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Inklusion: Vitos Behindertenhilfe in Riedstadt

Menschen mit Behinderung mitten ins Leben bringen, keine Ausgrenzung, sondern Inklusion: Das ist das Ziel der Vitos Behindertenhilfe in Riedstadt. Sie ist Teil der Vitos Teilhabe gGmbH, einer von zwölf Gesellschaften der hessenweit tätigen Vitos GmbH. In der vor 2016 sogenannten Heilpädagogischen Einrichtung werden die Bewohner in Wohngruppen betreut, erleben Entwicklungsförderung und gehen in der Tagesstätte einer Tätigkeit nach. Das verläuft nicht immer reibungslos, denn wie in jeder zwischenmenschlicher Beziehung entstehen Konflikte. Konflikte, die für Menschen mit einer geistigen Behinderung oder Traumatisierung oft schwieriger zu managen sind und sich auch in Aggressionen gegenüber den Betreuern äußern können.

Auf dem großzügigen Parkgelände in Riedstadt-Philippshospital befinden sich drei Wohnstätten für Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf und eine Tagesstätte. Durch diese Struktur profitieren die Bewohner*innen von individuellen Förder-, Arbeits- und Beschäftigungsangeboten. „Wir haben eine eigene Tagesstätte, weil die Menschen mit Behinderung einen intensiven Betreuungsbedarf haben und die Werkstätten für Menschen mit Behinderung nicht alle Bewohner aufnehmen können. Trotzdem wollen wir, dass die Bewohner tagsüber die Wohngruppen verlassen, in ein anderes Milieu gehen und arbeiten, beschäftigt werden, Entwicklungsförderung erleben. Dadurch, dass wir diese Struktur hier vor Ort haben, können wir eine sehr gute Betreuung sicherstellen,“ erläutert Andreas Glomb, Leiter der Heilpädagogisch- therapeutischen Intensivgruppe (HTI).

Weitere Wohnstätten befinden sich inmitten der Gemeinden Trebur und Erfelden. Hier kümmert sich ein Team von Mitarbeiter* innen rund um die Uhr in einem Vollschichtbetrieb mit Früh-, Spät- und Nachtdienst und vielen unterschiedlichen Dienstmodellen um die Menschen.

Neben den Wohngruppen werden Menschen im betreuten Wohnen durch ambulante Dienste versorgt. Hier leben sie entweder in einer eigenen Wohnung oder sie leben noch bei ihren Familien, benötigen aber eine pädagogische und soziale Versorgung. „Die uns anvertrauten Menschen sollen auch an der Gesellschaft teilnehmen, Ausflüge machen und ihren Hobbys nachgehen,“ erklärt Andreas Glomb. „Das findet alles in der Freizeit statt. In der Tagesstätte herrscht ein geregelter Wochenbetrieb, montags bis freitags von ca. 8 bis 16 Uhr, wie bei einem normalen Arbeitsverhältnis.“

Die Anzahl der Mitarbeiter*innen in Riedstadt deckt sich in etwa mit den zu betreuenden Personen. Insgesamt zählt der voll- und teilstationäre Bereich etwas über 120 Menschen. In den Wohngruppen leben 96 Bewohner. Hinzu kommen die Menschen im betreuten Wohnen und einige externe Besucher der Tagesstätte, die noch bei ihren Familien wohnen und nur für die Tagesstruktur in die Tagesstätte kommen.

Historie

Bevor 1989 die Heilpädagogischen Einrichtungen gegründet wurden, war die Einrichtung in Riedstadt ein psychiatrisches Krankenhaus mit einem Funktionsbereich für geistige Behinderung. Um die Menschen adäquat unterbringen zu können, wurden in den Häusern pädagogisch orientierte Wohngruppen installiert. Durch die Veränderung der Fachkräfte und die Qualifizierung der Mitarbeiter entwickelten sich nach und nach heilpädagogische Einrichtungen in ganz Hessen. Durch die Gründung der Vitos Teilhabe im Jahr 2016 wurden die Einrichtungen in ganz Hessen zusammengefasst.

„Unser langfristiges Ziel ist es, uns vom Klinikgelände zu lösen,“ erläutert Angelika Birle von der Unternehmenskommunikation Vitos Teilhabe gGmbH. „Das ist ein großes Thema der Vitos Teilhabe: Inklusion, die Menschen mitten ins Leben holen. Dahin soll unser Weg führen. Daher rührt auch der Name Vitos Teilhabe. Das war der ursprüngliche Gedanke bei der Namensgebung.“

Andreas Glomb ergänzt: „Es ist nicht zuträglich, auf Dauer in solch großen Einrichtungen zu leben. Für manche Menschen ist es in Ordnung, da die Einrichtung auch Schutz bietet. Man kann manchen Menschen einfach nicht zumuten, in eine quirlige Großstadt zu ziehen, das wäre eine Überforderung für sie. Aber es ist schon sinnvoll, gemeindenah und mittendrin zu wohnen. Daher geht die Entwicklung in Richtung Teilhabe.“

Deeskalation und Gewaltprävention

In der Behindertenhilfe kann es auch immer wieder zu Aggressionen gegenüber den Betreuer*innen kommen. „Es gibt Menschen, die können die auf sie einwirkenden Reize nicht gut verarbeiten, z. B. Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden oder in einem Gespräch Umgebungsreize ausblenden,“ erklärt Andreas Glomb. „Jede Reizverarbeitung ist dann ein großes Problem: Unaufmerksamkeit und Überforderung durch Reizüberflutung sind die Folge. Das kann dazu führen, dass Menschen sich von der Überforderung befreien wollen und die Kontrolle über ihr Verhalten verlieren, um sich schlagen, etwas an die Wand werfen. Es kann vorkommen, dass Mitarbeiter angeschrien, geschlagen, gebissen, getreten, geschubst, gekratzt oder an den Haaren gezogen werden. Aber auch Selbstverletzung ist ein Thema.“

Ein weiterer Auslöser von Aggression kann die Erinnerung an eine früher erlittene Situation sein. Bewohner sind vielleicht traumatisiert, weil sie in ihrer Kindheit etwas erlebt haben, das sie nicht gut verarbeitet haben. Wenn dann jemand ein „falsches“ Wort sagt oder Verhalten zeigt, welches zu Missverständnissen oder zu Frustrationen führt, kann dies dazu führen, dass diese Person sich sehr stark aufregt. In solch einem Fall wird das Konzept der verbalen Deeskalation angewandt. Dabei wird z. B. ein deutliches Stopp-Signal mit der Hand gesetzt und somit eine Grenze aufgezeigt, um dann in die Kommunikation mit der Person eintreten zu können und so zu einer Lösung zu kommen. Man kann z. B. den Raum verlassen, eine Situation erklären oder eine Anforderungssituation beenden.

Andreas Glomb: „Wir gehen davon aus, dass die Bewohner sich wohlfühlen und auch nicht wütend oder aggressiv werden müssen, wenn wir sie gut betreuen. Dementsprechend schauen wir, dass wir individuelle Betreuungsmodelle schaffen.“

Auch eine gute Ausstattung ermöglicht es, besser mit Gewalt umzugehen. Dazu gehören Mobiltelefone und Notrufsysteme, aber auch Strukturen bei der Versorgung der Bewohner, wie Betreuungs- und Interventionspläne oder gute Verabredungen, bis hin zu ausgebildeten Trainern.

Zusammenarbeit mit der UKH – das PART-Konzept

Andreas Glomb: „Etwa im Jahr 2000 kam die Unfallkasse Hessen auf uns zu und die Aufsichtsperson hat mit uns über die Unfallzahlen geredet. Gemeinsam haben wir überlegt, welches Konzept hilfreich wäre, um eine Einrichtung so zu qualifizieren, dass sie sich konzeptionell und strukturell dem Thema Gewalt und Aggression annähert. So haben wir das Deeskalationstraining PART eingeführt. Hier lernen alle Mitarbeiter, wie man mit Gewalt umgeht, wie ihnen geholfen werden kann und was Gewalt bei den Bewohnern und Betreuten auslöst. Wie kann ich jemanden festhalten, um ihn daran zu hindern, gewalttätig zu werden? Oder ihn aus Überforderungssituationen befreien, ohne dass ich selbst Gewalt ausübe? Denn wir gehen davon aus, dass die Menschen, die hier betreut werden, einen guten Grund haben, sich so zu verhalten – sei es durch Traumatisierung oder bedingt durch Beeinträchtigungen infolge geistiger Behinderung. Es gibt z. B. nichtsprechende Menschen, die Schmerzen haben und das nicht sagen können und dann aggressiv werden. Durch die Schulung im PART-Konzept haben wir immer mehr Mitarbeitende dazu befähigt, mit diesen Problemen umzugehen. Gleichzeitig haben wir die Einrichtung darin fit gemacht, sich diesem Problem ununterbrochen zu stellen.

Folgeprojekt ProDeMa

Nachdem alle Mitarbeiter*innen in PART geschult waren, wurde ein neues Modell der Gewaltprävention eingesetzt: „Pro-DeMa“ (Professionelles Deeskalationsmanagement). ProDeMa ist ein auf die Behindertenhilfe spezialisiertes Konzept und hat den Baustein „Entwicklungsfreundliche Beziehungen nach Dr. Senckel“ aufgenommen. Zu Missverständnissen und Aggressionen kommt es zum Beispiel, wenn an jemanden Anforderungen gestellt werden, die ihn überfordern, da er sie aufgrund seines emotionalen Entwicklungsstandes nicht erfassen und umsetzen kann. „Der richtige Umgang mit Aggressionen ist wichtig,“ betont Andreas Glomb. „Aggressionen gehören zwar zum Leben dazu, aber wenn sie das Leben anderer beeinflussen, wird es schwierig. Wir haben hier in der Vergangenheit sehr hohe Unfallzahlen gehabt durch Übergriffe von Bewohner*innen und haben uns sehr intensiv damit auseinandersetzen müssen.“

Leitlinie

Anfang 2016 wurde eine verbindliche Leitlinie für ganz Vitos (alle Einrichtungen bis hin zur orthopädischen Einrichtung in Kassel) entwickelt, in der festgehalten ist, wie Vitos künftig mit Gewalt umgehen wird. Diese Leitlinie wird kontinuierlich umgesetzt. So müssen z. B. bis zum 31.12.2019 alle Mitarbeiter*innen entsprechend geschult sein.

Vierteljährlich werden in Quartalsberichten Schulungsstände erhoben, so dass der Ausbildungsstand regelmäßig geprüft wird. „In regelmäßigen Teamleitungssitzungen schauen wir uns auch die Unfallzahlen, die Aggressionen und Übergriffe an und werten diese aus. So lassen sich etwa Unfallschwerpunkte erkennen. Wir können sehen, ob der Schwerpunkt eher morgens oder mittags ist, wo Konflikte entstehen, an welcher Stelle man sich im Zimmer oder Flur befunden hat, ob bestimmte Mitarbeiter häufiger betroffen sind etc. Man kann 20 Übergriffe haben, die aber von einem einzigen Bewohner stammen, der eine Krise hat.“

Schulungen in Gewaltprävention

Um Unfälle zu reduzieren, werden unter anderem Situationstrainings gemacht, in denen z. B. verbale Deeskalation geübt wird. Dabei stellen die Mitarbeiter Szenen aus ihrem Alltag nach. Dann wird nach bestimmten Regeln deeskaliert. Hinterher wird das Video in der Gruppe angeschaut und geprüft, ob der Sicherheitsabstand eingehalten wurde, man zu leise geredet hat oder ob Bedürfnisse nicht entdeckt wurden. Außerdem wird eine Ausbildung zum Kollegialen Erstbetreuer angeboten, in der man lernt, wie man betroffene Mitarbeiter im Falle eines Unfalls bestmöglich unterstützen kann.

Vorteile von Gewaltpräventionsprojekten

Die Mitarbeiter*innen lernen, welche Hilfestellungen sie geben können, was empfohlen oder zwingend zur Umsetzung angewiesen wird. So werden sie mit diesem Thema nicht allein gelassen und wissen auch, wie man sich aus einer Angriffssituation befreit.

Andreas Glomb: „Und wenn doch etwas passiert, dann können wir beim Servicetelefon der UKH anrufen. Wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterein einen Übergriff erlebt hat oder jemandem der Tod eines Bewohners zu schaffen macht, kann ein posttraumatisches Belastungssyndrom entstehen. Über das Servicetelefon der UKH bekommen wir dann Informationen zu sogenannten probatorischen Sitzungen in einer niedergelassenen Traumatherapiepraxis. So erhalten betroffene Kollegen sehr schnell professionelle Hilfe. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein dasteht in einer belastenden Situation, sondern dass man schnelle Hilfe bekommt.“

 

inform Ausgabe 2/2018

Fachkraft Karin Wieskotten arbeitet am Webrahmen mit Bewohnerin Anastasia Alexandridou (links).

Im lichtdurchfluteten Atelier „Querstrich“...

...sind die Bewohner kreativ.

Tagesstätte in Riedstadt

Angelika Birle erläutert das Vitos-Leitbild. Ein respektvoller und achtsamer Umgang miteinander, Integration, Teilhabe an der Gesellschaft und familienfreundliche Strukturen gehören dazu. Fotos: Jürgen Kornaker für Unfallkasse Hessen

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Autor/Interviewer: Yvonne Klöpping, E-Mail: y.kloepping@ukh.de