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Datum: Kategorie(n): Feuerwehr · Sicherheit · Ehrenamt · Drucken

Die Bambini-Feuerwehr als Motor der Inklusion

Mit knapp sechs Jahren wollte Jonas (Anm. der Red.: Name geändert) der Bambini-Feuerwehr in Rosenthal beitreten – wie auch viele andere Gleichaltrige im Ort. Der einzige Unterschied zu ihnen: Jonas ist gehörlos. „Na und?“, sagte sich die Bambini-Wartin Bianca Bubenheim, überzeugte den Vereinsvorstand der Freiwilligen Feuerwehr Rosenthal und machte diese damit zum regionalen Leuchtturm.

Die UN-Behindertenrechtskonvention sieht vor, dass alle Menschen unabhängig ihrer körperlichen oder mentalen Einschränkungen gleichberechtigt am Alltag teilhaben können. Ein richtiger und wichtiger Schritt, der sich in der Realität aber häufig anders darstellt.

Einfach machen!

„Jonas trat vor einem Jahr in unsere Bambini-Feuerwehr ein, aber viele andere Sportvereine hatten seine Mitgliedschaft aufgrund seiner Gehörlosigkeit vorher abgelehnt“, resümiert Bianca Bubenheim. Für die Bambini-Wartin ist dieses Vorgehen unverständlich: „Wie kann ich etwas von vornherein ablehnen, was ich nicht probiert habe?“

Denn die gesprochene Sprache ist gar nicht immer vorrangig: „Jonas nimmt alles visuell auf und mithilfe von Mimik und Gestik rückt das auditive Verstehen häufig in den Hintergrund“, weiß Bianca Bubenheim. Sie ist Erzieherin und leitet noch eine weitere Bambini-Feuerwehr in der Nähe ihres Wohnortes.

Ab und an kommen andere Vereine und Feuerwehren auf sie zu und fragen, wie die Inklusion bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rosenthal so selbstverständlich umgesetzt werden konnte: „Ich antworte dann: Wir machen es einfach!“

Nach der Anfrage des Vaters, ob Jonas in die Bambini-Feuerwehr eintreten könne, sagte sich der Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr, dass Jonas ein Kind sei wie jedes andere auch – nur eben mit einer besonderen Eigenschaft. Alle waren sich einig, dass sie Jonas die Mitgliedschaft in jedem Fall ermöglichen wollten. Nachdem der Vorstand grünes Licht gegeben hatte, wurden die Eltern der Bambini eingeladen und darüber informiert, damit alle gleich zu Beginn mit im Boot waren. Als auch die Eltern Unterstützung signalisierten, konnte Jonas teilnehmen – zunächst für drei Monate, um herauszufinden, ob er langfristig Interesse zeigen würde und um abzuschätzen, ob der bisherige Betreuungsschlüssel allen Kindern gerecht wird.

Bianca Bubenheim:Anfangs kam ein Gebärdendolmetscher mit, der übersetzte, aber langfristig wurde es zu einer teuren Lösung für die Eltern, da es für außerschulische Aktivitäten keine staatlichen Hilfen gibt. Meine Stellvertreterin bei der Bambini-Feuerwehr beherrscht glücklicherweise die Gebärdensprache und übersetzt dann, wenn wir uns nicht mit Mimik und Gestik verständigen können. Manchmal sind auch Jonas’ Eltern dabei. Schnell war klar, dass Jonas unsere Bambini dauerhaft verstärken würde. Einen Dolmetscher empfehle ich aber dafür.“

Mut zur Inklusion zahlt sich aus.

Bei den anderen Kindern der Bambini-Feuerwehr ist Jonas vollständig akzeptiert. Zunächst gab es Befürchtungen, ob es eventuell zu Neckereien kommen könnte, aber genau das Gegenteil ist der Fall: „Kinder sind viel unkomplizierter als Erwachsene: Sie gehen ganz selbstverständlich miteinander um und helfen sich gegenseitig. Und Jonas benötigt nicht mehr Hilfe als andere Kinder auch. Wichtig ist nur der Blickkontakt: Da ich ihn nicht rufen kann, wenn er sich bei einem Ausflug zu weit entfernt, ist es wichtig, dass solche Situationen im Vorhinein besprochen werden. Aber wenn die Grenzen klar gesetzt worden sind, sind auch solche Situationen zu bewältigen.“

Wie wird Jonas’ Zukunft bei der Freiwilligen Feuerwehr aussehen, wird er auch in die Jugendabteilung wechseln können? Bianca Bubenheim ist davon überzeugt, dass auch das funktionieren wird: „Mein Ziel ist, dass er nicht mit einem Sonderstatus ‚nur so mitläuft‘, sondern wir bieten ihm genau die gleichen Chancen und Erlebnisse wie allen anderen auch. Dafür setze ich mich ein.“ Für die Bambini-Wartin steht bei der Jugendarbeit der soziale Aspekt im Vordergrund, weshalb es für sie außer Frage steht, allen Kindern unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Fertigkeiten, die sie ganz individuell mitbringen, die Teilnahme zu ermöglichen.

Und die Bambini-Feuerwehr in Rosenthal ist beliebt bei den Kindern! Zwölf Teilnehmer*innen zählt Bianca Bubenheim zu ihrer Gruppe, obwohl die Konkurrenz durch andere Vereine groß ist. Die Bambini treffen sich einmal pro Monat für ein bis zwei Stunden oder sie machen Ganztagesausflüge am Wochenende. Der Andrang verwundert nicht, wenn man hört, wovon ein Bambini-Mitglied zum Ende der Stunde schwärmt: „Ich freue mich schon darauf, wenn wir unterschiedliche Stoffe zum Kokeln bringen! Weißt du, Bianca, hier bei dir kann man alles ausprobieren, was man zu Hause sonst nicht darf!“

Bianca Bubenheim: „Ich kann anderen Vereinen und Freiwilligen Feuerwehren nur Mut zusprechen, denn die Inklusion ist am Ende viel unkomplizierter, als man anfangs befürchtet.“

inform Ausgabe 1/2017

Ein Highlight der Bambini-Stunde: einmal ins große Feuerwehrauto klettern.

Jonas’ Vater übersetzt simultan, was Bianca Bubenheim über die Rauchentwicklung im Haus erklärt.

Die Feuerwehr-Bambini bestaunen den Lüfter, der den letzten Rauch aus den Wohnräumen bläst.

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Autor/Interviewer: Cordula Kraft (069) 29972-606, E-Mail: c.kraft@ukh.de