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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken

Crowdworking als neues Arbeitsmodell

Der technologische Fortschritt, die wachsende Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung sozialer und wirtschaftlicher Prozesse führen zu Veränderungen bestehender Arbeitsformen und lassen neue Arbeitsmodelle entstehen. Zu diesen neuen flexiblen Arbeitsformen zählt das Crowdworking. Dieses ermöglicht es Unternehmen, Teilaufgaben bis zu Kleinstaufträgen über digitale Plattformen an freie Mitarbeiter zu vergeben. Wir geben Ihnen einen Überblick über diesen Trend und zeigen die Herausforderungen für die gesetzliche Unfallversicherung auf.

Schwarmwissen aus dem Netz

Ein wichtiger Treiber für Veränderungen ist die Informationstechnologie. Durch entsprechende Endgeräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones sind nicht nur die Kommunikation und Vernetzung mit Freunden und Bekannten, sondern auch Arbeit jederzeit und überall möglich. Beim Crowdworking werden Unternehmensaufgaben nicht wie im Normalfall unternehmensintern von einem Angestellten ausgeführt, sondern an eine große, undefinierte Masse an Personen („die Crowd“) in einem offenen digitalen Aufruf ausgelagert. Die Vergabe der meist in kleinere Aufgaben zerteilten Aufträge kann sowohl an die eigenen Beschäftigten als auch an Dritte erfolgen, die oftmals als Solo-Selbstständige für verschiedene Auftraggeber weltweit tätig sind.

Die Gesamtzahl der Crowdworker ist schwer abschätzbar. Eine Orientierung bietet die Zahl der Nutzer von Crowdworking-Plattformen: Die weltweit agierende Vermittlungsagentur Freelancer bietet auf ihrer Website aktuell Zugang zu rund 25 Millionen Crowdworkern; die deutsche Plattform Clickworker verfügt nach eigenen Angaben über 800.000 angemeldete Nutzer*innen (Stand Juli 2017).

Plattform-Typen für Crowdworking-Anbieter

  • Microtask-Plattformen (Aufgaben von eher geringer Komplexität. Im deutschsprachigen Raum, z. B. clickworker oder Mylittlejob
  • Marktplatz-Plattformen (Aufgaben eher von hoher Komplexität, häufig qualifikationsbasierte Vorauswahl der relativ spezialisierten Crowdworker (z. B. www.freelancer.com)
  • Design-Plattformen (Gestaltungsaufgaben z. B. für Logos, Websites oder Visitenkarten)
  • Testing-Plattformen (Testen von Produkten und Dienstleistungen, Großteil der zu testenden Objekte aus dem Bereich Softwareapplikationen)
  • Innovationsplattformen (Fokus auf Innovationsentwicklungen. Anders als in den anderen Plattform-Typen überwiegt ein zusammenarbeitsbasierter Lösungsansatz)

Quelle: „Crowdworker in Deutschland“ (Studie der Universität Kassel im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung)

Wissenschaftliche Erforschung von Crowdworking

Aktuell beschäftigen sich verschiedene Projekte mit den Merkmalen und Auswirkungen des Crowdworking. Die Universität Kassel (Fachgebiet Wirtschaftsinformatik) fand in einer Studie, die im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung (quantitative Befragung von 434 Crowdworkern) erfolgte, heraus, dass Crowdworker im Schnitt parallel auf zwei digitalen Plattformen aktiv sind und über eine gute bis sehr gute schulische Ausbildung verfügen. Auf Marktplatz- und Design-Plattformen verdienen Crowdworker im Schnitt am meisten und auch ungefähr das Gleiche (ca. 660 Euro pro Monat). Auf Testing- und Microtask-Plattformen fällt der durchschnittliche Verdienst etwas niedriger aus (411 bzw. 144 Euro pro Monat).

Das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat das Phänomen Crowdworking sowohl aus der Perspektive der Unternehmen als auch der Crowdworker untersucht. Eine Umfrage unter 408 Nutzerinnen und Nutzern von zwei deutschen Crowdworking-Plattformen für Microtasks kam zu dem Ergebnis, dass Crowdworker*innen an dieser Arbeitsform vor allem die Flexibilität bezüglich Arbeitsort und -zeit sowie hinsichtlich der Arbeitsinhalte schätzen. Bisher stellt Crowdworking nach dieser Studie jedoch noch eine marginale Arbeitsform dar. Der Großteil der Befragten geht neben der Crowdworkingtätigkeit einer abhängigen (Haupt-)Beschäftigung nach oder absolviert eine betriebliche Ausbildung bzw. ein Studium. Mehr als 50 Prozent der Befragten arbeiten zudem nur maximal eine Stunde wöchentlich „in der Crowd“ und erwirtschaften ein entsprechend geringes (Zusatz-)Gehalt von maximal 4,99 Euro netto wöchentlich.

Eine weitere Studie des ZEW, die den Fokus auf die Nutzung von Crowdworking durch Unternehmen legt, bestätigt, dass es sich momentan eher noch um eine Randerscheinung handelt. Die Befragung von insgesamt 1.549 Unternehmen verschiedener Branchen ergab, dass Crowdworking mittlerweile zwar branchenübergreifend eine relativ hohe Bekanntheit in den Unternehmen genießt (rund 78 % in der Informationswirtschaft und rund 71 % im verarbeitenden Gewerbe ist der Begriff bekannt). Dennoch handelt es sich bisher noch um ein Nischenphänomen: 3,2 Prozent der Unternehmen der Informationswirtschaft nutzen derzeit diese flexible digitale Arbeitsform, im verarbeitenden Gewerbe sind es nur 1,2 Prozent (Stand 2016).

Aus gewerkschaftlicher Sicht beschäftigt sich eine Studie (crowdwork) für die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di mit flexiblen digitalen Arbeitsformen. Im Rahmen dieser Befragung untersuchten die Initiatoren der Studie, welche Rolle traditionelle Gewerkschaften bei der Verbesserung neuer Arbeitsbeziehungen zwischen Crowdworkern und Unternehmen sowie beim Ausgleich entstehender Machtasymmetrien spielen können. Demnach wünscht sich die Mehrheit der Crowdworker, dass sich die Organisation der Arbeitnehmer aus eigener Kraft heraus vollziehen sollte. Gewerkschaften sollen eher als neutrale Instanz agieren, die bei Konflikten vermitteln kann.

Eine 2016 vorgelegte Expertise der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen („Faire Arbeit in der Crowd – Gestaltungsfelder guter Arbeitsbedingungen“) ergab, dass eine Möglichkeit zur fairen Entlohnung der Crowdarbeit darin bestehen könnte, sich an der Struktur des Heimarbeitsgesetzes zu orientieren, um für die verschiedensten Aufgaben und Qualifikationsansprüche eine angemessene Gebührenspanne zu entwickeln.

Potenzial und Risiko zugleich

Crowdworking beinhaltet sowohl Chancen als auch Risiken. Für Unternehmen und Auftragnehmer zählt zu den Vorteilen dieser Arbeitsform vor allem eine hohe Flexibilität. Andererseits besteht die Gefahr (wie beim Outsourcing), dass für Normalarbeitsverhältnisse geltende Standards umgangen werden und prekäre Arbeit gefördert wird. Dem stehen jedoch die Ergebnisse einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung entgegen, nach der nur eine Minderheit der Crowdworker ihre digitale Arbeit als alleiniges Mittel zum Gelderwerb nutzt. Vielmehr stellt die Arbeit in der Crowd für den Großteil (79 %) einen Nebenverdienst dar. Als problematisch erscheint die Situation tendenziell eher für diejenigen Crowdworker, die ihr Haupteinkommen durch die Arbeit in der Crowd erzielen. Einem durchschnittlichen Verdienst von ca. 1.500 Euro pro Monat steht hier eine wöchentliche Arbeitszeit von bis zu 80 Stunden gegenüber.

Herausforderungen für die gesetzlichen Unfallversicherer

Eine zentrale Aufgabe der Unfallversicherungsträger besteht darin, die vorhandenen Präventionskonzepte wirksam an sich verändernde, neue Arbeitsformen und Anforderungen anzupassen. Die Herausforderung für die gesetzliche Unfallver-sicherung besteht darin, rechtzeitig mit adäquaten Präventionsangeboten auf neue Arbeitsformen zu reagieren. Problematisch am Crowdworking ist, dass bisher keine bzw. kaum Mindeststandards bezüglich Arbeitsentgelt sind alle laufenden oder einmaligen Einnahmen aus einer Beschäftigung.
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Arbeitsentgelt
, Arbeitszeit und Arbeitsschutz existieren.

Für die Unfallversicherungsträger stellen sich, analog zur Kommentierung des Grünbuchs „Arbeiten 4.0“ durch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), folgende Fragen:

  • Welche Kriterien (z. B. Arbeitsvertrag, Ort der Leistungserbringung, Sitz des Arbeitsgebers) bestimmen zukünftig, wer in Deutschland unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung steht?
  • Wie muss die Gefährdungsbeurteilung bei zunehmend flexiblen, unstrukturierten Beschäftigungsverhältnissen und dynamischen Arbeitsumgebungen angepasst werden?
  • Wie kann ein hohes Niveau von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit auch in einer dynamischen Arbeitswelt gewährleistet werden, wenn Beschäftigungsformen sich durch technologische Fortschritte verändern?
  • Beinhaltet die Ausweitung atypischer Beschäftigung spezielle Gefährdungen der psychischen und körperlichen Gesundheit?
  • Kann Crowdworking sogar positive Effekte erzielen und dazu beitragen, arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu minimieren?

Der gesetzliche Unfallschutz darf auch bei Veränderungen der Arbeitswelt kein Privileg von Beschäftigten in traditionellen Beschäftigungsverhältnissen sein.

 

inform Ausgabe 3/2017

Die Arbeit als Crowdworker*in beinhaltet Chancen und Risiken. In Sachen Arbeitsschutz sind die gesetzlichen Unfallversicherer jetzt gefragt.

Durch Endgeräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones sind nicht nur die Kommunikation und Vernetzung mit Freunden und Bekannten, sondern auch Arbeit jederzeit und überall möglich. Bilder: ©Adobe Stock

Autor/Interviewer: Sandro L’Assainato, E-Mail: s.lassainato@ukh.de