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Datum: Kategorie(n): Schule · Versicherungsschutz · Sicherheit · Drucken

Unfallfrei durchs Schulpraktikum

Das erste Praktikum vergisst man nicht. Jugendlich unerfahren und neugierig stand ich seinerzeit plötzlich auf einer Baustelle in einer mir unbekannten Arbeitswelt. Keine Mitschülerinnen und Mitschüler mehr, nur „alte“ Männer … Mein Betreuer wirkte zum Glück nicht so alt und schien okay zu sein. Das Praktikum war dann schon ein echter Schritt ins echte Leben, aus heutiger Sicht sogar ein nicht ganz ungefährlicher: Da kam „Gutes von oben“, da konnte man in Gruben stürzen, vom Gerüst fallen und überall war Staub und Lärm. Wie steht es heute um die Sicherheit im Praktikum?

Damals hat mich das ganze Gefahrenspektrum wenig beeindruckt. Gefahren und Unfälle? Mit 15 Jahren waren dies nicht meine Themen. Gut, dass andere auf mich geachtet haben! Werfen wir einen Blick ins „Hier und Heute“.

Schwere Unfälle beim Schulpraktikum

In Hessen verunglücken im Praktikum jährlich ca. 350 Schülerinnen und Schüler. Das sind zwar weniger als 0,5 Prozent aller Unfälle dieser Personengruppe, doch die Unfallschwere ist gegenüber den sonstigen Schulunfällen deutlich höher. So kam es in den letzten zehn Jahren zu zwei tödlichen und einigen sehr schweren Unfällen (z. B. massiver Fingerverlust). Bei den Themen Unfallverhütung und Gesundheitsschutz im Schülerpraktikum besteht offenbar nach wie vor Verbesserungsbedarf. Insbesondere bei schweren Unfällen zeigt sich, dass Schüler und Schülerinnen die Gefahren gar nicht erkannt hatten und die Betriebe zum Teil erhebliche Defizite im Arbeitsschutz aufwiesen. Präventiv gilt es daher bei allen Beteiligten anzusetzen.

Prävention auf allen Ebenen

Grundsätzlich ist das Praktikum ein Zusammenspiel von Schule, Betrieb sowie Schülerinnen und Schülern. Dies gilt natürlich auch für die Belange der Sicherheit (Abb. 1). Alle Beteiligten müssen ihren Teil dazu beitragen, um ein sicheres Praktikum zu gewährleisten. Die Details verdeutlicht Abbildung 2.

Die Rolle der Schule

Die Schule gibt beim Praktikum ihre Schülerinnen und Schüler in die Obhut eines Betriebs.

Auf die eigentliche Praktikumstätigkeit hat sie keinen Einfluss. Der Lehrkraft fehlen zudem häufig spezifische Kenntnisse zu Abläufen eines Werkstattbetriebs oder einer Baustelle. Schule und Lehrkräfte müssen sich letztlich auf den Betrieb verlassen (können). Damit kommt der Eignung und Auswahl des Betriebs eine hohe Bedeutung zu. In der Praxis kann sich durchaus ein Interessenskonflikt ergeben, wenn aus einer geringen Anzahl von Betrieben noch vermeintlich ungeeignete aussortiert werden müssen. Welche Kriterien kann die Schule für die Auswahl eines sicheren Betriebs anwenden?

Mindeststandards für ein sicheres Praktikum: gesetzliche Vorgaben und Gefährdungsbeurteilungen

Ob ein Betrieb für ein Praktikum geeignet ist, lässt sich anhand bestimmter Kriterien beurteilen. Unerlässlich sind hierbei die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur sicherheitstechnischen und betriebsärztlichen Betreuung, sowie eine Gefährdungsbeurteilung. Gerade bei Kleinbetrieben wird man hier auf Mängel stoßen. Ein Betrieb, der diese Voraussetzungen nicht erfüllt, ist als Praktikumsbetrieb völlig ungeeignet. Die genannten Mindeststandards lassen zwar eine gewisse Sicherheitskultur erwarten. Ein Garant für ein sicheres Praktikum sind sie jedoch nicht.

Daher sollte die Schule vorab mit dem Betrieb klären:

  • Gibt es geeignete Tätigkeiten für den Praktikanten/die Praktikantin?
  • Sind zuverlässige, qualifizierte Betreuungspersonen und Ansprechpartner dauerhaft verfügbar
  • Welche Erwartungen stellt der Betrieb an die Praktikantin/den Praktikanten? Gibt es ggf. Schülerinnen oder Schüler, die aufgrund dieser Erwartungen für diesen Betrieb ungeeignet sind?
  • Sind dem Betrieb die Vorgaben und Einschränkungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes bekannt (keine gefährliche Arbeiten, z. B. an Maschinen wie Kreissäge, Häcksler etc.)?
  • Hat der Betrieb Erfahrung mit Praktikant*innen?
  • Welche Unterweisungen sind notwendig bzw. geplant?
  • Ist Schutzkleidung notwendig und wird diese auch gestellt?

Sowohl während (z. B. beim Besuch der Lehrkraft) als auch nach dem Praktikum sollte mit den Schülerinnen und Schülern das Thema Sicherheit reflektiert und Auffälligkeiten sollten dem Betrieb kommuniziert werden. Gut auf Gefahren vorbereiten Von besonderer Bedeutung ist die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler. Hierzu gibt es branchenspezifische Materialien. Gerade schwere Unfälle zeigen jedoch, dass eine solide Kompetenz gegenüber „Basisgefahren“ hier ggf. den „Eigenschutz“ der Jugendlichen deutlich verbessern könnte.

Basisgefahren im Berufsleben und Alltag sind:

  • Höhe erkennen und die Absturzbzw. Verletzungsgefahr einschätzen könne
  • Gefahrstoffe erkennen: Arten und Aufnahmemöglichkeiten (z. B. Hautkontakt, Einatmen)
  • Brand- und Verbrennungsgefahren erkennen, verhüten
  • Maschinen
  • elektrischer Strom
  • schwere Lasten heben, tragen; Herabsturzgefahr
  • sehen und gesehen werden im (Werks-)Verkehr

Diese Themen finden sich in diversen Unterrichtsfächern, so dass man frühzeitig solides Wissen aufbauen kann. Vielen Jugendlichen fehlt heute ein Höhengefühl, weil sie aufgrund einer überbehüteten Kindheit bestimmte Erfahrungen, wie „Höhe tut weh“, nicht mehr machen können. Ungenügend ausgebildet bleibt beispielsweise die Grenzhöhe, die bei einem Sturz oder Sprung unbeschadet überstanden werden kann. Dabei besteht im schulischen Sportunterricht die Möglichkeit, Höhe erlebbar zu machen und Höhenkompetenz zu vermitteln. Ähnliche Möglichkeiten bieten Physik und Chemie für Strom bzw. Gefahrstoffe. Gerade bei lernschwachen Schülerinnen und Schülern kann es angebracht sein, derartiges Wissen erlebnisorientiert zu gestalten und spielerisch (z. B. pantomimisch) darstellen zu lassen.

Aufgaben der Betriebe

Für minderjährige Praktikantinnen und Praktikanten ist der Betrieb letztendlich der Garant für ihre Sicherheit. Daher muss ihre Aufnahme sorgfältig vorbereitet werden.

Folgende Fragen sind zu klären:

  • Sind wir in der Lage, einen Praktikanten, eine Praktikantin sinnvoll zu beschäftigen, zu betreuen (inhaltlich, zeitlich, personell)?
  • Haben wir geeignete Betreuungspersonen mit den entsprechenden Qualifikationen?
  • Sind Arbeitsschutzstandards auf dem notwendigen Niveau (sicherheitstechnische, arbeitsmedizinische Betreuung, Gefährdungsbeurteilung, Jugendarbeitsschutzgesetz, Unterweisungen)?

Sind vorstehende Aspekte geklärt, kann sich der Betrieb auf weitere Sicherheitsüberlegungen im Praktikumsablauf konzentrieren. Dabei ist zu bedenken, dass der noch unbedarfte junge Mensch eine verlässliche Führung (auch im Sinne einer Beaufsichtigung) benötigt. Der Betreuer bzw. die Betreuerin sollte mit der Altersgruppe vertraut sein, wobei eine Ausbildereignung ideal wäre.

Der Rahmen für den sicheren Praktikumsverlauf sieht so aus:

  • Planung des Praktikanteneinsatzes mit zugeteilter Betreuung
  • Erteilung notwendiger Unterweisungen und Kontrolle des Verhaltens der Praktikanten
  • zugeteilte Aufgaben sollen fordern, aber nicht über- oder unterfordern
  • notwendige und geeignete Schutzausrüstungen zur Verfügung stellen
  • Besuche der Lehrkraft mit der Schule abstimmen und Kommunikation untereinander verabreden

Besonders wichtig ist die Auswahl der Tätigkeit. Durch Überforderung (z. B. Bewegung zu hoher Lasten, Umgang mit Maschinen oder Gefahrstoffen) können rasch kritische Situationen entstehen, die der Praktikant, die Praktikantin nicht beherrscht. Unabhängig hiervon dürfen Jugendliche auch gemäß Jugendarbeitsschutzgesetz nicht mit gefährlichen Arbeiten betraut werden. Unterforderungen durch monotone, langweilige Tätigkeiten sind ebenfalls problematisch. Sie verleiten zu Ausweichverhalten. Schnell kommt es dann mal zum „Besuch“ anderer Betriebsbereiche (Dächer, Fahrzeuge etc.), wo unerwartete Gefahren lauern.

Was müssen Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern tun?

Die schulische Vorbereitung und betriebliche Begleitung der Schülerinnen und Schüler sind wesentlich für ein sicheres Praktikum. Schülerinnen und Schüler sollten sich mit ihren Eltern über das Betriebspraktikum austauschen. Erkennbare Defizite in Sachen Sicherheit müssen unverzüglich mit der Schule und dem Betrieb geklärt werden. Alarmzeichen sind beispielsweise Schülerarbeiten an Häckslern, auf Dächern etc.

 

inform Ausgabe 2/2018

Abb. 1: Das Praktikum ist ein Zusammenspiel von Schule, Betrieb sowie Schülerinnen und Schülern.

Abb. 2: Alle drei beteiligten Parteien müssen ihren Teil zu einem erfolgreichen und sicheren Schulpraktikum beitragen.

Bild: ©Adobe Stock

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Autor/Interviewer: Herbert Hartmann, E-Mail: h.hartmann@ukh.de