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Datum: Kategorie(n): Wegeunfälle · Versicherungsschutz · Sicherheit · Leistungen UKH · Gesundheit · Drucken

Wie die Unfallkasse Hessen Unfallopfern hilft

„Der jetzt 21-jährige Schüler der Hans-Viessmann-Berufsschule in Frankenberg, Andreas Walker, ist am 22. Februar 2017 als Beifahrer eines PKW ohne Fremdbeteiligung auf dem direkten Weg von der Wohnung zur Schule verunglückt. Das Fahrzeug prallte mit ca. 50 km/h gegen einen Baum. Der Fahrer des Fahrzeugs erlitt nur geringfügige Verletzungen. Andreas war im Fahrzeug eingeklemmt und musste technisch geborgen werden.“

So weit der Bericht des Reha-Beraters der Unfallkasse Hessen, der den verletzten Schüler am 23.3.2017 in der Neurologischen Klinik Westend der Werner-Wicker-Klinik (WWK) in Bad Wildungen aufsucht, um gemeinsam mit dessen Mutter und Schwester frühzeitig den weiteren Verlauf der Behandlung und Rehabilitation zu planen.

Die Erstversorgung

Die Verletzungen sind schwer und umfangreich: linke Augenhöhle, linkes Felsenbein, linkes Schlüsselbein sind gebrochen. Die Zähne sind ebenfalls betroffen. Beide Lungen sind gequetscht. Lebensbedrohlich aber ist die schwere Schädel-Hirn-Verletzung mit Einblutungen ins Gehirn und dadurch bedingter armbetonter Lähmung der linken Seite. Die Akutbehandlung wird auf der neurologischen Intensivstation der Uniklinik Marburg durchgeführt. Die Ärzte stoppen die Einblutung ins Gehirn in einer Notoperation mittels Eröffnung der linken Schädeldecke. Andreas wird in ein künstliches Koma versetzt, künstlich beatmet und mittels Magensonde auch künstlich ernährt.

Andreas überlebt.

Frührehabilitative Behandlung

Vier Wochen nach dem Unfall wird Andreas in die Neurologische Klinik Westend der WWK in Bad Wildungen verlegt. Erschwerend zur weiterhin notwendigen künstlichen Beatmung und Ernährung kommt eine Infektion mit MRSA-Keimen hinzu. Andreas liegt auf der Isolierstation.

Die gute Nachricht: Andreas’ Gesundheitszustand ist stabil. Er ist ansprechbar und bewusstseinsklar, zeitlich und örtlich orientiert. Wegen der Trachealkanüle, mittels derer er beatmet wird, kann er nicht sprechen. Aber er kommuniziert durch Mimik und Gestik und schriftliche Kommentare mit nur einer Hand. Die behandelnde Ärztin ist zuversichtlich, dass bald weitere Verbesserungen der körperlichen und geistigen Funktionen durch die stationäre frührehabilitative Behandlung zu erwarten sind.

Die Prognose ist vier Wochen nach dem Unfall verhalten positiv. Andreas ist jetzt schon in der Lage, drei Stunden täglich selbstständig zu atmen. Physio- und ergotherapeutische sowie logopädische Behandlungen werden bereits durchgeführt.

Andreas ist zurück im Leben.

Behandlungserfolge

Der Reha-Berater der UKH besucht Andreas regelmäßig in der Klinik, um den Stand der Behandlung zu erfahren und ggf. die nächsten Schritte der Rehabilitation im Zusammenwirken mit unserem Patienten, seiner Mutter und seiner Schwester abzustimmen.

Er dokumentiert: „Am 14.9.2017 wurde Andreas in die Hardtwaldklinik I in Bad Zwesten verlegt, um die neurologische Behandlung zu intensivieren. Die behandelnden Ärzte bescheinigen eine kontinuierliche Verbesserung der körperlichen und geistigen Funktionen. Der Patient arbeitet intensiv mit am Genesungsprozess.“

Nichtsdestotrotz hat unser Versicherter sieben Monate nach dem Unfall sowohl geistig als auch körperlich mit starken Einschränkungen zu kämpfen. Die weiteren ärztlichen Prognosen sind nur bedingt positiv.

Zu Hause

Februar 2019. Fast genau zwei Jahre nach dem Schulwegunfall besucht der Reha-Berater unseren Versicherten zu Hause; Andreas verbringt die Woche jeweils in der Rehaklinik und ist am Wochenende bei seiner Familie. Er wohnt dann im Haus seiner Schwester in einem Zimmer im ersten Obergeschoss. Er ist inzwischen im Rollstuhl mobil, kann die 24 Treppenstufen allein bewältigen. Mit dem Rollator legt er ohne Hilfe 40 bis 60 Meter im Haus zurück. Koordination und Feinmotorik der Hände sind deutlich eingeschränkt, den linken Arm kann er noch nicht heben. Er ist auf die Hilfe anderer Menschen bei fast allen alltäglichen Verrichtungen angewiesen. Pflegepersonen sind Mutter Marina und Schwester Tatjana. Die Familie hält zusammen.

Andreas spricht nach der Lähmung der Stimmbänder jetzt langsam und hoch konzentriert, jedoch verständlich. Langsam kehren auch die Erinnerungen zurück, allerdings nicht die an den Unfall. Nach ärztlicher Einschätzung bestehen keine Hinweise auf kognitive Leistungseinschränkungen. Merkfähigkeit und Konzentration sind allerdings noch eingeschränkt, eine dauerhafte neuropsychologische Betreuung ist angezeigt.

Die ärztliche Prognose lautet jetzt: Obwohl weitere Verbesserungen in allen Bereichen zu erwarten sind, ist davon auszugehen, dass Andreas lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen sein wird. Außerdem gehen die Ärzte zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, dass wegen der neurologischen Unfallfolgen keine Ausbildung mehr möglich ist.

Seit Mai 2019 ist Andreas endgültig zu Hause. In seinem Zimmer im ersten Obergeschoss fühlt er sich bei wachsender Mobilität zunehmend gefangen.

Ausblick in die Zukunft

Zum Zeitpunkt des Unfalls befand sich Andreas im ersten Jahr der Ausbildung zum Industriemechaniker. Eine Fortsetzung der Ausbildung ist wegen der Unfallfolgen unmöglich. Andreas selbst ist hoch motiviert, eine geeignete Ausbildung zu absolvieren, er hat dieses Ziel immer fest vor Augen. Die UKH wird sich zu gegebener Zeit mit Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben an einer Ausbildung bzw. Berufsfindungsmaßnahme beteiligen.

Pflege und behinderungsgerechtes Wohnen

In der Rehaklinik wurde erkennbar, dass bei Andreas nach dem Unfall erhebliche körperliche Einschränkungen auf Dauer verbleiben würden. Ist es ihm damit möglich, in seine alte Wohnung zurückzukehren? Wegen der Lähmungen der linken Körperhälfte ist Treppensteigen schwierig und es besteht Sturzgefahr. Bei längeren Strecken wird Andreas immer auf einen Rollstuhl angewiesen sein. In der Rehaklinik machten wir deshalb schon im November 2017 eine Bestandsaufnahme der bisherigen Wohnsituation.

Vor dem Unfall wohnte unser Versicherter noch bei seiner Familie in einem Zimmer im ersten Obergeschoss eines Zweifamilienhauses. Mit den unfallbedingten Einschränkungen konnte das alte Zimmer nur schlecht erreicht und genutzt werden. Zukünftig notwendige Therapie und Pflege könnten nur unter sehr erschwerten Bedingungen erbracht werden.

Besteht in diesem Fall ein Anspruch auf eine sogenannte Wohnungshilfe als Leistung der gesetzlichen Unfallversicherung?

Wohnungshilfe

Ziel der Wohnungshilfe ist die Schaffung bzw. Bereitstellung behinderungsgerecht angepassten Wohnraums, um den Versicherten ein Höchstmaß an Rehabilitation, selbstbestimmter Lebensführung und Teilhabe in allen Aspekten des täglichen beruflichen und sozialen Lebens zu ermöglichen.

Wohnungshilfe ist angebracht, wenn wegen der Schwere der Unfallfolgen nicht nur vorübergehend eine behinderungsgerechte Anpassung der bisherigen Wohnung oder die Bereitstellung behinderungsgerechten Wohnraums erforderlich ist.

Dies ist der Fall, wenn durch die gesundheitlichen Einschränkungen (alternativ)

  • in der bisherigen Wohnung die Alltagsverrichtungen unzumutbar erschwert sind,
  • die bisherige Wohnung schlecht zugänglich und nutzbar ist,
  • von der bestehenden Wohnung der bisherige oder ein zukünftiger Arbeitsplatz nur unzumutbar erschwert mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem eigenen Kraftfahrzeug erreicht werden kann.

Die Voraussetzungen für eine Wohnungshilfe waren bei Andreas erfüllt. Wir erläuterten unsere Leistungsmöglichkeiten und disktutierten mit ihm und seiner Familie die bestehenden Optionen. Geprüft wurde, wie das bestehende Wohnhaus, in dem er und seine Eltern bisher zur Miete wohnten, behinderungsgerecht umgestaltet werden könnte. Alternativ wurde besprochen, ob ein Neubau sinnvoller und wirtschaftlicher sein würde. Auf dem Grundstück der Familie seiner Schwester war der Bau eines weiteren Hauses baurechtlich möglich. Und diese war auch bereit, ihm den Grundstücksteil für einen Neubau zur Verfügung zu stellen.

Bei der Wahl des behinderungsgerechten Wohnraums bzw. der Art der Ausgestaltung sind unsere Versicherten grundsätzlich frei. In der Praxis können dabei die persönliche Lebenssituation, das Alter, das Geschlecht und die familiären Verhältnisse eine Rolle spielen. Das alles ist von uns entsprechend zu berücksichtigen.

Das Vorhandensein eines Baugrundstücks war natürlich eine glückliche Fügung. Der Umbauaufwand für das bestehende Wohnhaus wurde geprüft und den geschätzten Baukosten für einen Neubau gegenübergestellt. Nach Klärung der finanziellen Rahmenbedingungen und unserer Unterstützungsmöglichkeiten fiel die Wahl auf den Neubau eines behinderungsgerechten Wohnhauses. Entscheidend war hierbei, dass Andreas alle Räumlichkeiten auf einer Ebene erreichen könnte und somit ein Höchstmaß an selbstbestimmter Lebensführung möglich wäre. Außerdem gäbe es einen Therapieraum und genug Platz für seine Eltern, die zukünftig die Pflege übernehmen wollten.

Welche Kosten können wir im Rahmen der Wohnungshilfe übernehmen?

Wir leisten einen individuellen Zuschuss, der die Mehrkosten behinderungsbedingter Wohnraumgestaltung abdeckt. Grundsätzlich übernehmen wir im Rahmen der Wohnungshilfe die Kosten für

  • eine behinderungsgerechte Ausstattung, den Umbau, Ausbau oder die Erweiterung des vorhandenen bzw. zukünftigen Wohnraums,
  • behinderungsbedingt notwendige Mehraufwendungen (einschließlich anteiliger Nebenkosten) einer Mietwohnung als laufenden Mietkostenzuschuss,
  • oder behinderungsbedingte Mehraufwendungen (einschließlich anteiliger Nebenkosten) bei Erstellung oder Erwerb von Wohneigentum sowie die flächenbezogenen Betriebs- und Bewirtschaftungsmehrkosten.

Ein behinderungsbedingter Mehrbedarf kann sich wie bei Andreas z. B. ergeben durch zusätzliche Stell- und Bewegungsflächen, Platz für externe Pflegekräfte oder Therapieräume. Da es sich hier um eine komplexe Baumaßnahme handelte, zogen wir einen Bausachverständigen hinzu. Er unterstützte uns bei der Beratung der Familie und half, eine sachgerechte und wirtschaftlich sinnvolle Lösung zu finden. Zudem übernahm er die Planung und Betreuung des Baus.

Hoffnungen und Verzögerungen

Im Laufe des Jahres 2018 wurde parallel zum notariellen Grundstückserwerb mit der Bauvorplanung begonnen. Danach sollte der Bauantrag gestellt werden. Anfangs hoffte man, im Oktober 2018 den Bau beginnen zu können. Mit einer Holzständerbauweise auf einer Bodenplatte sollte die Bauzeit so gering wie möglich gehalten werden, damit Andreas nach Klinikentlassung gleich in den Neubau einziehen konnte.

Leider verzögerte sich der Bau dann doch wegen einer ungeklärten Frage der Finanzierung. Hierfür sollte insbesondere eine Zahlung der Haftpflichtversicherung des Unfallgegners eingesetzt werden. Die ließ aber auf sich warten.

Im Mai 2019 – über zwei Jahre nach dem Unfall – wurde Andreas endgültig aus der Reha-Klinik entlassen. Der Neubau war immer noch nicht begonnen; eine Übergangslösung in seiner alten Wohnung musste gefunden werden. Räumlichkeiten wurden für Andreas durch Verlegung des Schlafbereichs und Türverbreiterungen provisorisch hergerichtet.

Langsam lief die Zeit davon. Und wegen der Bodenqualität musste die Bodenplatte unbedingt in den Sommermonaten gegossen werden …

Und endlich, im September 2019, ein Jahr nach geplantem Baubeginn, ist die Bodenplatte vollendet. Jetzt können der Aufbau der Fertigelemente und danach der Innenausbau starten. Die UKH übernimmt die behinderungsbedingten Mehraufwendungen für den Neubau, anteilige Grundstückskosten und die Kosten für besondere behinderungsbedingte Mehraufwendungen für Toilette, Türen, Küche usw.

Auf gutem Weg ...

Die ambulanten Therapien – Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie – verlaufen sehr zufriedenstellend. Die Ergotherapeutin Christin Matejek kommt zwei Mal wöchentlich ins Haus, Andreas hat ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr aufgebaut und Freude am Training. Die begleitende neuropsychologische Behandlung durch eine Marburger Ärztin soll ebenfalls in häuslicher Umgebung stattfinden.

Andreas

„Wir fuhren zur Schule, mein Freund saß am Steuer. Er hatte zwei Wochen den Führerschein und auch ich war kurz vor der Führerscheinprüfung. Ich erinnere mich nicht daran, was passiert ist. Aber wir sind immer noch befreundet und machen viel zusammen.

Ich weiß, dass ich fast gestorben wäre, aber ich habe es doch wieder geschafft. Ich bin mit zehn Jahren schon einmal fast bei einem Unfall ums Leben gekommen und habe damals beinahe ein Auge verloren. Darum stehen meine Pupillen in unterschiedlicher Höhe. Meine Eltern haben schon sehr viele Ängste wegen mir durchgestanden … Meine Mutter hat, wahrscheinlich wegen des Stresses und der Ängste, einen Diabetes entwickelt.

Ich werde glücklicherweise immer fitter, das liegt besonders an der anstrengenden Ergotherapie mit Christin, die zwei Mal die Woche mit mir trainiert und die mich richtig fordert. Dazu noch zwei Mal die Woche Physiotherapie bei LeVita in Gemünden, dort fährt mich immer mein Vater nach der Arbeit hin. Da ich hier im ersten Stock wohne, muss ich irgendwie die Treppe bewältigen – und das klappt zunehmend besser. Für den Treppenlift bin ich zu schwer, Mutter und Schwester können mir nicht helfen. Aber ich muss einfach raus. Und ich versuche, so viel wie möglich mit meinen Freunden ‚draußen‘ zu unternehmen, so wie früher. Wir waren ständig unterwegs. Ich will mein Leben von früher unbedingt weiterführen.

Außerdem muss ich auch meine Bienenstöcke im Wald betreuen. Bei der Bewältigung der drei Kilometer langen Strecke hilft mir mein Elektromobil, das ich bei Ebay ersteigert habe, und der E-Pilot der UKH – ein Rollstuhl mit Zuggerät. Damit bin ich autark und mobil. Ich weiß ja, alles kommt langsam wieder mit der Zeit, aber ich bin sehr ungeduldig. Ich bin schon froh, dass ich seit ca. einem Jahr wieder sprechen und mich selbstständig draußen bewegen kann. Meine Physiotherapeutin sagt, mir fehle nur noch der Feinschliff. Damit kann ich zurzeit gut leben.

Vor dem Unfall hatte ich lange überlegt, ob ich Industriemechaniker oder doch lieber Imker werden sollte, weil ich die Beschäftigung mit den Bienen schon als ganz kleiner Junge geliebt habe. Ich hatte einen tollen Ausbilder und nie Angst vor Stichen. Die Ausbildung zum Industriemechaniker kann ich nun vergessen, aber die Bienen sind mir geblieben, darüber bin ich sehr froh. Jetzt ist die Imkerei zu einem wichtigen Standbein geworden. Zurzeit habe ich zwei Bienenvölker, um die ich mich kümmere. Den Honig kann man übrigens über meine – selbstgestaltete – Webseite erwerben.

Meine Ziele sind jetzt, möglichst barrierearm im neuen Haus wohnen zu können, dauerhafte Gedächtnistrainings zu absolvieren, um meine kognitiven Leistungen zu verbessern, die anstrengenden Therapien regelmäßig wahrzunehmen, um schnell noch fitter und mobiler zu werden, den Führerschein zu machen, die Imkerei auszubauen und einen Beruf zu erlernen. Dafür werde ich eisenhart trainieren.“

inform Ausgabe 4/2019

Die Leistungen der UKH

Aus Andreas Walker ist ein erfolgreicher Imker geworden. Er macht sein Hobby zum Beruf.

Andreas braucht die Unterstützung von Mutter und Schwester, um sich fortzubewegen. Die Treppenstufen schafft er aber allein.

Auf dem Weg in die Freiheit: ...

...Umstieg vom Rollator ins Elektromobil.

Andreas genießt seine Freiheit mithilfe des Elektromobils. Bild 1-5: Jürgen Kornaker für Unfallkasse Hessen

Ergotherapeutin Christin Matejek kommt mehrmals in der Woche zum intensiven Training vorbei. Bild: ©privat

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Autor/Interviewer: Sabine Longerich, E-Mail: s.longerich@ukh.de