas in Zukunft tatsächlich kein Thema mehr ist?

Dr. Freff: Nun, da gibt es zunächst den Wunsch bzw. die Forderung, diese Themen im Ausbildungscurriculum der pädagogischen Fachkräfte zu etablieren und eine Anpassung des Erste-Hilfe-Ausbildungscurriculums vorzunehmen. Die Einrichtung einer Gesundheitsfachkraft als Ansprechpartner und Entlastung vor Ort in Kitas und Schulen wäre eine weitere zielführende Maßnahme. So wird gerade an 20 Schulen der Bundesländer Brandenburg und Hessen in einem Modellprojekt der Einsatz von sogenannten Schulkrankenschwestern geplant.

Herr Dr. Freff, vielen Dank für das Gespräch.

Infos und Anmeldung zur Fortbildung www.kinderkliniken.de/klinik/zusatzangebote


inform Ausgabe 1/2017

Das vollbesetzte Auditorium zeugt vom enormen Interesse am Thema.

Dr. Markus Freff

Autor/Interviewer: Alex Pistauer (069) 29972-300, E-Mail: a.pistauer@ukh.de