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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Gefahrstoffe · Drucken

Pflichten von Bauherren beim Bauen im Bestand

Viele in der Vergangenheit eingesetzte Baumaterialien sind heute als Schadstoffe bekannt und gelten als gesundheitsschädlich oder sogar krebserzeugend. Bei Baumaßnahmen im Bestand, z. B. Abbruch, Sanierung, Instandhaltung oder Umbau, werden daher an alle, die am Bau beteiligt sind, besondere Herausforderungen gestellt. Die Richtlinie VDI 6202 Blatt 1 beschreibt deren Aufgaben.

Asbest, „alte“ Mineralwolle-Dämmstoffe (vor dem Jahr 2000 eingebaut), teerhaltige Produkte (PAK), polychlorierte Biphenyle (PCB) sowie Holzschutzmittelwirkstoffe wie Pentachlorphenol (PCP), Lindan und DDT wurden in der Vergangenheit wegen ihrer besonderen technischen Eigenschaften in zahlreichen Baustoffen verwendet. Weitere Schadstoffe können im Rahmen der Nutzung der Objekte oder durch den Gebäudeunterhalt eingebaut worden sein. Auch Belastungen durch Biostoffe, z. B. durchSchimmelpilze oder Taubenkot in Dachstühlen, können eine Gefährdung für Nutzer und Sanierer darstellen.

Aufgaben von Bauherren

Bei Baumaßnahmen kommen auf Bauherren besondere Aufgaben zu. Diese müssen zum einen ein breites Spektrum an Vorschriften und Regelungen des Baurechts beachten. Zum anderen ergeben sich für sie auch aus dem Gefahrstoff- und Abfallrecht weitreichende Pflichten. Sie tragen die Gesamtverantwortung für die baulichen Maßnahmen. Diese besteht aus Planungs- und Überwachungsverantwortung sowie der Verantwortung für eine ordnungsgemäße Entsorgung der anfallenden Abfälle.

Pflichten von Bauherren

  • Fachkundige Planung
  • Erkunden der Schadstoffe und Erstellen eines Schadstoffkatasters
  • Erarbeiten eines Sicherheits- und Gesundheitsschutzplans (SiGe Plan) gem. Baustellenverordnung
  • Erstellen eines Arbeits- und Sicherheitsplans (A+S-Plan) als Grundlage für die Ausschreibung der Baumaßnahme
  • Erarbeiten eines Entsorgungskonzepts und Vergabe der Aufträge an fach-/sachkundige Unternehmen
  • Koordination der Arbeiten gemäß Baustellenverordnung TRGS 524 – DGUV Regel 101-004
  • Überwachung und Abnahme der Arbeiten und Feststellen des Sanierungserfolges, z. B. durch Kontrollmessungen

In der zu erwartenden Neufassung der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) wird eine anlassbezogene Erkundungspflicht des Bauherren verankert werden.

Gemäß § 12 der Hessischen Bauordnung (HBO) müssen „bauliche Anlagen so […] beschaffen sein, dass durch […] chemische, physikalische oder biologische Einflüsse Gefahren, unzumutbare Nachteile oder unzumutbare Belästigungen nicht entstehen“. Somit wird den Bauherren die Verantwortung übertragen, auch Gefährdungen, die durch Schadstoffe entstehen können, von den Nutzern und den an den Baumaßnahmen Beteiligten fernzuhalten. Diese Anforderung kann nur auf der Grundlage einer hinreichenden Kenntnis über die Schadstoffsituation erfüllt werden. Daraus resultiert die Forderung, dass vor Baumaßnahmen im Bestand geprüft werden muss, ob Schadstoffe im Objekt vorhanden sind.

Baumaßnahmen in belasteten Gebäuden sind im Sinne des Gefahrstoffrechts Tätigkeiten mit Gefahrstoffen, die nach der GefStoffV erst dann aufgenommen werden dürfen, wenn eine Gefährdungsbeurteilung als das zentrale Element des Arbeitsschutzes vorliegt. Auf deren Grundlage können dann erst geeignete Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten und auch Dritter festgelegt werden. Voraussetzung für die Gefährdungsbeurteilung sind wiederum Kenntnisse darüber, welche Schadstoffe im Arbeitsbereich anzutreffen sind. Zu dieser Recherche werden die Bauherren durch § 15 Gef- StoffV aufgerufen. Auch die Technischen Regeln für Gefahrstoffe TRGS 524 und die DGUV Regel 101-004 übertragen den Bauherren die Aufgabe, vor Beginn der Arbeiten eine Erkundung durchzuführen sowie einen A+S-Plan zu erstellen, der neben den Schadstoffen auch die Durchführung der Sanierung und die dabei erforderlichen Schutzmaßnahmen beschreibt.

Ablauf der Baumaßnahme

Für den Ablauf einer sicheren und erfolgreichen Baumaßnahme im Gebäudebestand sind die nachfolgenden Schritte zu beachten:

Bestandsaufnahme und Erstbewertung

Im Vorfeld der Maßnahmen müssen die Bauherren zunächst eine Bestandsaufnahme veranlassen, um im Sinne der Landesbauordnung eine sichere Durchführung der Tätigkeiten gewährleisten zu können. Zur Bestandsaufnahme gehört die Auswertung von Bauakten, Plänen und Altlastenkataster. Daraus können sich Informationen zur Bau- und Nutzungsgeschichte, zu verbauten Schadstoffen, möglichen nutzungsbedingten Verunreinigungen und Hinweise auf besondere Vorkommnisse (Kriegseinwirkungen, Brandschäden etc.) ergeben.

Technische Erkundung und Feststellen des Handlungsbedarfs

Die o. g. Informationen müssen in der Regel durch eine Ortsbegehung und ggf. technische Untersuchungen der Bausubstanz ergänzt werden. Die Ergebnisse werden in einem Schadstoffkataster dokumentiert. Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann zum einen festgestellt werden, ob im Hinblick auf die derzeitige bzw. geplante Nutzung Sanierungsnotwendigkeit oder -dringlichkeit besteht. Ein Schadstoffkataster bildet auch die Planungsgrundlage für erforderliche handwerkliche Instandhaltungsarbeiten bis hin zu umfangreichen Umbau- oder Abbruchmaßnahmen.

Sanierungsplanung Die Bauherren müssen die Gesamtmaßnahme umfassend planen und dabei auch die Aspekte Arbeitsschutz sowie Entsorgung der anfallenden Abfälle berücksichtigen. In diesem Schritt sind die Sanierungsziele zu definieren und geeignete Methoden auszuwählen. Sanierungsmethoden können je nach Aufgabenstellung Beschichtung, räumliche Trennung oder Ausbau der schadstoffbelasteten Baumaterialien sein.

Auf Grundlage der festgestellten Schadstoffbelastung und der gewählten Sanierungsmethode sind die von den Arbeiten ausgehenden Gefährdungen zu ermitteln und geeignete Schutzmaßnahmen zu beschreiben. Die Schutzmaßnahmen berücksichtigen dabei sowohl den Schutz der Sanierenden als auch den betroffener anderer Personen.

Grundsätzlich sind staub- und emissionsarme Arbeitsverfahren auszuwählen. Technische Maßnahmen zur Verminderung der Schadstoffexposition haben in der Hierarchie des Arbeitsschutzes stets Vorrang und werden ergänzt durch organisatorische Maßnahmen und den Einsatz persönlicher Schutzausrüstung. Die Ergebnisse der Sanierungsplanung fließen in den A+S-Plan nach TRGS 524 bzw. DGUV Regel 101-004 ein.

Ausführungsvorbereitung

Die spezifischen Gefahren bei Schadstoffsanierungen erfordern eine besondere Sorgfalt bei der Ausschreibung und Vergabe der Arbeiten. Eine strukturierte Leistungsbeschreibung und der A+S-Plan bilden die Grundlage der Kalkulation und des Bauvertrags.

Ausführung

Vor Beginn der Arbeiten steht zunächst das Erstellen einer baustellenbezogenen Gefährdungsbeurteilung durch die ausführenden Firmen auf der Grundlage der von den Bauherren erstellten A+S-Pläne.

Zusammenfassung

Die konsequente Beachtung des beschriebenen Ablaufs einer Baumaßnahme im Gebäudebestand dient nicht nur dem Schutz der Beschäftigten, sondern auch dem „Dritter“, die durch die baulichen Maßnahmen betroffen sein können. Sie liegt auch in der Verantwortung und im besonderen Interesse der Bauherren: Ohne eingehende Erkundung der Schadstoffe und Beschreibung geeigneter Schutzmaßnahmen kann es im Bauablauf immer wieder zu Überraschungen kommen, wenn während der Arbeiten „unbekannte“ Schadstoffe entdeckt oder unsachgemäß „bearbeitet“ werden. Die Folgen sind steigende Kosten und Störungen des Bauablaufs.

Die Richtlinie VDI 6202 Blatt 1 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten“ bietet eine wertvolle Unterstützung für Bauherren. Sie beschreibt umfassend den Ablauf einer Sanierung, berücksichtigt dabei die Anforderungen, die sich aus dem Baurecht, Arbeitsschutzrecht und Abfallrecht ergeben, und beschreibt auf dieser Grundlage die Pflichten und Aufgaben aller am Bau beteiligten Personen.

 

inform-Ausgabe 2/2019

Literaturliste

  • Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz auf Baustellen (BaustellV)
  • Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen (BiostoffV)
  • Verordnung zum Schutz vor Gefahrstoffen (GefstoffV)
  • Hessische Bauordnung (HBO)
  • DGUV Regel 101-004 „Kontaminierte Bereiche“
  • TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“
  • TRGS 521 „Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit alter Mineralwolle“
  • TRGS 524 „Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen“
  •  VDI/GVSS 6202 Blatt 1 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen - Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten“
Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Gefahrstoffe · Drucken
Autor/Interviewer: Ingrid Thullner und Andrea Bonner, BG Bau, E-Mail: i.thullner@ukh.de; andrea.bonner@bgbau.de