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Datum: Kategorie(n): Wegeunfälle · Leistungen UKH · Versicherungsschutz · Versicherungsschutz · Gesundheit · Drucken

Pflege in der Praxis

In der letzten Ausgabe haben wir Sie u. a. über die rechtlichen Rahmenbedingungen von Pflegeleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung informiert. Aber wie sieht Pflege eigentlich in der Praxis aus? Welche Hürden sind im Alltag zu überwinden und wie kann die UKH dabei helfen? Wir lassen an dieser Stelle Betroffene zu Wort kommen.

Selbstbestimmung als hohes Gut

Zur Erinnerung: Ziel aller Pflegeleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung ist es, mit allen geeigneten Mitteln den Betroffenen ein möglichst eigenständiges Leben sowie ein Höchstmaß an Selbstbestimmung zu ermöglichen. Grundlage und Richtschnur unseres Handelns ist der Partizipations- und Inklusionsgedanke der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK). Wann immer möglich, sollen Versicherte selber entscheiden können, wie und auf welche Weise sie die benötigte Pflege in Anspruch nehmen. Gelingt es, diese anspruchsvollen Ziele in der Praxis umzu-setzen? Wie sieht Gestaltung von Pflege in der Praxis aus?

Dass Selbstbestimmung für die UKH keine leere Worthülse ist, zeigt der Alltag von Gunter Biel (55). Angela Biel-Kropp und Silvia Leinberger pflegen seit März 2012 ihren Bruder Gunter Biel in Vollzeit rund um die Uhr. Unterstützt werden sie von einem weiteren Bruder und zwei Hilfen auf 450-Euro-Basis. Familiärer Zusammenhalt und Verlässlichkeit sind für sie besonders wichtig.

Umzug nach Ingelheim

Zu Beginn des Jahres 2012 erreichten die Geschwister, die sich jahrelang darum bemüht hatten, endlich die Zustimmung der Mutter, ihren Bruder Gunter nach Hause in den Kreis der Familie holen zu dürfen. Seit März 2012 wohnt Gunter Biel in seiner eigenen Wohnung in Ingelheim, rund um die Uhr abwechselnd oder zeitweise auch gemeinsam betreut von seinen drei Geschwistern. Alle drei haben ihren Beruf aufgegeben, um in Vollzeit für ihren Bruder da sein zu können. Die Pflege und Betreuung wird aus dem Persönlichen Budget finanziert, das die UKH ihrem Versicherten Gunter Biel zur Verfügung stellt. Die Geschwister firmieren hier als Hauspflegekräfte (s. Infobox).

Angela Biel-Kropp erzählt: „Gunters Unfall war eine Katastrophe für die ganze Familie. Wir haben Jahre gebraucht, um uns einigermaßen zu fangen. Aber für uns stand immer fest, dass wir als Familie zusammenhalten und immer für unseren Bruder da sind – komme, was wolle.“

Angela Biel-Kropp weiter: „Gunter macht es uns auch leicht, er ist so lieb und dankbar für die Zuwendung. Er macht sehr deutlich, was ihm Spaß macht und was ihm missfällt, und wir richten uns natürlich danach. Er mag Weinfeste und Spazierfahrten in den Weinbergen und am Rhein, er liebt Weihnachtsmärkte und alle Art von Trubel. Auch Besuch bekommt ihm immer gut, er hört aufmerksam zu und erinnert sich übrigens auch an alle Details vor seinem Unfall.

Wir drei hätten ihn schon viel länger gern bei uns gehabt, aber unsere Mutter hat den Umzug nicht zugelassen. Dabei merken wir deutlich, wie wohl Gunter sich hier fühlt, mit der vertrauten deutschen Sprache. Er ist richtig wach und aufnahmefähig geworden, seit er bei uns lebt. Er schaut Fernsehen und hört Radio und kann auf Nachfrage sogar einiges wiedergeben von dem, was er aufgenommen hat. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf seine Bedürfnisse und sind sehr glücklich dabei.“

Silvia Leinberger: „Manchmal machen wir schlechte Erfahrungen mit Menschen da draußen, die sich abwenden oder unpassende Bemerkungen machen. Toleranz und Respekt lassen bei manchen Menschen zu wünschen übrig. Sie wissen es nicht besser. Wir persönlich brauchen viel Einfühlungsvermögen für Gunter und auch für uns gegenseitig. Wir müssen aufmerksam sein für unsere Bedürfnisse, damit Geben und Nehmen ausgeglichen sind. Darum haben wir auch zwei sehr nette und kompetente Hilfen eingestellt, die zeitweise für unsere Entlastung sorgen. Jeder von uns braucht auch seine Freiräume und muss sein eigenes Leben führen.“

Stärkung der Pflege zu Hause

Mit dem zuletzt Gesagten hat Frau Leinberger ein gutes Stichwort gegeben. Nicht nur die Selbstbestimmung der zu pflegenden Personen ist wichtig. Die Pflegekräfte dürfen dabei nicht vergessen werden. Diese leisten den Hauptbeitrag. Damit Pflege zu Hause funktioniert, müssen wir sie unterstützen.

Um die körperlichen und psychischen Belastungen der pflegenden Angehörigen zu verringern, sind ausreichende Erholungszeiten wichtig. Im Fall der Familie Biel wird dies u. a. durch die Verteilung der Pflege auf viele Schultern realisiert. Wo das nicht geht, kann die Vereinbarkeit der Pflege mit Familie und Beruf eine wichtige Rolle spielen. Die Rechtsposition berufstätiger pflegender Angehöriger wurde deshalb zuletzt gestärkt. Unter anderem kann ein Anspruch auf vollständige oder teilweise Freistellung im Beruf zur Pflege bestehen oder ein Anspruch auf finanzielle Absicherung zur kurzzeitigen Freistellung von bis zu zehn Tagen.

Wichtig ist auch, die körperlichen Belastungen der Pflege zu minimieren. Hierzu geben wir Tipps zur Optimierung der Bewegungsabläufe und stellen die notwendigen Hilfsmittel (z. B. Toilettenstuhl, Lifter, Rutschbrett) zur Verfügung. Zusätzlich bieten Pflegekassen Pflegekurse zur Vorbereitung auf den Pflegealltag an.

Was wirklich wichtig ist

Zum Schluss möchten wir noch einmal Frau Leinberger zu Wort kommen lassen: „Gunter zeigt uns eigentlich allen, was wirklich wichtig ist im Leben: Er vertraut uns. Wir vertrauen uns. Wir respektieren uns gegenseitig, so wie wir sind. Wir tolerieren unsere Bedürfnisse. Und wir sind solidarisch.“

Den aktuellen Pflegebrief der UKH finden Sie unter www.ukh.de unter News auf der Startseite.

 

inform Ausgabe 4/2016

Schwerer Verkehrsunfall auf dem Schulweg

Gunter Biel war 18 Jahre alt und seit zwei Tagen stolzer Besitzer eines eigenen Autos, als er auf dem Weg zur Schule verunglückte: Ein herausragender Kanaldeckel brachte das Auto auf die Gegenfahrbahn. Der Schüler prallte mit einem LKW zusammen, der PKW überschlug sich mehrfach. Durch das Schädel-Hirn-Trauma mit anschließendem dreimonatigen Koma ist Gunter Biel seit dem Unfall im Jahr 1980 – also seit 36 Jahren – auf intensive Betreuung und Pflege rund um die Uhr angewiesen.

Angela Biel-Kropp war zum Zeitpunkt des Unfalls 22 Jahre alt, studierte romanische Sprachen und lebte nicht mehr im Elternhaus. Sie stand kurz vor ihrem Examen. Der Unfall ihres Bruders warf die Studentin völlig aus der Bahn. Sie war nicht in der Lage, die Prüfung abzulegen; die Mutter war nur noch mit dem Bruder beschäftigt und konnte ihr nicht helfen. Um finanziell über die Runden zu kommen, absolvierte Angela Biel schließlich „aus der Not heraus“ eine Ausbildung zur Industriekauffrau und arbeitete in diesem Beruf.

Für Silvia Leinberger, mit damals 15 Jahren mitten in der Pubertät und durch den plötzlichen Tod ihres Vaters noch mitgenommen, war der Unfall ihres Bruders eine Katastrophe. Die Mutter war für sie nicht mehr ansprechbar, die älteren Geschwister waren aus dem Haus. Silvia brach das Gymnasium ab und fing sich erst wieder, als sie einen festen Freund hatte. Sie machte ihr Abitur nach, dann ebenfalls die Ausbildung zur Industriekauffrau, bildete sich später weiter zur Krankenpflegehelferin.

Pflege in Spanien

Für seine Mutter stand außer Frage, dass Gunter von ihr zu Hause gepflegt würde. Eine Heimunterbringung kam für die Familie Biel nie in Frage. Er wurde daher lange Zeit von seiner Mutter betreut und gepflegt, zuletzt 15 Jahre in Spanien, unterstützt von zwei einheimischen Pflegekräften. Finanziert wurde dies von der UKH durch die Kombination von Pflegegeld und der Lohnkostenübernahme für die zwei Hauspflegekräfte.

Die Situation wurde schwierig, als die Mutter mit 86 Jahren trotz spanischer Pflege-Unterstützung nicht mehr in der Lage war, diese schwere Aufgabe zu erfüllen. Eine neue Lösung musste gefunden werden.

Hauspflege

Auf Antrag der Versicherten kann die UKH eine oder mehrere Hauspflegekräfte finanzieren. Mit der Pflege zu Hause können ausgebildete Pflegekräfte einer gewerblichen oder einer gemeinnützigen ehrenamtlichen Institution oder andere geeignete Pflegepersonen (Arbeitgebermodell) beauftragt werden. Im Einzelfall können dies auch Familienangehörige sein. Im Interesse einer selbstbestimmten Gestaltung der Pflege und Betreuung sollte die versicherte Person die Vertragsgestaltung in eigener Regie übernehmen. Inhaltliche Prüfungen kann die UKH vornehmen.

Gunter Biel wird in seiner Wohnung rund um die Uhr betreut von seinen Schwestern (hier Angela, links im Bild) und einer Helferin.

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Autor/Interviewer: Thiemo Gartz (069 29972-302), E-Mail: thiemo.gartz@ukh.de