Twitter Facebook Instagram Youtube Xing RSS Snapchat LinkedIn
inform ukh
Datum: Kategorie(n): Gesundheit · Kita · Präventionskampagnen · Drucken

Neue Erkenntnisse zur Ergonomie in Kinderkrippen

Maßnahmen zur Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz sollen alltagstauglich und wirksam sein. Wer könnte das besser beurteilen als die Beschäftigten selbst? Die aktive Beteiligung der Beschäftigten ist ein wichtiges Handlungsfeld zur Verbesserung der Präventionskultur. Dazu laden Unfallkassen und Berufsgenossenschaften mit ihrer Kampagne „kommmitmensch“ ein. Die Unfallkasse Hessen hat ihre Versicherten befragt und so neue Erkenntnisse zur Ergonomie in Kinderkrippen gewonnen.

Arbeitsplatz Kindertageseinrichtung

Die Arbeitsbedingungen der pädagogischen Fach- und Führungskräfte in Kindertageseinrichtungen (Kita) haben sich durch politische und gesellschaftliche Veränderungen gewandelt. In der Folge sind die beruflichen Anforderungen und damit auch die Belastungen gestiegen. Neben Lärm, psychischem Druck und Infektionen gehören vor allem körperliche Belastungen zum Arbeitsalltag.

Langes Sitzen auf zu kleinen Stühlen an zu kleinen Tischen, Heben und Tragen von Kindern, ständiges Bücken und das Knien und Hocken auf dem Boden – das alles geht ins Kreuz. So wundert es nicht, wenn jede zweite Fachkraft in Kitas von sich sagt: „Ich habe Rücken …“

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts ErgoKita bestätigen, dass drei Viertel der Befragten unter gesundheitlichen Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems leiden. Besonders häufig treten Rücken und Kniebeschwerden auf. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Ausstattung der Einrichtungen orientiert sich an den Bedürfnissen und Körpergrößen der Kinder. Vielerorts fehlen erwachsenengerechte Tische, spezielle Stühle für Erzieher*innen oder Aufstiegshilfen an Wickeltischen. Die ungünstigen ergonomischen Arbeitsbedingungen belasten das Muskel-Skelett-System. Nicht erst vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels ist hier ein Umdenken gefragt. Die strukturellen Rahmenbedingungen stehen in direkten Zusammenhang mit der Gesundheit der Kita-Beschäftigten. Bei schlechten Rahmenbedingungen steigen die Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems deutlich an. Das belegen die Ergebnisse des Forschungsprojekts STEGE-Strukturqualität und ErzieherInnengesundheit eindringlich.

Auf Augenhöhe mit den Kleinsten

Seit 2013 gilt das Recht auf einen Betreuungsplatz auch für Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahrs. Folglich nimmt der Anteil der Kinder unter drei Jahren in den Einrichtungen stark zu. Mit den Kleinen haben sich auch die Arbeitsaufgaben des Personals verändert. Kindern auf Augenhöhe begegnen ist in Kinderkrippen nicht nur Ausdruck einer pädagogischen Haltung. Vielmehr bedeutet dies ganz konkret, sich weit nach unten zu beugen, auf dem Boden zu sitzen oder in die Knie zu gehen. Viele Tätigkeiten finden am Boden sitzend statt. Hebe- und Tragevorgänge in der Eingewöhnungsphase oder beim Wickeln treten vermehrt auf. Gerade für pädagogische Fachkräfte, die mit Kindern unter drei Jahren arbeiten, ist eine ergonomisch optimierte Arbeitsplatzgestaltung daher besonders wichtig.

Handlungsmöglichkeiten

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, Gefährdungen zu ermitteln und zu beurteilen. Um die Gesundheit des Personals zu erhalten und zu stärken, sind Maßnahmen sowohl im Bereich der Verhältnis- als auch der Verhaltensprävention erforderlich. Die Maßnahmen beziehen sich sowohl auf eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung als auch auf die Stärkung der Gesundheitskompetenzen und des gesundheitsgerechten Verhaltens der Fachkräfte selbst.

Als verhältnispräventive Maßnahme gegen Rückenbeschwerden durch das häufige Sitzen auf dem Boden im Krippenbereich werden gerne Bodenstühle empfohlen. Allerdings liegen bisher kaum Erkenntnisse vor, ob deren Nutzung tatsächlich zu einer Reduzierung von Rückenbelastungen speziell im Krippenbereich beitragen kann. Es mangelt an aussagekräftigen Untersuchungen über die tatsächliche Wirksamkeit dieser verhältnisorientierten Maßnahme.

Projekt ErgoSitzKrippe

Mit dem Projekt ErgoSitzKrippe greift die UKH diese Fragestellung auf. Wie wirksam sind die ergonomischen Bodensitzstühle tatsächlich? Im Vordergrund stehen die persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen der Beschäftigten. Am Projekt, das nach den Sommerferien 2019 startete, beteiligten sich 50 hessische Kindertageseinrichtungen in kommunaler Trägerschaft. Jede Einrichtung erhielt zwei Bodenstühle, die von zwei Erzieher*innen des Krippenbereichs für sieben Wochen getestet wurden. Vor und nach der Testphase fand eine Online- Befragung der 100 Krippenerzieher*innen statt. Das Projekt wurde im Rahmen einer Masterarbeit begleitet.

Erkenntnisse und Ergebnisse

Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass die Erzieher*innen die Bodenstühle mehrheitlich bei ähnlichen Tätigkeiten verwenden. Demnach kommen diese besonders häufig beim Morgen- und Abschlusskreis, beim Vorlesen und Spielen am Boden (z. B. Puzzeln) zum Einsatz. Ferner geben einige Erzieher*innen an, den Bodenstuhl bei der Schlafbegleitung zu nutzen.

Bei den Bewertungen des Bodenstuhls überwiegen die positiven Rückmeldungen. 80 Prozent der Befragten bestätigen, dass dieser ihnen das Sitzen am Boden erleichtert. Hervorgehoben wird insbesondere eine aufrechte und entspannte Sitzhaltung durch die Möglichkeit, sich anzulehnen – auch mitten im Raum und ohne Unterstützung der Hände. Als angenehm wird der Sitzkomfort durch die gepolsterte Sitzfläche empfunden, die auch Bodenkälte abhält. Der Bodenstuhl wird als leicht handhabbar und platzsparend gelobt.

83 Prozent geben an, den Sitz weiterhin in ihrem Arbeitsalltag nutzen zu wollen. Die Frage, ob sie den Bodenstuhl anderen Erzieher*innen weiterempfehlen, bejahten 76 Prozent. Diejenigen Erzieherinnen, die ihn nicht weiterempfehlen, geben als Hauptgrund an, dass sie bei ihrer Tätigkeit mobil sein müssen und der Stuhl hierfür zu unflexibel sei. Sie sehen nur begrenzte Einsatzmöglichkeiten und finden das Hinterhertragen des Stuhls unpraktisch. Auch das Aufstehen wird bisweilen als beschwerlich empfunden.

Zur Frage der Wirksamkeit der Bodensitzstühle zeigen die Ergebnisse, dass sich die Rückenbelastungen der Erzieher*innen während der siebenwöchigen Testphase nicht signifikant reduziert haben. Allerdings ist eine leichte Verbesserungstendenz erkennbar, die es mit einer größeren Stichprobe und einer längeren Nutzungsdauer zu untersuchen lohnt.

Bedenklich ist, dass 93 Prozent der Befragten angeben, dass in ihrer Einrichtung nicht ausreichend bodengerechtes Mobiliar zur Verfügung steht. Außerdem zeigt sich, dass sich viele Erzieher*innen mehr Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung wünschen. Zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation am Arbeitsplatz schlagen 62 Prozent Gesundheitskurse für Mitarbeiter*innen und 58 Prozent Informationen zu gesundheitsgerechtem Verhalten (z. B. Rückenschule) vor.

Chancen nutzen

Das Projekt ErgoSitzKrippe bringt die Erkenntnis, dass in vielen Einrichtungen Mobiliar für am Boden sitzende Tätigkeiten fehlt. Der Bodenstuhl erweist sich daher als wichtige Ergänzung für eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung. Die Ergebnisse bestätigen aber auch: „Die Mischung macht’s!“ Es gilt einerseits, Belastungen durch eine ergonomische Möblierung zu reduzieren, und andererseits, Ressourcen der Beschäftigten durch Angebote der betrieblichen Gesundheitsförderung zu stärken. Die Beteiligung der Beschäftigten ist dabei ein guter Weg, um zu praxistauglichen Verbesserungsvorschlägen zu gelangen und die Präventionskultur zu fördern.

 

inform Ausgabe 1/2020

Kita-Info

Weitere Informationen zu rückengerechtem Arbeiten in Kinderkrippen finden Sie in der aktuellen Ausgabe unserer Kita-Info auf kita.ukh.de.

Durch die steigende Zahl der unter Dreijährigen haben sich die Arbeitsaufgaben des Personals gewandelt. Viele Tätigkeiten finden am Boden sitzend statt.

Die Erzieherinnen Kathrin Kohlhaase und Jessica Komitsch sind „kommmitmenschen“ und freuen sich, dass die Stühle nach der Testphase in der Kita Vollmarshausen verbleiben.

Bürgermeister Uwe Jäger von Lohfelden (2. v. l.) und Kita-Leiterin Claudia Hesse (r.) ließen es sich nicht nehmen, die neuen Stühle gemeinsam mit Kristina Schumann von der UKH (3. v. l.) und der das Projekt begleitenden Studentin Romy Hübner (l.) „Probe zu sitzen“. Bilder: ©Uwe Naujokat, UKH

Datum: Kategorie(n): Gesundheit · Kita · Präventionskampagnen · Drucken
Autor/Interviewer: Kristina Schumann, E-Mail: k.schumann@ukh.de