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Datum: Kategorie(n): Gefahrstoffe · Unternehmen · Versicherungsschutz · Drucken

Formaldehyd ist krebserzeugend

Seit dem 1. Januar 2016 wird Formaldehyd europaweit als „Carc. 1B“ – als krebserzeugend im Tierversuch – eingestuft. Ebenfalls neu ist die Einstufung in „Muta 2“ – Verdacht der mutagenen (erbgutverändernden) Wirkung. Die Neueinstufung hat Auswirkungen auf den Arbeitsschutz, auf das Umweltrecht und den Verbraucherschutz.

Einsatzbereiche von Formaldehyd

Formaldehyd ist eine Grundchemikalie mit vielseitigen Anwendungen. Es wird z. B. bei der Textilveredlung eingesetzt und in der Polymerherstellung (Bakelit, Melamin-Formaldehyd-Harze) und dient zur Konservierung von Kosmetika, Farben, Klebstoffen sowie wassergemischten Kühlschmierstoffen. Als Konservierungsmittel wird Formaldehyd vielfach auch in Form von Formaldehyd-Abspaltern verwendet. Das sind Stoffe, die über eine lange Zeit geringe Mengen Formaldehyd abgeben und auf diese Weise eine Konservierung gewährleisten. Weitere Einsatzgebiete sind die Verwendung von Formaldehyd als Wirkstoff in Flächendesinfektionsmitteln, zur Raumdesinfektion sowie zur Fixierung und Konservierung von humanem und tierischem Gewebe in der Anatomie und Pathologie.

Einstufungen von Formaldehyd: Historie

Bereits im Jahr 2000 hat die MAK-Kommission der DFG Formaldehyd hinsichtlich seiner krebserzeugenden Wirkung in die Kategorie 4 eingestuft (Stoffe mit krebserzeugender Wirkung, bei denen genotoxische Effekte keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bei Einhaltung des MAK-Werts ist kein nennenswerter Beitrag zum Krebsrisiko für den Menschen zu erwarten). Als MAK-Wert hat die MAK-Kommission 0,3 ml/m³ bzw. 0,37 mg/m³, Überschreitungsfaktor 2, festgelegt. Zudem sieht sie den Stoff als hautsensibilisierend an. Sowohl die Einstufung als auch die Ableitung des MAK-Werts berücksichtigen die vielfältigen Mechanismen, die zur Krebsentstehung beitragen können. Die MAK-Kommission stellt fest, dass unterhalb des MAK-Werts keine krebserzeugende Wirkung zu erwarten ist.

Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Krebsforschungsagentur (International Agency for Research on Cancer, IARC) änderte im Juni 2004 deren Einstufung von Formaldehyd aus dem Jahre 1995 von Gruppe 2A („probably carcinogenic to humans“) in Gruppe 1 („carcinogenic to humans“).

In Europa werden seit dem Jahr 2009 Chemikalien harmonisiert nach der Verordnung 1272/2008 „Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen“ (CLP-Verordnung) in Gefahrenklassen und Gefahrenkategorien eingestuft. Mit der 6. Änderungsverordnung vom Juni 2014 wurde für Formaldehyd eine Neueinstufung veröffentlicht. Diese Einstufung wurde zum 1. Januar 2016 wirksam. Nun wird auch in der EU Formaldehyd als „Carc. 1B“ – als krebserzeugend im Tierversuch – ein- gestuft. Ebenfalls neu ist die Einstufung in „Muta 2“: Verdacht der mutagenen (erbgutverändernden) Wirkung.

Unabhängig von einer Einstufung als krebserzeugend ist Formaldehyd bereits seit langem auch als hautsensibilisierend eingestuft (siehe Tabelle rechts).

Formaldehyd – ein krebserzeugender Stoff mit Wirkschwelle

Für einen krebserzeugenden Stoff kann üblicherweise keine Schwelle angegeben werden, unterhalb derer keine Gefahr einer Krebsentstehung mehr besteht. Für Formaldehyd aber lässt sich eine solche Schwelle ableiten. Die MAK-Kommission hat dies bereits im Jahr 2000 deutlich gemacht.

Nachdem im Jahr 2004 die IARC Formaldehyd in Gruppe 1 als „carcinogenic to humans“ eingestuft hatte, veröffentlichte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Frühjahr 2006 einen Bericht zur Bewertung der Karzinogenität von Formaldehyd. Darin sieht auch das BfR bei Formaldehyd eine Schwelle hinsichtlich der krebserzeugenden Wirkung und schlägt als „sichere Konzentration“ („Safe Level“) eine Innenraum-Luftkonzentration von 0,1 ppm vor. Der bereits im Jahr 1977 vom damaligen Bundesgesundheitsamt festgelegte Wert für die Formaldhyd-Konzentration in Innenräumen wurde somit bestätigt.

Der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) hat im November 2014 einen Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) von 0,3 ml/m³ (ppm) bzw. 0,37 mg/m³, Überschreitungsfaktor 2, festgelegt. Einen AGW verabschiedet der AGS nur, wenn unterhalb dieser Konzentration akute oder chronische schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit nicht zu erwarten sind. Der vom AGS verabschiedete AGW für Formaldehyd ist mit der Bemerkung „Y“ ausgewiesen. Das bedeutet, dass ein Risiko der Fruchtschädigung bei Einhaltung des AGW nicht zu befürchten ist. Damit folgt der AGS der Empfehlung der MAK-Kommission.

Arbeitsschutz und Formaldehyd – Was ist zu tun?

Nach § 5 Arbeitsschutzgesetz (ASG) ist der Arbeitgeber verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen muss er sich die dafür „notwendigen Informationen beim Inverkehrbringer oder aus anderen, ihm mit zumutbarem Aufwand zugänglichen Quellen beschaffen“ (§6 Abs. 2 Gefahrstoffverordnung). Allgemein zugängliche Informationen in Bezug auf Formaldehyd sind z. B. die MAK-Wert-Liste der DFG, der Bericht des BfR zur Einstufung von Formaldehyd, die GESTIS-Stoffdatenbank der DGUV. Aus dieser Sicht dürfte die Neueinstufung von Formaldehyd im Arbeitsschutz keine Verschärfung bedeuten. Gegebenenfalls könnten formaldehydhaltige Gemische neu zu kennzeichnen sein und dies könnte unvorbereitete Anwender vor neue Herausforderungen stellen.

Mitte der 1980er-Jahre ist Formaldehyd ins Gerede gekommen. Damals war es in hohen Konzentrationen in Innenräumen, durch das Ausgasen aus Möbeln, gefunden worden. Dies hat dazu geführt, dass der Einsatz von Formaldehyd oder von formaldehydhaltigen Produkten stetig abgenommen hat. Bei Materialien, die in Innenräumen eingesetzt werden, wie Spanplatten, die Harnstoff-Formaldehyd-Harze u. Ä. enthalten, können durch sehr langsame, aber kontinuierliche Zersetzung (Hydrolyse) der Harze (ungewollt) Spuren von Formaldehyd ausgasen.

Erfahrungen der Unfallversicherungsträger (UVT) aus Untersuchungen der Innenraumluft (Bürostudie) zeigen, dass der Innenraumluft-Richtwert für Formaldehyd (0,1 ml/m³) heutzutage deutlich unterschritten wird.

Formaldehyd ist vor allem als Wirkstoff in Flächen- und Instrumentendesinfektionsmitteln von Bedeutung. Bereits 2002 haben die UVT gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) nach umfangreichen Arbeitsplatzmessungen die BG/BIA-Empfehlungen „Flächendesinfektionen in Krankenhausstationen“ erarbeitet. Darin sind die verfahrens- und lüftungstechnischen Randbedingungen beschrieben, die eine Einhaltung des AGW gewährleisten.

Bei der Schlussdesinfektion oder bei behördlich angeordneten Desinfektionsmaßnahmen bei gefährlichen Infektionen oder im Bereich von veterinärmedizinischen Einrichtungen wird mit höheren Anwendungskonzentrationen gearbeitet. Nach der Liste des Robert-Koch-Instituts (RKI) der geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren gemäß §18 Infektionsschutzgesetz (IfSG) bzw. der Desinfektionsmittellisten der Hygieneverbände (VAH, DVG) kann nicht immer auf formaldehydhaltige Produkte verzichtet werden. Hygienische Aspekte sind maßgeblich für die Auswahl der Desinfektionsmittel, die Reinigungsbetriebe haben darauf keinen Einfluss. Bei der Schlussdesinfektion kann der AGW für Formaldehyd überschritten werden, wenn Arbeitsverfahren und Lüftungssituation nicht dem Stand der Technik entsprechen (siehe TRGS 525 bzw. BG/BGIA-Empfehlungen). In diesen Fällen kann das Tragen von Atemschutz erforderlich sein.

In humanmedizinischen Bereichen wie Krankenhäusern, aber auch in der Veterinärmedizin wurden lange Zeit Desinfektionsreiniger ausschließlich auf Formaldehyd-Basis verwendet. Hier können seit vielen Jahren formaldehydarme bzw. formaldehydfreie Produkte eingesetzt werden, vor allem auf der Basis anderer Aldehyde. Vor der Entscheidung über den Einsatz von Desinfektionsmitteln ist zu prüfen, ob eine Desinfektion fachlich geboten ist. Diese Entscheidung erfordert eine interdisziplinäre Abstimmung zwischen den verantwortlichen Hygiene- und Arbeitsschutzfachleuten.

Bei der Verwendung von Formaldehyd im Labor sind die Schutzmaßnahmen Vor- gaben der TRGS 526 „Laboratorien“ und der DGUV Information 213-850 „Sicheres Arbeiten in Laboratorien“ einzuhalten. Für jene, die sich bisher an die genannten Hilfen gehalten und auf sicheres Arbeiten in den Laboratorien geachtet haben, stellt die Neueinstufung von Formaldehyd keine Herausforderung dar.

In der überwiegenden Zahl der im Rahmen eines Messprogramms von den UVT untersuchten Pathologien wurden vielerorts zu hohe Konzentrationen an Formaldehyd festgestellt. Der auf dieser Basis erstellte „Leitfaden für sicheres Arbeiten in Pathologien“, der sich am MAK-Wert für Formaldehyd orientiert, beschreibt Schutzmaßnahmen zur Einhaltung des AGW.

In der Human- und Veterinäranatomie wird Formaldehyd in eineinhalb bis vierprozentigen Lösungen bei der Fixierung und Konservierung von Körperspenden eingesetzt. Sowohl bei der Fixierung als auch im Rahmen des studentischen Praktikums wird offen mit Formaldehyd und mit den formaldehydhaltigen Präparaten umgegangen. Dabei ist eine Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwerts oftmals nicht gewährleistet. Eine Substitution des Formaldehyds für die oben genannten Anwendungen ist aber nur beschränkt möglich. Untersuchungen der Unfallversicherungsträger haben ergeben, dass zur sicheren Durchführung des anatomischen Praktikums technische Schutzmaßnahmen (Erfassung der Gefahrstoffe an der Entstehungsstelle mittels abgesaugter Präpariertische und raumlufttechnische Maßnahmen) unabdingbar sind. Die Wirksamkeit dieser Maßnahmen setzt voraus, dass beide Systeme gut aufeinander abgestimmt sind. Dies ist in der Praxis zurzeit allerdings noch nicht die Regel.

Auswirkungen der Formaldehyd-Einstufung auf andere Regelungsbereiche

Bauprodukte werden bauaufsichtlich vom Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) zugelassen. Diese werden nur dann zugelassen, wenn sie gemäß den Vorgaben des Ausschusses für gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten (AgBB) keine krebserzeugenden (karzinogene), mutagenen oder reproduktionstoxischen Stoffe enthalten.

Die gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten erfolgt nach dem AgBB-Schema. Danach muss in Prüfkammertests nach drei Tagen die Konzentration der Karzinogene, Kat. 1A bis 1B, kleiner als 0,01 mg/m³ und nach 28 Tagen kleiner als 0,001 mg/m³ sein. Werden diese Werte nicht eingehalten, ist das Bauprodukt für die Verwendung im Innenraum nicht geeignet. Die derzeitige Prüfung nach dem AgBB-Schema sieht für Formaldehyd eine Einzelstoffbetrachtung vor. Danach darf in Prüfkammermessungen der Wert von 0,1 mg/m³ nicht überschritten werden. Berichte von Schadensfällen, bei denen es nach einer Kerndämmung mit Ortsschaum zu Formaldehyd-Konzentrationen von fast 1 mg/m³ in Räumen geführt haben soll, deuten darauf hin, dass alle Anwendungsregeln ignoriert wurden. Die Ursache liegt in gravierenden Fehlern bei der Ermittlung möglicher Durchtrittsöffnungen für den Ortsschaum.

Die Neueinstufung von Formaldehyd als krebserzeugend stellt in einigen Bereichen eine Herausforderung dar. Die Verpflichtung der Gefahrstoffverordnung zur Gefährdungsbeurteilung und Expositionsminimierung ist allerdings nicht neu. Die Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht, sind gut beraten, ihren Verpflichtungen im Arbeitsschutz zur Gefährdungsminimierung endlich nachzukommen (Literatur auf Anfrage). 

 

inform Ausgabe 2/2016

Unabhängig von einer Einstufung als krebserzeugend ist Formaldehyd bereits seit langem auch als hautsensibilisierend eingestuft.

Formaldehydmessungen an der Person bei der Flächendesinfektion.

DGUV Fachgespräch "Reduzierung der Formaldehydbelastung im anatomischen Praktikum - Lösungsansätze"

Studierende im anatomischen Praktikum

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Autor/Interviewer: Ingrid Thullner (069 29972-250), E-Mail: i.thullner@ukh.de