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Datum: Kategorie(n): Gesundheitsdienst · Leistungen UKH · Landesbetriebe · Sicherheit · Drucken

Unterwegs mit: Wolfgang Baumann

Wolfgang Baumann ist Physiker; er kann auf lange Erfahrung als Aufsichtsperson zurückgreifen. Schon im Jahr 1984 fing er beim damaligen hessischen Gemeindeunfallversicherungsverband an, der 1998 zur Unfallkasse Hessen fusionierte. 1984 gab es nur fünf Aufsichtspersonen, die für ganz Hessen (außer Frankfurt) zuständig waren – bis heute hat sich die Betreuungssituation glücklicherweise deutlich verbessert. Als Experte für den Gesundheitsdienst (u. a. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen) gibt Wolfgang Baumann uns einen Einblick in seinen spannenden Berufsalltag.

inform: Herr Baumann, Physik und Unfallversicherung – wie passt das zusammen?

Wolfgang Baumann (WB): Sehr gut sogar, dazu werde ich Ihnen später Beispiele geben. Physiker arbeiten häufig fachfremd, damals noch häufiger als heute. Das Studium war auf den Forschungsbereich ausgelegt, allerdings gab es nur wenige Stellen. Nachdem ich mir die Abteilung und die inhaltliche Ausgestaltung der Arbeit beim Hessischen GUV angeschaut hatte, wollte ich gern hier arbeiten.

inform: Was sind für Sie als langjähriger Experte die grundlegendsten Änderungen seit 1984 im UnfallversicherungsgeschäftŒ?

WB: Neben der Entstehung des Jobprofils der Aufsichtsperson, die früher Technischer Aufsichtsbeamter hieß, gab es vor allem den Paradigmenwechsel in den Vorschriften: weg von den Vorschri‰ften, die das Verhalten der Arbeiter/-innen und die Technik regeln, hin zu Vorgaben von Sicherheitszielen. Und weiter sind natürlich die Einführung des Arbeitsschutzgesetzes und der Biostoff‹verordnung zu nennen.

inform: Für welchen Bereich sind Sie bei der Unfallkasse Hessen genau zuständig?

WB: Räumlich betrachtet liegen meine Tätigkeitsschwerpunkte in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes der Regierungsbezirke Darmstadt und Gießen. Dazu gehören Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Kurbetriebe, aber auch die Universitätskliniken.

Fachlich sind hier alle Gefährdungen zu nennen, die im Gesundheitsdienst au‰ftreten, vor allem Infektionsgefahren, Haut-, Muskel-Skelett-Erkrankungen, aber auch solche, die mit psychicher Belastung im Zusammenhang stehen. Bei Letzterer ist die Tendenz steigend: schlecht planbare Arbeitszeiten, Schichtarbeit, viele Überstunden … Und dann bleibt im Hinterkopf der Arbeitnehmer/-innen natürlich die Frage, wo es generell mit dem Gesundheitsdienst in Deutschland hingehen wird – das belastet auch. Bei psychischen Belastungen kann eine Änderung der organisatorischen Abläufe häufig zu einer Stressreduktion führen. Leider ist es aber häufig so, dass eine grundlegende Änderung der Strukturen außerhalb unseres Zuständigkeits- und Einflussbereichs liegt.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit sind Ermittlungen in Berufserkrankungsfällen, die durch Lärmexposition entstehen. Personen, die im Bereich der Müllentsorgung und Straßenreinigung arbeiten, sind hier beispielsweise gefährdet. Wenn keine validen Daten zur Lärmbeurteilung am jeweiligen Arbeitsplatz vorliegen, messen wir im Rahmen unserer Lärmmessstelle nach. So haben wir beispielsweise eine Erhebung für Fahrer von kleinen Straßenkehrmaschinen durchgeführt. Perspektivisch möchte ich gemeinsam mit dem zuständigen Kollegen weitere Messungen im Tätigkeitsumfeld von Straßenunterhaltungsdiensten und Bauhöfen durchführen, um so ein ganzes Lärmkataster für Hessen zu füllen.

In vielen Bereichen hilft‰ uns auch der technische Fortschritt zukün‰ftig, Gefährdungen zu reduzieren. Beispielsweise bei Mitarbeitern/-innen, die mit Laubbläsern arbeiten – ist die Lärmbelastung hier bisher sehr hoch gewesen, wird nun nach und nach auf Elektromotoren umgerüstet, die ähnlich wie beim Elektroauto nahezu geräuschfrei sind. Einen Bedarf für intensivere Messungen hätten wir auch im Bereich der Belastung durch UV- und Infrarotstrahlungen.

Hier sind die potenziell gefährdeten Berufsgruppen solche wie Straßenwärter/-innen, Schwimmmeister/-innen oder auch Bauhofmitarbeiter/-innen. Sie verbringen viel Zeit im Freien und nach bisherigem Kenntnisstand können wir nicht genau sagen, ob sie eine gefährdete Gruppe darstellen oder nicht. Ähnlich sieht es bei Erziehern/-innen aus. Auch sie verbringen mit den Kindern viel Zeit im Freien. Um die Gefährdung herauszufinden, müssen Langzeitmessungen und vergleichende Ablaufuntersuchungen durchgeführt werden. Ein ähnliches Kataster, wie wir es momentan für den Lärm mitentwickeln, bräuchten wir also auch für den Strahlungsbereich. Wenn genug Daten in dieses Kataster eingespeist werden, können realitätsnahe Aussagen zu einer ehemals bestehenden Gefährdung getro‹ffen werden. Hier müssen wir auch mit dem Institut für Arbeitsschutz der DGUV zusammenarbeiten.

inform: Gibt es außer Strahlung und Lärm noch weitere physikalische Einwirkungen, die zur Gefährdung werden können?

WB: Elektromagnetische Felder können auch eine Gefährdung darstellen. Wir hatten beispielsweise einen Fall, bei dem in einem Betrieb mehrere Krebserkrankungen zeitgleich entstanden sein sollten – so die Einschätzung der Betroff‹enen. Wenn so eine Krankheit häufig in demselben Betrieb au‰ftritt, dann liegt die Vermutung zunächst nahe, dass ein Zusammenhang zur beruflichen Tätigkeit besteht. In dem oben genannten Fall handelte es sich um eine Arbeitsstätte in der Nähe einer Bahnanlage. Hier muss man genau untersuchen, was die Ursachen der Krebserkrankung sein könnten. Ermittlungen über die Exposition durch elektromagnetische Felder könnten einen Beitrag zur Klärung leisten. Allerdings muss ich zur Entschärfung auch sagen, dass sich in vielen Fällen kein Zusammenhang zwischen den vermuteten Ursachen am Arbeitsplatz und der Krebserkrankung feststellen lässt.

inform: Technische Hilfsmittel oder technischer Fortschritt führen also dazu, dass die Arbeitssituationen für unsere Zielgruppen fortwährend besser werden. Wo sehen Sie dann zukünftŒig Ihre Arbeitsschwerpunkte?

WB: In Zukun‰ft werden im Bereich der elektromagnetischen Strahlung vermutlich mehr Fragen an uns gerichtet werden. Die Belegschaft‰en werden älter, weshalb mehr Mitarbeiter/-innen, die Implantate oder Herzschrittmacher tragen, an gefährdeten Arbeitsplätzen tätig werden. Hier muss für solche Mitarbeiter/-innen eine genaue Gefährdungsbeurteilung erstellt werden.

Da vermehrt Mobilfunkanlagen auch auf öff‹entlichen Gebäuden aufgestellt werden, erreichen uns häufiger Fragen wie: "Darf der Hausmeister aufs Dach, wenn sich auf dem Gebäude jetzt eine Mobilfunkanlage befindet?" bis hin zu: "Darf der Schlauchturm einer Feuerwehr mit aufgesetzter Antenne noch als solcher genutzt werden?"

inform: Haben Sie bei der Fülle der Aufgaben ein Lieblingsprojekt oder mehrere?

WB: Die messtechnischen Fragestellungen liegen mir, auch wegen meines Backgrounds als Physiker, besonders am Herzen, auch wenn das bedeutet, dass ich auch einmal mitten in der Nacht um drei Uhr aufstehe, um bestimmte Messungen bei Schichtarbeitern durchzuführen.

Das Projekt zum rückengerechten Patiententransfer zur Prävention von Rückenerkrankungen war eins meiner Lieblingsprojekte, weil wir die Rückmeldung der Anwender/-innen bekamen, dass es zu erheblichen Verbesserungen und zur Gesundheitsprävention bei der Arbeit beigetragen hat. Hier konnten wir viele Multiplikatoren ausbilden, die nach der Weiterbildung bei uns in der Lage waren, selbst Schulungen zu diesem Thema in ihren Betrieben durchzuführen. Das Verfahren haben wir gemeinsam mit anderen Unfallkassen entwickelt.

Dachte man in den 90er Jahren noch, Wirbelsäulenerkrankungen entstehen vor allem bei Personen, die hauptsächlich im Stehen arbeiten wie Operateure oder Zahnärzte, so zeigte sich, dass die Ursache zum Großteil beim Heben und Tragen schwerer Lasten während des normalen Krankenhausbetriebs liegt. Die Belastungen bestehen trotz technischer Hilfsmittel wie höhenverstellbarer Betten weiter, weil bettlägerige Patienten auch immobilisiert werden müssen. Es handelt sich zwar meistens nur um kurzzeitige Belastungen von Muskeln und Sehnen, die aber in der Summe zur ernsthaft‰en Erkrankung werden können. Zur Veranschaulichung: Profisportler/-innen wärmen sich vor dem Sport immer auf, bevor sie sich der körperlichen Belastung aussetzen.

Auch die "Präventionskampagne Haut" ist bzw. war ein Lieblingsprojekt. Hierbei waren wir unter anderem in Kindergärten unterwegs und es war spannend zu sehen, wie die Kinder auf unsere Inhalte reagierten und interagierten, denn mit dieser Zielgruppe habe ich sonst nicht so große Berührungspunkte. Diese DGUV Kampagne ist eigentlich schon vorüber, aber gerade hat sich eine Projektgruppe mehrerer Unfallkassen dazu entschlossen, ihre Kampagnenseite zu überarbeiten und mit neuem Layout an den Start zu gehen. Die Probleme mit Hauterkrankungen bzw. ihrer Vermeidung bestehen ja unverändert weiter und es gibt hohen Informationsbedarf.

inform: Hatten Sie während Ihrer Außendiensttätigkeit ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

WB: Hier fällt mir neben vielen schönen Erlebnissen leider vor allem auch ein negatives ein, das für mich sehr eindrücklich war. Ich musste einmal die Ursache eines tödlichen Unfalls untersuchen, es handelte sich um Handwerker in einem Mitgliedsbetrieb, die die Störung eines Aufzugs beseitigen sollten. Während der Arbeit im Aufzugsschacht wurde eine Sicherungsmaßnahme zu früh wieder aufgehoben, was zur Folge hatte, dass einer der Monteure verunglückte und verstarb. Bemerkenswert war hier die Reaktion der Führungskraft‰, die dies als Unaufmerksamkeit ihrer Mitarbeiter abtat und keinerlei Reflexion oder Aufarbeitung dieses tragischen Unfallgeschehens erkennen ließ.

inform: Was hätte die FührungskraftŒ Ihrer Meinung nach besser machen können?

WB: Gewünscht hätte ich mir, dass Maßnahmen ergriff‹en worden wären, damit solche Situationen zukün‰ftig nicht mehr passieren können, zum Beispiel durch bessere oder häufigere Unterweisungen, oder dass nach technischen Lösungen gesucht wird, die verhindern, dass solche Unfälle wieder passieren können. Für mein Empfinden hat es sich die verantwortliche Person zu einfach gemacht – auch wenn ich ihr konkret keine organisatorische Mitschuld unterstellen möchte.

Aber natürlich freut mich jeder rückgemeldete Erfolg zur Gesundheitserhaltung der Belegschaft‰ in einem "meiner" Betriebe: wenn ich beispielsweise technische oder organisatorische Maßnahmen vorgeschlagen habe, die so umgesetzt wurden und dann zu einer erheblichen Verbesserung der jeweiligen Situation geführt haben.

Häufig ist es ja so, dass wir nur Vorschläge zur Verbesserung machen können und Maßnahmen nicht konkret anordnen dürfen, wenn keine akuten Gefährdungen vorliegen. Dann freut es mich sehr, wenn der Betrieb trotzdem freiwillig das Geld in die Hand nimmt und Vorschläge zum Gesundheits- und Arbeitsschutz umsetzt – das ist heute leider nicht mehr überall selbstverständlich.

inform: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!



inform Ausgabe 2/2015

Wolfgang Baumann, Aufsichtsperson der Unfallkasse Hessen

Gesundheitsprävention bei den Kleinsten – und alle machen mit!

Voll in Aktion: Lärmmessungen am Vorfeldeinlassbereich des Flughafens

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Autor/Interviewer: Cordula Kraft (069 29972-606), E-Mail: c.kraft@ukh.de