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Datum: Kategorie(n): Kommunale Betriebe · Landesbetriebe · Ehrenamt · Drucken

Ehrenamt in Hessen: Geschlossen gegen Fremdenfeindlichkeit

Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich in den verschiedensten Lebensbereichen zu engagieren, ist in Hessen außerordentlich groß. Rund zwei Millionen Freiwillige setzen sich für die Gemeinschaft ein. Die Hessische Landesregierung fördert mit der Initiative „Gemeinsam aktiv – Bürgerengagement in Hessen“ diese Einsatzbereitschaft und verbessert die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement. 

Im Rahmen ihrer Ehrenamtskampagne hat die Landesregierung seit 1999 zahlreiche Instrumente entwickelt, um den freiwilligen Einsatz der Bürgerinnen und Bürger anzuerkennen und zu würdigen, z. B. die Ehrenamts-Card, die Juleica, den Kompetenznachweis und das Zeugnisbeiblatt. Darüber hinaus werden verschiedene Auszeichnungen verliehen. Umfassende Informationen dazu erhalten Sie unter www.gemeinsam-aktiv.de. In dieser Ausgabe stellen wir eine beispielhafte Initiative aus Bensheim vor.

Bacha (20) und Muomin (18) sind unabhängig voneinander und ohne Familie oder Freunde vor Krieg und Repressalien aus Afghanistan geflohen. Bacha, der in der Hotelbranche tätig war, brauchte für seinen Weg nach Deutschland rund einen Monat über die Türkei, Bulgarien und Serbien; der Schüler Muomin war auf derselben Route drei Monate lang unterwegs. Beide wünschen sich nur eines: schnell Deutsch zu lernen, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu bekommen und vor allem: in Sicherheit zu leben.

Willkommen in Bensheim!

So lautete übrigens auch die Überschrift in unserem Bericht über den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Stadt Bensheim in unserer letzten inform Ausgabe … Und wieder gibt es spannende Neuigkeiten aus der südlichen Region des Bundeslandes Hessen zu berichten.

Die Stadt Bensheim im Süden Hessens ist immer ein lohnendes Ausflugsziel: Die malerische Altstadt mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern, viele kulturelle Angebote und auch das milde Klima laden immer wieder zum Besuch ein. Die Stadt hat rund 40.000 Einwohner – dazu kommen seit Monaten zahlreiche Flüchtlinge und Asylsuchende, die hier Schutz und Sicherheit suchen.

Die Erstaufnahmeeinrichtung

Das Regierungspräsidium Südhessen errichtete im Sommer 2015 in Bensheim eine Erstaufnahmeeinrichtung für maximal 600 Flüchtlinge bzw. Asylsuchende. Allen war bewusst, dass die neue und für niemanden einschätzbare Aufgabe der Integration so vieler Menschen aus anderen Kulturkreisen und mit traumatischen Erfahrungen nur mithilfe vieler freiwilliger Helferinnen und Helfer zu bewältigen sein würde. Es zeigte sich schnell, dass die Bensheimer Bürgerinnen und Bürger zur Hilfe bereit waren – es fehlte allerdings häufig an der strukturierten Organisation von Maßnahmen und Personen. Kein Wunder, denn mit dieser Ratlosigkeit war Bensheim nicht allein. Das Problem bestand bundesweit und die Prozesse laufen noch längst nicht überall in geordneten Bahnen ab, wie man der Presse täglich entnehmen kann …

Die Initiatorin

Sabine Reiner ist eine Frau der Tat: Nicht nur reden, sondern handeln, lautet ihre Devise. Die 46-Jährige kennt sich als Fachanleiterin für Garten- und Landschaftsbau des Diakonischen Werks sowie als Fußballerin und Fußballtrainerin gut mit Menschen aus. Sie kann anpacken und notfalls auch einmal einstecken. Sie trainiert u. a. eine Männer-Fußballmannschaft von Wohnungslosen (www.panther-bensheim.de) und hat im Laufe ihrer Karriere manch schlimmes Schicksal kennengelernt. Und Sabine Reiner gründete mit einigen Mitstreitern kurzerhand einen Verein, „Welcome to Bensheim“, der in kürzester Zeit mehr als 500 Mitglieder aufweisen konnte und der immer noch wächst.

Der Verein für ein buntes Bensheim

„Welcome to Bensheim e. V.“ ist aus einer privaten Initiative entstanden, die sich für geflüchtete Menschen in und um Bensheim einsetzen möchte. Sie will die Menschen willkommen heißen und sie bei der Orientierung in der Region unterstützen. Gleichzeitig möchte der Verein mit Projekten und Aktionen auch anderen Bedürftigen im Sinne der Sozialgesetzgebung helfen, nicht nur die Flüchtlinge sind also willkommen. Die Mitglieder des Vereins setzen sich ganz umfassend für Vielfalt und Menschlichkeit ein. Der stete Zulauf an freiwilligen Helfern zeigt, dass Empathie und Verständnis in Bensheim groß- geschrieben werden. Im Verein haben sich Bürgerinnen und Bürger zusammengeschlossen, die überparteilich, überkonfessionell und unabhängig agieren. Was sie eint: Sie sind geschlossen gegen Fremdenfeindlichkeit.

Wie kann man sich einbringen?

Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Rahmen der Flüchtlingshilfe aktiv oder passiv zu beteiligen. Auf der Website des Vereins findet man z. B. regelmäßig Hinweise, welche Sachspenden konkret benötigt werden. Der Verein hat kein Lager dafür und berichtet immer aktuell über den Bedarf.

Wer Zeit spenden will, ist besonders willkommen: Die Flüchtlinge oder andere Neubürger wollen so schnell wie möglich Sprache, Land und Leute kennenlernen. Umso schneller und besser können sie sich integrieren. Dafür ist jede helfende Hand wichtig.

Und man kann Zeichen setzen: Bensheim zeigt Neubürgern und Gästen, dass sie willkommen sind. Im Shop des Vereins kann man verschiedene Artikel erwerben als Zeichen gegen Fremdenhass und für Solidarität.

Sabine Reiner zu ihrem Engagement:

„Ich arbeite im Rahmen der Wohnungslosenhilfe in Bensheim und hier u. a. als Trainerin der Fußballmannschaft der Wohnungslosen. Einer unserer Spieler vertritt Deutschland sogar bei der Weltmeisterschaft der Wohnungslosen und hat dadurch inzwischen eine Wohnung gefunden. Irgendwann trat unser Stadtrat Adil Oyan mit der Frage an mich heran, ob ich nicht ein Fußballturnier für die Flüchtlinge organisieren könne. Inzwischen leben nämlich rund 600 Flüchtlinge in unserer Erstaufnahmeeinrichtung, größtenteils allein reisende junge Männer. Aus naheliegenden Gründen brauchen diese Menschen eine Beschäftigung, und am besten ist es, wenn sie sich beim Sport austoben.

Mir war klar, dass diese Menschen schnelle Hilfe brauchen und dass Bensheim auf jede helfende Hand angewiesen ist. Ich gründete kurzerhand auf Facebook die Gruppe ‚Welcome to Bensheim‘, die schnell 500 Mitglieder hatte. Daraus entwickelte sich in kurzer Zeit unser Verein mit mehr als 250 aktiven Helferinnen und Helfern. Wir bildeten Arbeitskreise mit jeweils einem ‚Leader‘, der den Hut für das Thema aufhat. Inzwischen sind es mehr als 20 Arbeitskreise, sie entstehen aus dem Bedarf heraus. Auch das Begegnungscafé mitten in Bensheim entstand auf unsere Initiative hin. Hier sind alle willkommen: Alte, Junge, Nachbarn, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Zurzeit wird es von der Bevölkerung noch skeptisch beobachtet, aber wir bemühen uns ganz aktiv, die Akzeptanz durch Information zu steigern. Wir laden die Nachbarn zum Austausch und zum Kennenlernen ein und verstecken uns nicht.

Tja, und ich bin eine der Trainerinnen, die mit den jungen Kerlen Fußball spielt.

Anfangs gab es kleinere Probleme deswegen, die Kulturen und das Rollenverständnis sind ja teilweise sehr unterschiedlich. Inzwischen sind die Rollen klar, man spielt auf jeden Fall lieber mit Frauen Fußball, als sich zu langweilen und gar nicht zu betätigen.“

Wer sich für Flüchtlinge engagieren oder sich einfach nur informieren möchte, findet auf der Website www.welcome-to-bensheim.de alle Antworten. Der Verein „Welcome to Bensheim“ ist dringend auf finanzielle Spenden angewiesen.

Infos dazu finden Sie ebenfalls auf der Website.

 

inform Ausgabe 1/2016

Arbeitskreise

Um die freiwillige Hilfe noch besser zu strukturieren und den Bedürfnissen der Menschen auch gerecht zu werden, haben sich zahlreiche Arbeitskreise gegründet – und es werden ständig mehr. Einige Beispiele: Der „AK Frauen“ bietet spezielle Beschäftigungen für Frauen in geschützten Räumen an, z. B. Deutsch lernen, singen, stricken …

  • Der „AK Lernen“ kümmert sich um die Vermittlung der deutschen Sprache und besorgt die entsprechenden Arbeitsmaterialien dafür.
  • Der „AK Kinder“ bietet Malen, Basteln, Spielen und verschiedene sportliche Aktivitäten für Kinder an und organisiert Spenden für die verschiedenen Aktionen.
  • Der „AK Sport“ organisiert sportliche Aktivitäten wie Fußballtraining, Basketball, Tanzen, Taekwondo oder Hip-Hop.

Vor dem Camp: Sabine Reiner mit den afghanischen Flüchtlingen Bacha (Mitte) und Muomin

Sabine Reiner im Begegnungscafé in Bensheim.

Das Zeltcamp wurde inzwischen abgebaut und durch eine Containerstadt ersetzt.

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Autor/Interviewer: Sabine Longerich (069 29972-619), E-Mail: s.longerich@ukh.de