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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Landesbetriebe · Drucken

Hinter den Kulissen der Tierärztlichen Grenzkontrollstelle Hessen am Frankfurter Flughafen

In der letzten Ausgabe stellten wir Ihnen den Landesbetrieb Hessisches Landeslabor (LHL) vor, der für Schutz und Sicherheit der hessischen Verbraucher*innen sorgt. Eine spannende Dependance des LHL durften wir an Europas größtem Drehkreuz, dem Frankfurter Flughafen, kennenlernen. Die Tierärztliche Grenzkontrollstelle Hessen (TGSH) kontrolliert rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, Tiere, tierische Produkte und Lebensmittel als Fracht, im Reisegepäck und als Paket aus der ganzen Welt bei der Einfuhr in die Europäische Union – alles im Dienste der Verbraucher und Verbraucherinnen.

An Europas größter Grenzkontrollstelle, dem Frankfurter Flughafen, werden jährlich ca. 50.000 Sendungen von lebenden Tieren, tierischen Produkten und pflanzlichen Lebensmitteln untersucht. Diese kommen aus der ganzen Welt hierher in die Europäische Union.

Verbraucherschutz bei der Einfuhr

Tierseuchenbekämpfung, Tierschutz und Lebensmittelhygiene für die Bürger und Bürgerinnen Europas beginnen bei der Einfuhr von Tieren und Waren in die Europäische Union. Mit dem globalen Handel wächst die Gefahr der Einschleppung von Tierseuchen, z. B. Geflügelpest, Maul- und Klauenseuche oder Tollwut – eine latente Bedrohung für Gesundheit und Volkswirtschaft. Und rund ums Jahr bereichern inzwischen Lebensmittel aus fernen Ländern unsere Ernährung. Voraussetzung dafür ist, dass die Hygiene dem EU-Standard entspricht. Dafür stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TGSH ein.

Kontrollzentrum Tierstation in der Frankfurt Animal Lounge (FAL)

Ziel ist es hier, die Einschleppung von Tierseuchen zu vermeiden und den Schutz von Tieren im Flugtransport sicherzustellen.

Jedes Jahr werden mehr als 100 Mio. Tiere aus der ganzen Welt untersucht. Sowohl landwirtschaftliche Nutztiere als auch Heimtiere wie Hunde, Katzen und Vögel dürfen nur mit Gesundheitszeugnissen aus Nicht-EU-Ländern einreisen. Sorgfalt im Umgang und angemessene Transportbehältnisse sollen den Tieren Stress auf der Reise ersparen. Besonders Sportpferde (als Vielflieger) und exotische Tiere für Zoos stellen ganz besondere Anforderungen an den Transport. Aber auch Jagdtrophäen, Häute, Wolle und Federn werden in der FAL auf Unbedenklichkeit hinsichtlich möglicher Tierseuchenerreger untersucht.

Für den Transport von Pferden vom Flugzeug zur Kontrolle stellt die Fraport AG übrigens einen eigens entwickelten Klimatransporter zur Verfügung, um den Tieren jeden Stress möglichst zu ersparen.

Eine kleine Auswahl an Tieren:

Neben rund 1.100 Pferden, mehr als 1 Mio. Reptilien, 85 Mio. Zierfischen und Fischeiern, ca. 12.000 Hunden und Katzen sowie 50.000 Amphibien wurden im Jahr 2016 auch fast 400.000 kg Angelwürmer – einzelhandverlesen von kanandischen Golfplätzen – mit einer Bescheinigung „fit for travel“ kontrolliert!

Im Prozess werden zunächst die Papiere der Tiere kontrolliert, anhand der Zeugnisse die Tiere eindeutig identifiziert und im Anschluss daran erfolgen die Untersuchungen.

Kontrollzentrum Perishable Center (PCF) für verderbliche Waren

Hier werden Lebensmittel und tierische Produkte überwacht. So werden z. B. Fische und Fischereierzeugnisse aus allen Meeren über den Frankfurter Flughafen eingeführt. Diese Produkte sollen natürlich frisch und ohne Transportschäden in den Handel gelangen. Und auch exotische Lebensmittel werden mehr und mehr nachgefragt.

Viele dieser Lebensmittel werden im Flugverkehr aus allen Regionen und Kontinenten eingeflogen. Doch in die EU darf nur hinein, was hygienisch einwandfrei und nicht schadstoffbelastet ist.

Die TGSH untersucht daher jährlich mehr als 30.000 Tonnen Lebensmittel. Dank dieser akribischen Tests und Prüfungen können Verbraucher importierte Lebensmittel unbeschwert genießen. Was die Kontrolle nicht übersteht, wird entweder entsorgt oder mit Kontrollvermerk zurückgesandt. Die Kosten tragen die Verursacher.

Reiseverkehrskontrolle am Service Point

Die Gefahr des Einschleppens von Tierseuchen ist nicht nur über Frachtgüter groß. Aus diesem Grund werden auch lebende Mitbringsel, wie Hunde und Katzen, von den Tierärzten untersucht und auf ordnungsgemäße Papiere kontrolliert.

Und trotz des Einfuhrverbots sind manche Koffer voll von „verbotenen Waren“: Fleisch, Fleischerzeugnisse und Milchprodukte werden sorglos transportiert, ohne die möglichen Gefahren für Mensch und Tier in Europa zu bedenken. Darum betreibt der Landesbetrieb Hessisches Landeslabor im Ankunftsbereich des Terminal 1 am Airport einen in Deutschland einmaligen Service-Point.

Mykotoxine in Berbere-Gewürzen aus Äthiopien nachgewiesen

Die Berbere-Gewürzmischung wird in Äthiopien in großen Mengen verwendet und beinhaltet im Wesentlichen Chili, Ingwer, Bockshornklee, Koriander, Nelken, Pfeffer, Muskat und Piment. Bereits 2014 stellte der Zoll die vermehrte Einfuhr der Gewürzmischung im Reisegepäck fest.

Die Berbere-Proben, die eigentlich nicht vorführpflichtig waren, wurden aufgrund der Hinweise des Zolls auf Mykotoxine untersucht (Aflatoxine und Ochratoxin A). In den untersuchten Proben wurden durchweg Gehalte deutlich über den zulässigen Höchstwerten dokumentiert, die eine hohe Gesundheitsgefährdung darstellten. Die Quelle der Kontamination wurde im Chilipulver vermutet. Die Ergebnisse wurden an die zuständigen Gremien der EU-Kommission gemeldet, die nun über weitere Schutzmaßnahmen beraten muss.

Glücklicherweise müssen im Durchschnitt nur rund vier Prozent der Proben beanstandet werden und lediglich ein Prozent wird vernichtet oder zurückgeführt.

Die Trends

Bei der Einfuhr von Tieren sind immer wieder Trends zu beobachten, die z. B. ihren Ursprung in Kinofilmen haben: „101 Dalmatiner“, „Findet Nemo“ – aktuell liegt die Vorliebe der Tierfreunde bei exotischen Tieren wie Pfeilgiftfröschen und Vogelspinnen.

Bei Nahrungsmitteln geht der Trend zu Insekten für Müsliriegel, Schneckenschleim für Anti-Aging-Cremes und Blut(erzeugnissen). Wahrscheinlich für die Ernährung von Vampiren …

Das Interview

Leiterin der TGSH am Flughafen ist seit 1993 die Veterinärmedizinerin Dr. Kristine Jöst. Ihr zur Seite stehen rund 50 Mitarbeiter*innen, u. a. Amtstierärztin Dr. Sabine Pluskat als Fachgebietsleiterin des PCF, die das Geschäft seit 1998 auch „von der Pike auf“ kennt. Beide berichten vom stets Überraschungen bereithaltenden Arbeitsalltag, der nie langweilig wird, erzählen über ständige Weiterentwicklungen des TGSH, stets neue Situationen, stets neue Lösungsansätze und täglich andere, unvorhersehbare, vor allem schnelle Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Man arbeitet hier mit lebendigen Wesen und ist auf den Slot der an- und abfliegenden Maschinen angewiesen, um die Kontrollen in kürzester Zeit präzise und professionell durchzuführen. Von den Ergebnissen hängen die Gesundheit der Verbraucher, aber auch wirtschaftliche Interessen ab.

Dr. Jöst erinnert sich: „Anfangs, 1993, war Pionierarbeit mit nur wenigen Mitarbeitern zu leisten, die meisten von ihnen Veterinärmediziner. Von den fünf Pionieren des ersten Jahres arbeiten heute noch drei bei der TGSH, was von Liebe zum Beruf und sogar von Berufung zeugt. Unser Chef, Professor Brunn, hat 2005 bei der Gründung des LHL unser Potenzial erkannt und dafür gesorgt, dass in kurzer Zeit sowohl Personal als auch Technik und genügend Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt wurden. Er hat auch erkannt, dass die TGSH sich bestens für mediale Vermarktung eignet. Schließlich arbeiten wir hier für die Gesundheit und Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger.

Wenn wir den Verdacht auf eine Tierseuche hätten, ständen alle Räder still. Die Tierstation müsste in Teilen oder ganz geschlossen werden, Flugzeuge umgeleitet und relevante Gebiete gesperrt werden. Die Wirtschaft wäre direkt betroffen. Bisher haben wir diese Situationen glücklicherweise nur üben müssen.

Wir arbeiten 365 Tage im Jahr rund um die Uhr unter starkem Zeitdruck und mit enormer Schnelligkeit, das ist dem Flugbetrieb geschuldet und auch den Anforderungen der Auftraggeber. Das funktioniert nur so gut, weil wir Tierärzte immer wissen, was auf uns zukommt, wir sind mit Herzblut dabei und haben sowieso grundsätzlich ein Helfersyndrom …“

Dr. Pluskat ergänzt: „Bei uns arbeiten viele Personen in Teilzeit, um die Balance zwischen Arbeit und Familie bestmöglich zu vereinbaren. Der Schichtdienst ist ja nicht familienfreundlich, von 6:30 bis 14:30 Uhr und von 14 bis 22 Uhr und an Sonn- und Feiertagen … Trotzdem sind viele von uns schon sehr lange dabei und die Stimmung ist sehr gut.

Die Arbeit ist vielseitig und aufregend und die Sicherheit der Beschäftigten hat einen sehr hohen Stellenwert bei uns. Natürlich führen wir regelmäßige Unterweisungen durch, informieren über Infektionsschutz, haben Gefährdungsbeurteilungen erstellt, die regelmäßig aktualisiert werden. Unsere Sicherheitsvorkehrungen entsprechen höchsten Standards. Der wichtigste Schutz ist die persönliche Schutzausrüstung jedes Mitabeiters, von Mundschutz und Kittel über Sicherheitsschuhe, Helm, Schutzbrille, Arbeitshose und Handschuhe usw.

Wir haben keine schweren Unfälle zu beklagen, obwohl wir es täglich mit teils sehr gefährlichen „Kunden“ zu tun haben. Ein Beispiel sind Forschungsmaterialien aus dem ‚Busch‘ an die Unis, wie Affenkot und Gewebeproben, die hochriskant sein können. Wir haben daher einen sehr engen Kontakt zu allen Labor-Gutachtern an allen hessischen Standorten. Das Netzwerk funktioniert einwandfrei, z. B. mit einem Schnellwarnsystem, und macht die Prozesse schnell und effizient. Die Kombination aus Labor und einer Tierärztlichen Grenzkontrollstelle ist weltweit einzigartig.“

 

inform Ausgabe 4/2017

Dr. Sabine Pluskat (links), Fachgebietsleiterin des PCF, und Dr. Kristine Jöst, Abteilungsleiterin der TGSH

Oben links: Schautafeln zur Bestimmung exotischer Obst- und Gemüsearten; unten links: sensorische Untersuchung von Krustentieren; unten rechts: Schauplakate zu verbotenen Lebensmitteln; rechts: Entladung eines Pferdes aus dem Flugtransportcontainer

Oben links: Tierarzt Dr. Jürgen Reiter und Tiergesundheitsaufseherin Tatjana Schmidt (rechts) tauschen sich mit einer Tierpflegerin aus. Unten links: Anja Pfeiffer, Sicherheits- und Brandschutzbeauftragte; unten rechts: MTA Norma Junge bei der Arbeit im Fischlabor; rechts: Die Tierärztinnen Katja Erl (oben) und Angela Heitfeld (rechts oben) bei der Dokumentenprüfung

Oben links: Lebensmitteltechnologe Sebastian Haß bei der Probenentnahme von Nüssen zur Untersuchung auf Mykotoxine (Schimmelpilze). Rechts: Dr. Sabine Pluskat kontrolliert die Einhaltung der Kühltemperaturanforderungen bei Frischfisch.

Physische Untersuchung eines Pferdes durch Dr. Jürgen Reiter; Fotos: Robert Fiedler

Bild: ©Adobe Stock

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Autor/Interviewer: Sabine Longerich, E-Mail: s.longerich@ukh.de