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Datum: Kategorie(n): Versicherungsschutz · Landesbetriebe · Kommunale Betriebe · Versicherungsschutz · Mitgliedschaft UKH · Leistungen UKH · Gesundheitsdienst · Unternehmen · Drucken

Reha-Fachberatung vor Ort im Betrieb

Als Reha-Fachberaterin ist Dorit Nürnberg für die Heilverfahrenssteuerung der Schwerstverletzten zuständig und führt dabei unter anderem Verhandlungs- und Sondierungsgespräche mit Arbeitgebern. Auf den heutigen Termin freut sie sich, weil uns ihr Klient (unser Versicherter) positive Rückmeldungen über den bisherigen Erfolg seiner Ausbildung gemeldet hat. Um sich ein genaues Bild davon machen zu können, vereinbarte sie einen Termin direkt im Ausbildungsbetrieb. Sie führt im Jahr rund 70 solcher Gespräche.

inform: Aus welchem Anlass findet der heutige Termin statt?

Dorit Nürnberg: Wir konnten für einen unserer Klienten eine Firma finden, die ihm einen Ausbildungsplatz im Bereich Büromanagement anbot. Sowohl Klient als auch Arbeitgeber haben mir unterschiedliche Rückmeldungen über den Lernerfolg gegeben. Ich möchte mir nun gerne vor Ort ein Bild davon machen und im persönlichen Gespräch herausfinden, wie das jeweilige Feedback einzustufen ist und ob ich gegebenenfalls nachsteuern muss.

inform: Die Reha-Fachberatung ist für die Betreuung der Schwerstverletzten zuständig. Um welche Art von Verletzung handelt es sich bei dem Versicherten?

Dorit Nürnberg: Der junge Mann hat bei einem Verkehrsunfall ein Schädelhirntrauma 2. Grades erlitten. Äußerlich ist ihm nichts anzumerken, aber durch den Unfall hat seine Merk- und Lernfähigkeit für Neues sehr stark abgenommen. Dinge, die er vor dem Unfall erlernte, kann er teilweise noch abrufen – dazu gehören beispielsweise Routinen –, weshalb die Schwere der Unfallfolgen nicht gleich auffiel. Nun hat er sein Studium aber aufgeben müssen und gerade mit einer Ausbildung begonnen.

Da man ihm seine Einschränkung nicht direkt anmerkt und Fehler, die im Arbeitsablauf passieren, leicht mit Schusseligkeit oder fehlender Motivation verwechseln könnte, ist es wichtig, dass alle, die mit seiner Ausbildung betraut sind, ein genaues Verständnis über sein Schädigungsbild bekommen, um seine individuelle Leistungsfähigkeit richtig einordnen zu können. Fehler im Arbeitsablauf haben häufig ihre Ursache in der Überlastung.

inform: Von wem ging die Initiative zu diesem Gespräch heute aus?

Dorit Nürnberg: Ich selbst habe um diesen Termin gebeten. Die Ausbildung hat im Oktober begonnen und um die Wirksamkeit der bisher getroffenen Maßnahmen nachzuvollziehen, möchte ich diesen Prozess engmaschig begleiten. Sollte es in bestimmten Bereichen Probleme geben, kann man durch die Umstellung von verschiedenen Parametern nochmals Verbesserungen bewirken. Dabei interessieren mich beide Perspektiven – sowohl die des Arbeitgebers und der Ausbilder*innen als auch die meines Klienten.

Wenn es Auffälligkeiten gibt, kann man entweder therapeutisch begleitend eingreifen oder die Arbeitsorganisation verändern. Das bedeutet konkret z. B.: Wie lauten die Pausenregelungen für den Klienten? Eventuell muss man am Arbeitszeitmodell nachjustieren oder Ähnliches. Bei einem Schädelhirnverletzten ist der Speicher häufig schneller voll als bei Gesunden und benötigt dadurch eine andere Regenerationszeit.

inform: Wie ist Ihre Prognose für den jungen Mann?

Dorit Nürnberg: Mit Unterstützung wird er diese Ausbildung wahrscheinlich erfolgreich absolvieren können. In der Firma ist man sehr hilfsbereit. Es bleibt abzuwarten – deshalb bin ich verhalten optimistisch – ob der junge Mann auch nach der Ausbildung wettbewerbsfähig auf dem freien Arbeitsmarkt bestehen kann. Aus diesem Grund ist mir das Gespräch mit seinem Arbeitgeber wichtig. Denn sollte keine Übernahme nach der Ausbildung erfolgen, könnte es ggf. schwierig werden, einen geeigneten neuen Arbeitgeber zu finden.

inform: Woher nehmen Sie die Expertise für die Beurteilung und Steuerung solch komplexer Heilverfahren?

Dorit Nürnberg: Vieles beruht auf Erfahrungswerten. Ich arbeite seit über 20 Jahren als Reha-Fachberaterin, dadurch steigt die Expertise natürlich kontinuierlich. Zusätzlich arbeiten wir ganz eng mit sehr vielen Spezialist*innen zusammen. In diesem konkreten Fall mit einem Neuropsychologen, den der Versicherte regelmäßig konsultiert. Da jeder Fall individuell beurteilt werden muss, ist die enge Abstimmung wichtig. Ich bilde die Schnittstelle von den Experten zum Arbeitgeber. Der initiale Input zur Heilverfahrenssteuerung obliegt aber der Reha-Fachberatung und deren Expertise.

inform: Also ist die Arbeit in der Reha-Fachberatung ein Arbeitsfeld, das für Berufsanfänger eher ungeeignet ist?

Dorit Nürnberg: Ich denke schon, dass man bereits über etwas Erfahrung verfügen sollte, wenn man in diesem Arbeitsbereich arbeiten möchte. Nicht zwingend wegen der fachlichen Expertise, sondern auch, weil eine hohe Außendiensttätigkeit bestimmte persönliche Qualifikationen erfordert. Man muss damit rechnen, dass Themen angesprochen werden, bei denen man sich nicht auskennt, und dass man teilweise sehr in das Privatleben der Kunden eingebunden wird. Auch wird man häufig mit Emotionen von Angehörigen konfrontiert, oder ein zunächst eingeleitetes Heilverfahren stellt sich als nicht so erfolgreich dar wie erhofft. Auch Ärzte gehen manchmal auf Konfrontation oder man wird als ‚Behördenvertreterin‘ nicht als adäquate/-r Gesprächspartner/-in anerkannt.

inform: Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem Gespräch?

Dorit Nürnberg: Die engmaschige Betreuung ist weiterhin erforderlich, nicht nur durch die UKH, sondern auch durch den verstärkten Einsatz unserer beratenden Ärzte. Ich wünsche mir hier die Einschätzung des behandelnden Neuropsychologen, ob der Fortbestand der Ausbildung rein der psychotherapeutischen Verarbeitung dient oder er durch Strukturmaßnahmen tatsächlich dauerhaft erfolgreich sein kann. Eventuell könnte man jetzt am Ausbildungsniveau noch etwas verändern, z.B. es etwas herabsetzen. Dafür muss ich weitere Informationen einholen. Zunächst werde ich den Sachverhalt mit meinen Kolleg/-innen und mit dem behandelnden Neuropsychologen beraten und das Gespräch von heute reflektieren.

inform: Was sind Ihrer Meinung nach die positiven Anreize für ein Unternehmen, Menschen mit Einschränkungen einzustellen?

Dorit Nürnberg: Die Beschäftigung von Menschen mit Einschränkungen kann auch als soziale Botschaft sowohl an die Belegschaft als auch an das Umfeld verstanden werden. Das zeigt den Beschäftigten, dass sie sich auch im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls auf ihren Arbeitgeber verlassen können. Das stärkt die Loyalität der Mitarbeiter/-innen und baut zudem Vorurteile und Berührungsängste ab. Daher unterstützt die Unfallkasse gerne Unternehmen auch mit Beratungsleistungen und fördert auf diesem Weg die Inklusion.

Vielen Dank für das Interview! 

 

inform Ausgabe 1/2016

Das Gespräch vor Ort

Die Gespräche mit dem Arbeitgeber und danach mit dem Klienten zeigen unterschiedliche Wahrnehmungen über den Ausbildungserfolg. Für die Arbeitgeberseite steht fest, dass ein deutlich geringerer Lernzuwachs im Vergleich zu anderen Auszubildenden stattfindet. Vor allem wird angemerkt, dass die Verknüpfung von Schultheorie und Umsetzung des Erlernten im Betrieb nicht funktioniert. Aus diesem Grund sei die Integration in den Büroalltag eher schwierig; fehlende Motivation sei aber nicht der Auslöser.

Beim Einzelgespräch mit dem Versicherten werden die Auswirkungen des Schädelhirntraumas deutlich. Dorit Nürnberg fragt gezielt nach, um sich ein umfängliches Bild von der momentanen Arbeitssituation zu machen. Momentan arbeitet der junge Mann mit wöchentlichen To-do-Listen, die viele Positionen umfassen. Auf Nachfrage, was er denn wöchentlich arbeite, erinnert er sich lediglich an drei Positionen, die für ihn jeweils von emotionaler Bedeutung sind: Was er am besten kann, wofür er am meisten negatives Feedback erhält und was ihm am meisten Spaß bereitet. Die restlichen Punkte hat er nicht parat. Dorit Nürnberg schlussfolgert daraus, dass eine Umstellung in der Arbeitsorganisation nötig ist, da das momentane Pensum beidseitig zu Frustrationen führt. Die Firma ist gerne bereit, die Ausbildung weiter zu verfolgen und dem Versicherten weiterhin die erhöhte Aufmerksamkeit für die Einarbeitung und Betreuung zu widmen. Der Ausbilder sieht die Prognose für das Bestehen der Ausbildung positiv, weil der Azubi viel Wissen aus der Zeit vor dem Unfall abrufen kann; er äußert aber auch Bedenken zur eventuellen späteren Integration auf dem Arbeitsmarkt.

Nach Rücksprache mit beiden Parteien schlägt Dorit Nürnberg vor, die Häufigkeit der Termine mit dem Neuropsychologen zu erhöhen und diesen auch zur Beurteilung des Arbeitsalltags in die Firma einzuladen, um dabei zu helfen, das Verständnis für die Folgen eines Schädelhirntraumas zu erhöhen.

Dorit Nürnberg: "Ich werde häufig mit den Emotionen von Angehörigen konfrontiert."

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Autor/Interviewer: Cordula Kraft (069 29972-606), E-Mail: c.kraft@ukh.de