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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken

Arbeiten trotz Krankschreibung?

Mein Hausarzt hat mich für eine Woche krankgeschrieben, doch schon nach drei Tagen fühle ich mich wieder fit. Darf ich dann schon wieder zur Arbeit gehen? Bin ich dann versichert? Nach wie vor halten sich zu diesen Fragen viele Mythen und Irrtümer. Wir haben die richtigen Antworten.

Alle Jahre wieder haben Erkältungs- und Grippewellen unser Land fest im Griff. Ob Schule, Kindergarten, Krankenhäuser oder Büro: Überall wird dann mit den Folgen von Grippe und Erkältung gekämpft. Arbeitnehmer, die trotz Erkrankung arbeiten, sind dabei keine Seltenheit, das besagt eine aktuelle Umfrage des GfK-Marktforschungsinstituts. Dort gab rund die Hälfte der Befragten an, im vergangenen Jahr trotz Krankheit mindestens eine Woche gearbeitet zu haben. 46 Prozent der Befragten sind demnach in den vergangenen zwölf Monaten nicht konsequent zu Hause geblieben, wenn sie sich krank fühlten. Von den Frauen gingen sogar knapp 50 Prozent krank zur Arbeit. Unter den Männern ist die Quote mit 43 Prozent etwas niedriger.

Aber wie ist die rechtliche Lage? Darf man überhaupt trotz Krankschreibung im Büro erscheinen? Kann man schon vor Ablauf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wieder arbeiten? Gibt es versicherungsrechtliche Risiken?

Krankschreibung ist kein Arbeitsverbot!

Die zentrale Frage, die sich zunächst stellt, ist, ob man überhaupt arbeiten darf, wenn man vom Arzt eine Krankschreibung erhalten hat. Zur Frage, wie verbindlich die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU-Bescheinigung) ist, existieren nach wie vor viele Missverständnisse und Irrtümer. Grundsätzlich gilt, dass die Entscheidung, ob man arbeitsfähig oder arbeitsunfähig ist, beim Mitarbeiter selbst liegt. Auch wenn der Arzt der Ansicht ist, dass Arbeiten die Gesundheit beeinträchtigt, kann der Arbeitnehmer frei entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht.

Denn was viele nicht wissen: Die Krankschreibung stellt kein Arbeitsverbot dar.

Der „gelbe Schein“ führt also nicht dazu, dass es Arbeitnehmern untersagt ist, für den festgelegten Zeitraum zur Arbeit zu erscheinen. Vielmehr erfüllt die AU-Bescheinigung zwei Funktionen: Sie stellt einerseits fest, dass ein Arbeitnehmer zum jetzigen Zeitpunkt nicht arbeitsfähig ist, und gibt anderseits eine Prognose ab, wie lange dieser Zustand voraussichtlich anhalten wird. Natürlich kann es sein, dass diese Prognose nicht eintritt und jemand früher wieder arbeitsfähig wird.

Keine „Gesundschreibung“ erforderlich

Auch wenn sich der Irrglaube einer erforderlichen Gesundschreibung vom Arzt hartnäckig hält, ein Instrument namens „Gesundschreibung“ gibt es weder im Arbeits- noch im Sozialrecht. Daher besteht in rechtlicher Hinsicht auch keine Notwendigkeit, ein Attest vorzulegen, dass man wieder einsatzfähig ist. Abgesehen davon kann im Einzelfall eine erneute Untersuchung vor einem vorzeitigen Arbeitsantritt aber durchaus sinnvoll sein, weil man als medizinischer Laie seinen Zustand vielleicht nicht richtig beurteilt.

Keine versicherungsrechtlichen Nachteile

Der Versicherungsschutz in der gesetzlichen Unfallversicherung umfasst für Arbeitnehmer sämtliche Tätigkeiten, die Bestandteil des arbeitsvertraglichen Beschäftigungsverhältnisses sind oder den Interessen des Arbeitgebers dienen. Entgegen weit verbreiteter Meinungen besteht deshalb auch dann Versicherungsschutz, wenn ein Mitarbeiter trotz Krankschreibung seine Arbeit vorzeitig wieder aufnimmt. Auch wenn sich dann der Gesundheitszustand wieder verschlechtern sollte, bleibt der Versicherungsschutz in der gesetzlichen Unfallversicherung ebenso wie in der Krankenversicherung erhalten. Der Arbeitnehmer ist natürlich berechtigt, für die gesamte Dauer der Krankschreibung der Arbeit fernzubleiben. Eine vorzeitige Arbeitsaufnahme setzt immer die Freiwilligkeit und das Einverständnis des Mitarbeiters voraus.

Der Versicherungsschutz in der gesetzlichen Unfallversicherung umfasst auch die Wege von und zum Betrieb. Wenn ein Beschäftigter während der Krankschreibung vorzeitig seine Arbeit wieder aufnehmen möchte, empfehlen wir deshalb, dies vorher beim Arbeitgeber anzukündigen. Sollte es nämlich auf dem Weg zur erstmaligen Arbeitsaufnahme zu einem Unfall kommen, herrscht Klarheit, dass es sich um einen versicherten Wegeunfälle stehen grundsätzlich unter Versicherungsschutz.
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Wegeunfall
handelt.

Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Auch wenn versicherungsrechtlich keine Nachteile zu befürchten sind, ist der Arbeitgeber dennoch aufgrund seiner Fürsorgepflicht gehalten, für den Erhalt der Gesundheit seiner Mitarbeiter*innen Sorge zu tragen. Wenn Arbeitnehmer trotz Erkrankung arbeiten wollen, ist der Arbeitgeber nicht verpflichtet, die angebotene Arbeitsleistung anzunehmen. Er hat nämlich eine Fürsorgepflicht und darf dem Arbeitnehmer, wenn er weiß, dass der Arbeitnehmer nicht gesund ist, keine unangemessene Arbeitsleistung abfordern oder sie auch nur wissentlich entgegennehmen. Es ist sogar bereits entschieden worden (OLG Hamm, Az. 17 SA 605/88), dass der Arbeitgeber den Arbeitnehmer von der Arbeit abhalten muss, wenn er weiß, dass „die Arbeitsunfähigkeit des Arbeitnehmers objektiv feststeht“.

Arbeitgeber haben sowohl gegenüber ihren Arbeitnehmern als auch gegenüber Dritten eine rechtliche Verantwortung, die eine erhebliche Haftung nach sich ziehen kann. Daher müssen Arbeitgeber grundsätzlich das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob ein krankgeschriebener Mitarbeiter wirklich einsatzfähig ist oder ob es sicherer ist, ihn wieder nach Hause zu schicken.

Ein Beispiel wäre es etwa, wenn ein Mitarbeiter im städtischen Fuhrpark mit Gipsarm zum Dienst erscheint, weil er meint, auch einhändig fahren zu können. Lässt sein Arbeitgeber das wissentlich zu und es kommt dann zu einem schweren Unfall, dann könnte er sich sicherlich nicht aus einer Mit-Verantwortung stehlen. Heißt verallgemeinert: Wenn klar erkennbar ist, dass ein Arbeitnehmer nicht in der Lage ist, seine vertraglich geschuldete Leistung zu erbringen, dann darf der Arbeitgeber ihn auch nicht arbeiten lassen.

Muss man dem Arbeitgeber mitteilen, welche Krankheit man hat?

Eine weitere wichtige Rechtsfrage für Arbeitnehmer ist, ob sie ihrem Arbeitgeber offenbaren müssen, an welcher Krankheit sie aktuell leiden.

Hinsichtlich der Diagnose selbst gibt es keine Verpflichtung zur Mitteilung. Arbeitnehmer können deshalb selbst entscheiden, ob sie dem Arbeitgeber mitteilen, woran sie erkrankt sind. Hiervon gibt es nur wenige Ausnahmen, wenn man z. B. Kollegen mit einer Infektionskrankheit angesteckt oder Lebensmittel verunreinigt haben könnte.

Der Arbeitgeber ist somit oft in einer Zwickmühle. Eigentlich würde er den Arbeitnehmer gerne arbeiten lassen, andererseits muss er aber seiner Fürsorgepflicht gerecht werden. Es ist jedoch möglich, dass der Arbeitgeber eine Arbeit zuweist, die der Arbeitnehmer objektiv trotz seiner Krankheit bewältigen kann, für die er ausreichend qualifiziert ist und die er auch gefahrlos tun kann. Wenn ein Arbeitnehmer an einer ansteckenden Krankheit leidet, so gebietet die Fürsorgepflicht selbstverständlich, dass er den gesamten krankgeschriebenen Zeitraum nicht arbeitet.

Zu guter Letzt …

Es ist zwar immer ärgerlich, wenn Mit- arbeiter krankheitsbedingt ausfallen – die Alternative, trotz Krankheit zu arbeiten, ist aber nicht unbedingt besser. Arbeitnehmer, die trotz Erkrankung arbeiten, nehmen eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in Kauf, haben ein größeres Fehler- und Unfallrisiko und stecken im Falle einer übertragbaren Erkrankung möglicherweise Kolleginnen und Kollegen an. Auch aus ökonomischer Sicht lohnt es sich meist nicht, sich krank zur Arbeit zu schleppen, denn die Folgekosten sind im Durchschnitt zehnmal so hoch, als wenn sich Arbeitnehmer auskurieren.

 

inform Ausgabe 4/2017

Arbeitnehmer*innen, die trotz Krankheit die Arbeitsstelle aufsuchen, sind laut Umfrage keine Seltenheit!

Bilder: ©Adobe Stock

Autor/Interviewer: Alex Pistauer, E-Mail: a.pistauer@ukh.de