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Datum: Kategorie(n): Schule · Landesbetriebe · Kommunale Betriebe · Drucken

Ein Hund als Ko-Pädagoge sorgt für Ruhe und macht Mut

Wenn Julia Hill mittwochs das Schulgelände der Westerwaldschule in Waldernbach betritt, ist es immer etwas anders als an den anderen Schultagen. Schüler*innen grüßen höflich oder lächeln in ihre Richtung, Türen öffnen sich wie von selbst und Schüler*innen gehen zur Seite, wenn sie kommt. Woran liegt das? Ist ihre Ausstrahlung mittwochs irgendwie anders als an anderen Tagen? Nein, gar nicht. Was dann vor sich geht, erklärt uns ihr „Ko-Pädagoge“ Spot, der Julia Hill bei ihrer Arbeit als Lehrerin unterstützt.

„Hallo, mein Name ist Spot, und ich möchte Ihnen heute etwas über meinen Job als Schulhund erzählen. Ein- bis zweimal die Woche nimmt mich mein Mensch Julia mit in die Schule, weil sie meine Unterstützung braucht. Ich kann nämlich Dinge leisten, die sie als Lehrerin und Mensch nicht kann. Darauf bin ich stolz und deshalb gehe ich gerne mit in die Schule. Hier passieren auch immer tolle Dinge: Ich bekomme Leckerchen. Ich werde gestreichelt. Ich darf Tricks machen und manchmal sogar versteckte Gegenstände suchen.“

Entspannung für Mensch und Tier

„In der Schulhund-AG ist es für mich am schönsten, weil da die Kinder etwas über mich und mein Verhalten lernen. Das heißt, sie nehmen besonders auf mich Rücksicht und dort machen wir auch die Tricks, für die ich dann immer eine Belohnung bekomme. Manchmal soll ich über Hürden springen, manchmal ‚Sitz‘ oder ‚Platz‘ machen und manchmal üben die Schüler*innen an mir den Tellingen TTouch, eine Entspannungs- und Heilungsmethode für Tier und Mensch. Dabei streicheln die Kinder mich mit kreisenden Bewegungen an verschiedenen Körperteilen. Dann werde ich ganz ruhig und lege mich vor Vergnügen sogar hin. Und die Schüler*innen werden auch ganz ruhig …“

Action finde ich auch ganz toll

„Wenn die Schüler*innen mir Bälle werfen, die ich dann wieder zurückbringen kann, bin ich voll dabei. Manchmal gebe ich ihn nicht so gerne her, sondern spiele selbst mit dem Ball herum. Dann lachen alle Kinder und das finde ich auch super! In den anderen Stunden bin ich meistens ‚nur‘ in der Klasse dabei und bewege mich im Klassenraum umher, wie ich es gerade möchte. Häufig gehe ich dann zu Schülern, die unkonzentriert oder traurig sind, und lasse mich von ihnen streicheln. Wenn ich nicht mehr möchte, gehe ich in meine Box, die im Klassenraum steht, oder lege mich nach vorne zu meinem Menschen.“

Streicheln beruhigt und macht Mut

„Ich habe aber auch schon bei der Leseförderung geholfen. Da kamen zwei Schüler für jeweils 20 Minuten pro Woche zu mir und haben mir aus einem Buch vorgelesen. Wir haben zusammen auf einem Sitzsack gesessen und sie konnten mich streicheln, wenn sie es wollten. Mit der Zeit bekamen sie mehr Mut, was das laute Vorlesen anging.

Meistens habe ich ja mit den immer gleichen Schüler*innen und Gruppen zu tun und das finde ich auch gut, weil ich da alle Kinder kenne. Aber manchmal – besonders wenn es neue 5. Klassen gibt – nimmt mein Mensch mich zu ihnen mit. Sie sollen mich auch kennenlernen und wissen, was es mit dem Schulhund auf sich hat. Da dürfen sie mich auch streicheln und dann machen wir häufig die ‚Mutprobe‘, bei der sich ein Schüler oder eine Schülerin auf eine Matte auf den Boden legt und ein anderes Kind auf oder neben dem liegenden Kind Leckerchen verteilt. Sobald alle Leckerchen verteilt sind, gehe ich hin und suche diese. Meistens bin ich dabei sehr vorsichtig, aber ich bin auch schon mal aus Versehen auf eine Schülerin getreten. Zum Glück habe ich ihr aber nicht wehgetan.“

Körpersprache ist wichtig

„Wie ihr auf den Fotos sehen könnt, sehe ich immer fröhlich und lustig aus und mein Fell fühlt sich sehr weich an. Deshalb wollen mich viele streicheln. Das ist auch in Ordnung, weil ich das gerne habe. Aber manchmal wird es auch mir zu viel. Deshalb hat mein Mensch mir zwei unterschiedliche Halstücher gemacht: ein grünes – dann ist es okay, mich zu streicheln – und ein rotes bzw. oranges – dann möchte ich nicht gestreichelt werden. Die Schüler*innen halten sich ganz gut daran und ermahnen sich sogar gegenseitig. Nur die Lehrerkolleg*innen haben dabei teilweise noch etwas Schwierigkeiten, aber das kriegen wir noch hin. Und außerdem kann ich verstehen, dass sie mich zum Stressabbau nach einer anstrengenden Stunde auch mal streicheln wollen. Aber leider bin ich der einzige Schulhund an der Westerwaldschule und kann nicht immer für alle da sein. Ich versuche das dann den Menschen klarzumachen, aber meine Signale sind manchmal so subtil, dass sie mich nicht verstehen.

Dann kommt mein Mensch Julia ins Spiel. Sie kann ganz gut einschätzen, wie es mir geht und wann ich genug habe, denn wir beide haben eine Ausbildung zum Schulhund-Team gemacht. Dort haben wir gelernt, die Körpersprache des anderen einzuschätzen und entsprechend zu reagieren. Naja, eigentlich konnte ich das ja schon vorher, weil Körpersprache für mich als Hund sehr wichtig ist. Die Körpersprache des Gegenübers zusammen mit meinem Geruchssinn sagt mir sehr viel über die Menschen: ob sie glücklich oder traurig sind, ob sie Angst haben oder wütend sind und noch vieles andere mehr. Das kann ich besser als die meisten Menschen. Und je nachdem reagiere ich dann. Wenn jemand wütend ist, gehe ich ihm aus dem Weg. Wenn jemand traurig ist, versuche ich ihn zu trösten, indem ich ihm z. B. meine Schnauze aufs Knie lege und ihn dazu ermuntere, mich zu streicheln. Wenn jemand fröhlich ist, dann albere ich mit ihm herum.“

Gibt es nie Missverständnisse?

„Naja, ab und zu schon. Zum Beispiel reißen manche ängstliche Schüler*innen die Arme nach oben, wenn sie nicht möchten, dass ich ihre Hände mit der Schnauze berühre. Dann denke ich häufig, dass sie spielen möchten, und mache sofort mit. Oder ich möchte die Schüler*innen, die ich mag, festhalten, damit sie nicht weggehen und mich stattdessen weiter streicheln. Das mache ich ganz vorsichtig mit dem Maul – denn Hände habe ich ja nicht. Auch hier hilft mein Mensch Julia, damit wir uns gegenseitig besser verstehen. Aus dem Grund arbeite ich auch immer nur mit meinem Menschen zusammen in der Schule, denn andere Menschen kennen mich nicht so gut wie sie.“

Mein größtes Erfolgserlebnis

„Schon eine ganze Reihe von Schüler*innen haben die Angst vor Hunden abgebaut, weil sie regelmäßig Kontakt zu mir hatten. Außerdem ist die Motivation der meisten Kindern und Lehrkräfte höher, wenn ich in der Schule bin. Die Laune ist einfach besser und stressfreier. Und manche schüchterne Schüler*innen nehmen zu mir Kontakt auf, was sie mit Lehrkräften nicht tun würden.

Ich bin aber auch ein Botschafter für Tiere allgemein und dafür, dass die Menschen uns Tiere als eigenständige Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Fähigkeiten wahrnehmen und behandeln. Ich bin kein Spielzeug, das jederzeit angefasst werden möchte. Wir Hunde sind auch nicht dümmer als Menschen. Wir können zwar keine Matheaufgaben lösen oder Gedichte schreiben, doch wenn es darum geht, Drogen zu erschnüffeln, den Weg einer bestimmten Person nachzuvollziehen oder festzustellen, ob es sich bei einem Tumor um einen gutartigen oder bösartigen handelt, da kommt kein Mensch mit unseren Fähigkeiten mit.“

 

inform Ausgabe 1/2017

„Ich habe auch schon bei der Leseförderung geholfen.“

„Streichelt mich ruhig – das beruhigt euch und ich mag es.“

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Autor/Interviewer: Julia Hill, Lehrerin mit Schulhund, Westerwaldschule, Waldernbach,