Twitter Facebook Instagram Youtube Xing RSS Snapchat LinkedIn
inform ukh

Arbeitsschutz an der Universität Kassel

Der Campus der Uni Kassel wächst und wächst. Zusammen mit seinen Mitarbeiter*innen koordiniert Georg Mösbauer die Sicherheit und Gesundheit von rund 3.200 Beschäftigten, 1.500 wissenschaftlichen und studentischen Hilfskräften sowie 25.000 Studierenden an acht Standorten in 110 Gebäuden – vergleichbar mit einer Kleinstadt. Diese Mammutaufgabe erfordert einen besonderen Einfallsreichtum – und Arbeitsschutzkoordinator Georg Mösbauer hat viele Ideen!

inform: Herr Mösbauer, die Uni Kassel wächst und wächst, in den kommenden Jahren sollen die Naturwissenschaften auf dem nördlichen Campus eine neue Heimat bekommen. Wie werden Sie in den Neubau involviert sein?

Georg Mösbauer: Spannend war hier die Frage, welche Altlasten zutage gefördert werden und wie die Kontamination einzuschätzen ist. Aber da ich zuvor viele Jahre als Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator auf Baustellen und als Gewässer- und Emissionsschutzbeauftragter tätig war, sehe ich dem Baubeginn gelassen entgegen. Dieser Campus hier wurde auf einem alten Industriegelände errichtet, deshalb beschäftigen uns die Altlasten aus dem vergangenen Jahrhundert regelmäßig. Beispielsweise liegt unter einem Gebäude ein altes Gaskraftwerk aus dem Jahr 1898 vergraben, das viele Jahre gutachterlich untersucht und letztendlich von 2015 bis 2017 saniert wurde. Und auch die alten Produktionsstätten der ehemaligen Waggongießerei Henschel stellen uns hin und wieder unter Umweltgesichtspunkten vor Herausforderung. Da ich neben meiner Funktion als Arbeitsschutzkoordinator auch für den betrieblichen Umweltschutz zuständig bin, begleite ich den Campus-Ausbau in beratender Funktion.

inform: Welchen Status quo haben Sie vorgefunden, als Sie die Stelle vor zehn Jahren angetreten haben? Nach welchen Kriterien haben Sie sich Ihre Abteilung aufgebaut?

Georg Mösbauer: Unsere Hochschule ist mit den unterschiedlichsten Fachdisziplinen sehr heterogen aufgestellt und wird zum Teil dezentral verwaltet. Die Erkenntnis, dass besondere Instrumente zum Einsatz kommen müssen, um die Themen Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz zu implementieren, kam sehr schnell.

Wenn man damit beginnt, den Ist-Zustand zu erheben, lernt man zehn neue Dinge am Tag und sieht aber auch ebenso viele neue Probleme. Erst mit der Zeit klären sich die Dinge. Ich habe das Glück, mit einem interdisziplinären Team zusammenzuarbeiten, mit dem ich gemeinsam auch diverse Querschnittsaufgaben wie die chemische und die Gewerbeabfallentsorgung bewältige. Ich selbst bin Geologe und neben mir arbeiten u. a. ein Maschinenbauingenieur, ein Ingenieur für Krankenhausbetriebstechnik, eine Umweltingenieurin, ein Umwelttechniker und zwei chemisch-technische Assistent*innen.

So breit aufgestellt zu sein, ist bei der thematischen Breite der Lehrstühle und Abteilungen unbedingt von Vorteil und sehr bereichernd und effektiv.

inform: Wie gehen Sie strategisch vor?

Georg Mösbauer: Zum Beginn einer jeden Arbeit steht natürlich eine vollständige Bestandsaufnahme: „Welche Gefährdungsbeurteilungen gibt es schon und wie stehen die Einrichtungen in den stichprobenartigen Kontrollen dar?“ Das Ergebnis war, dass wir in der Unterstützungspraxis noch ausbaufähig sind. Durch die dezentrale Struktur war mir sehr schnell klar, dass wir einen einheitlichen Standard nicht nur mit persönlichem Einsatz stemmen können, also musste schnell ein vollständiger und ansprechender Intranetauftritt mit einem breiten Informationsangebot her. In die Gestaltung haben wir sehr viel Mühe gesteckt, denn die Bedienung muss einfach sein und Spaß machen. Diese Wissensplattform wird sehr gut angenommen, wie die Zugriffszahlen belegen. Wenn man Führungskräfte erreichen will, dann reicht es nicht, nur die Defizite aufzuzeigen, sondern man muss auch Unterstützung anbieten. Gleichzeitig muss man Verbindlichkeiten in Form von Richtlinien schaffen, um leitungsseitig zu verdeutlichen, welchen Stellenwert der Arbeitsschutz an der Hochschule einnimmt.

Im Zuge dessen haben wir den Arbeitsschutz im Leitbild verankert und eine Kampagne zur Steigerung des Sicherheits- und Gesundheitsbewusstseins der Beschäftigten initiiert. Innerhalb der Kampagnen- Arbeitsgruppe haben wir drei grundlegende Organisationsaspekte zu gesundem und sicherem Verhalten identifiziert:

1. Sicherheitsbewusstes Verhalten
ist ein Qualitätsmerkmal, das auch im Employer Branding eine wichtige Rolle einnimmt.

2. Verantwortung verdeutlichen, da
Führungskräfte eine Schlüsselrolle einnehmen, mit ihnen steht und fällt ein wirksamer Arbeitsschutz.

3. Reibungslose Organisation als Appell
an die eigene Motivation, denn wir alle sind Teil dieser Universität und müssen bereit sein, Prozesse zu verändern und daran mitzuwirken.

Daneben wurden die Bereiche Gesundheitsförderung, Arbeitsschutz, Brandschutz und die Notfallorganisation thematisiert. Wenn man die Menschen für diese Themen sensibilisieren möchte, muss man dem Arbeitsschutz das angestaubte Image nehmen und den Informationen und Handlungshilfen ein ansehnliches Erscheinungsbild geben.

Neben dem professionellen Intranetauftritt haben wir wertige Broschüren und Handbücher produziert, die den Stellenwert von Sicherheit und Gesundheit unterstreichen. Das steigert die Akzeptanz, was wir auch im Rahmen einer Nachbefragung evaluieren konnten. Mein Anspruch liegt nicht darin, alles zu kontrollieren, sondern Unterstützung anzubieten, damit die Fachbereiche sich selbst organisieren können und unsere Expertise proaktiv in Anspruch nehmen möchten. Deshalb verbessern und erweitern wir unser Angebot stetig.

inform: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Maßnahmen auch angenommen werden und tatsächlich wirksam sind?

Georg Mösbauer: Nachdem die neuen AGU-Handbücher ausgegeben wurden, wurden in den drei bis vier Wochen danach vermehrt neue Sicherheitsbeauftragte unterstützen Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Vorgesetzte bei der Unfallverhütung und beim Gesundheitsschutz.
[mehr +]
Sicherheitsbeauftragte
bestellt, so dass wir die Lücken schließen konnten. Seitdem fragen die Kolleg*innen mehr nach, bitten um Unterstützung oder fordern Begehungen an. Das lässt sich direkt quantifizieren.

inform: An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

Georg Mösbauer: Wir haben als einen Schwerpunkt das Projekt „safety first“ initiiert. Dabei nehmen wir nach und nach die einzelnen Fachbereiche unter die Lupe. Dieses Jahr begehen wir die Bau- und Umweltwissenschaftlichen Lehrstühle. Wir besuchen die Lehrenden persönlich, übergeben ihnen unser neues Arbeitsschutz-, Gesundheitsund Umweltschutzhandbuch und bieten unsere Unterstützung an. Dann erfolgt eine Status-quo-Erhebung zum Stand der Arbeitsschutzorganisation in den einzelnen Teilbereichen, bei der wir auf offene Punkte aufmerksam machen und gemeinsam eine Checkliste ausfüllen. In gewissen Abständen werden dann sogenannte Check-ups durchgeführt. Und so wollen wir Jahr für Jahr die Fachbereiche mit den größeren Gefährdungspotenzialen durchgehen.

inform: Worin liegen denn die größten Gefährdungen an Ihrer Universität?

Georg Mösbauer: Die Labore und Werkstätten der Fachbereiche Maschinenbau und Naturwissenschaften bergen im Umgang mit den Anlagen und Chemikalien natürlich besonderes Gefährdungspotenzial. Dabei liegt die erhöhte Aufmerksamkeit bei der Implementierung der Industrieanlagen, da diese für den Forschungszweck modifiziert werden. Der Regelbetrieb ist dagegen weniger gefährlich. Aber auch die künstlerischen Bereiche arbeiten zum Teil mit gefährlichen Stoffen.

Wir arbeiten mit einem Chemikalienkataster, das auf freiwilliger Basis beruht. Bestellt jemand aus den Kunstwissenschaften beispielsweise größere Mengen einer bestimmten Chemikalie, dann können wir nicht davon ausgehen, dass diese Person auch weiß, dass dieses im flüssigen Zustand krebserregend ist. Wir sehen es dann als unsere Aufgabe, hierüber aufzuklären.

Gelebtes Sicherheitsbewusstsein ist ein Zeichen von Qualität. Wenn unsere Absolvent*innen in der freien Wirtschaft in Führungspositionen arbeiten und lückenhafte Vorstellungen vom Arbeitsschutz haben, fällt es im Zweifel negativ auf die Hochschule zurück.

inform: Welchen Expertentipp geben Sie Arbeitsschutzkoordinatoren, die gerade am Anfang ihrer Tätigkeit stehen?

Georg Mösbauer: Für die eigene Arbeit ist es immer am einfachsten, diejenigen mitzunehmen, die dazu bereit sind. Diejenigen, die eher Widerstand leisten, müssen am Ende zwar auch überzeugt werden, aber dafür braucht man einen längeren Atem. Die entsprechenden Strukturen müssen gegeben sein, diese etablieren sich aber meistens erst mit der Zeit. Deshalb ist es wichtig, sich immer die Rückendeckung der Leitung einzuholen.

inform: Wenn Sie einen Wunsch für Ihre zukünftige Arbeit äußern könnten, welcher wäre es?

Georg Mösbauer: Jeder Fachbereich bestimmt momentan einen Sicherheitskoordinator, der den Fachbereich im ASA vertritt. Ich würde mir wünschen, dass diese Koordinator*innen ein Zeitbudget bekämen, um eine zentrale Koordinationsfunktion dort wahrnehmen zu können. Das passiert stellenweise bereits, aber eben nicht flächendeckend. Gleiches gilt für das Chemikalienkataster. Hier würde ich mir eine größere Verbindlichkeit wünschen, damit wir stets nachvollziehen können, welche gefährlichen Stoffe in größerer Menge an der Universität eingesetzt werden.

 

inform Ausgabe 2/2018

 

 

Mein Patentrezept:

1. Ist-Erhebung

2. Unterstützung der Hochschulleitung sichern

3. Professionelle Materialien bereitstellen (digital und hochwertig gedruckt)

4. Nur beraten und auf Mängel hinweisen funktioniert nicht, man muss ein Angebot unterbreiten

Der direkte und kollegiale Austausch vor Ort ist Georg Mösbauer sehr wichtig. Hier im Gespräch mit Wolfgang Bierwind vom Institut für Werkstofftechnik.

Fachwissen und Kreativität zeichnen einen guten Arbeitsschutzkoordinator aus. Fotos: Cordula Kraft

Autor/Interviewer: Cordula Kraft, E-Mail: c.kraft@ukh.de