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Datum: Kategorie(n): Wegeunfälle · Präventionskampagnen · Kommunale Betriebe · Versicherungsschutz · Drucken

Unterwegs mit Jens Kramer beim Risikoparcour

Erst seit 2014 bei der Unfallkasse Hessen, ist unser Kollege Jens Kramer also noch recht "frisch" in unserer Präventionsabteilung. Als Bauingenieur kennt er sich mit mechanischen Gefährdungen besonders gut aus. Für dieses Interview haben wir ihn im Rahmen des Risikoparcours zur Autobahnmeisterei in Frankfurt begleitet.

Die Schulung „Risikoparcours“ beginnt morgens um 8.30 Uhr. Die unterschiedlichen Module durchlaufen heute Straßenwärter aus den Gehöften Umstadt, Hochheim und Offenbach. Jens Kramer bietet zu Beginn der Veranstaltung den Teilnehmern das Du an und erläutert: „Ich verstehe mich heute nicht als Aufsichtspersonen oder Trainer, sondern lediglich als Moderator dieses Parcours. Da ich weiß, dass sich hier alle Teilnehmer untereinander duzen, schaffe ich damit eine gleichberechtigte Atmosphäre und baue damit mögliche Hemmschwellen ab, denn Hierarchien sind bei diesem Thema kontraproduktiv für den Lernerfolg.“

inform: Herr Kramer, wie sind Sie als Bauingenieur ausgerechnet zur UKH gekommen?

Jens Kramer: Die erste Zeit meines Berufslebens habe ich in Unternehmen der freien Wirtschaft gearbeitet und dort unter anderem Industriegebäude verwirklicht, bevor ich 1999 zum Bundes- verband der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften gewechselt bin.

Zu meinen Aufgabengebieten zählten die Betreuung der Aufsichtspersonen in der Ausbildung, die Koordination verschiedener Schriften im LSV-Regelwerk und früher auch Tätigkeiten für die Prüfstelle des Bundesverbandes, zum Beispiel für Friedhofsbedarf. Hauptsächlich habe ich aber in der Qualifizierung gearbeitet.

inform: Weshalb haben Sie sich für einen Wechsel zur Unfallkasse Hessen entschlossen?

Jens Kramer: Ich wollte gerne wieder mehr in den Betrieben und mit den Menschen vor Ort arbeiten. Ich bin zurzeit für Landesbetriebe im Regierungsbezirk Kassel wie Hessen Mobil und den Landesbetrieb Landwirtschaft und Hessen Forst zuständig, dazu kommen noch Amtsgerichte, Sparkassen, der Landkreis Waldeck-Frankenberg, Museen, Parks, Schlösser und Gärten.

Da ich mich eher zu den klassischen Arbeitsschützern zähle, die gerne mit Menschen arbeiten, welche besonderen Gefährdungen ausgesetzt sind, entspricht mein Aufgabengebiet genau meinen Neigungen. Ich glaube nämlich, dass man bei gefährlichen Berufsbildern als Aufsichtsperson am meisten bewirken kann – vor allem, wenn man das Verständnis dafür vermittelt, was gesundheitsgefährdende Tätigkeiten eigentlich sind.

inform: Amtsgericht, Friedhof und Schlossgarten: Das klingt nach einem sehr breiten Spektrum. Sind so unterschiedliche Arbeitsbereiche schwierig zu betreuen?

Jens Kramer: Genau das macht für mich den Reiz aus, denn kein Tag ist wie der andere. Heute halte ich eine Schulung für Straßenwärter bei Hessen Mobil und morgen schaue ich mir den Gesundheitsschutz auf einem Gestüt an; ich checke den Tresorraum einer Sparkasse oder fahre auf ein Versuchsgut für ökologischen Landbau der Uni Kassel – dort werden zum Beispiel horntragende Rinder gehalten. Die Bandbreite ist also sehr groß und man setzt sich ständig mit neuen Situationen und Arbeitsrealitäten auseinander.

Manchmal muss ich mich in sehr spezielle Themen auch erst einlesen, aber genau das macht diesen Beruf so abwechslungsreich und spannend.

inform: Haben Sie sich schon gut in Ihr neues Aufgabengebiet einleben können?

Jens Kramer: Die Mitgliedsbetriebe geben mir ein positives Feedback. In der Zusammenarbeit ist bereits jetzt ein enges Vertrauensverhältnis entstanden, bei dem sich die Verantwortlichen auch nicht scheuen, sehr offen Probleme anzusprechen, weil sie wissen, dass sie von mir Hilfe für eine praktikable Lösung statt Sanktionen zu erwarten haben.

Die Straßenwärter haben heute im Parcours unterschiedliche Module durchlaufen. Auffällig war, dass die Arbeitsweise innerhalb eines Gehöfts anscheinend homogen, im Vergleich zu anderen Gehöften aber sehr individuell ist. Der einen Straßenmeisterei ist eine zügige Arbeitsweise lieber, der anderen eine besonders achtsame.

Überall dort, wo in Gruppen zusammengearbeitet wird, entwickelt sich eine eigene Dynamik. Da man diese individuelle Dynamik tatsächlich je Gehöft identifizieren kann, ist auch kein Risikoparcours so wie der zuvor. Manche Gruppen sind risiko-affin, andere eher risikoavers, je nachdem, wie stark die soziale Kontrolle wirkt.

Das Seminar

Jens Kramer aktiviert die Teilnehmer zur Diskussion und stellt jeden Redebeitrag immer wieder zur Disposition in die Gruppe, um den Erfahrungsaustausch zu fördern. Die Teilnehmer loben und kritisieren sich gegenseitig und profitieren so von den Erfahrungen der jeweils anderen.

inform: Wie zufrieden sind Sie, wenn Sie als Antwort auf die Frage „Woran macht ihr fest, wann der geeignete Zeitpunkt ist, den Wagen auf der Autobahn zu verlassen, um mit der Arbeit zu beginnen“ keine qualifizierte Lehrbuchantwort, sondern lediglich ein „Das habe ich im Gefühl“ erhalten?

Jens Kramer: Jeder ausgebildete Straßenwärter ist Profi auf seinem Gebiet. Was die Teilnehmer als „habe ich im Gefühl“ bezeichnen, ist nichts anderes als unterbewusstes Berechnen von Geschwindigkeiten der vorbeifahrenden Autos und darauf zu warten, dass sich eine geeignete Lücke auftut. Sie haben das so verinnerlicht, dass es sich für sie nach Bauchgefühl anfühlt.

Abschluss der Veranstaltung

„Wie hat es euch gefallen? Waren die Stationen auf eure Arbeitswirklichkeit übertragbar oder können wir etwas noch besser machen?“

Allgemeines Nicken und einhellige Zustimmung signalisieren, dass die Inhalte des Parcours hilfreich und lebensnah konzipiert sind. Nur was Schulungsvideos angeht, da könne die Unfallkasse Hessen ruhig mutiger sein und neue, eindrücklichere Wege gehen. „Oder eine Sendung wie der 7. Sinn damals wäre schön, damit das Berufsbild der Straßenwärter der allgemeinen Bevölkerung zugänglich gemacht wird und das Verständnis für unsere Arbeit steigt. Dann könnte man sich bei der Arbeit auf der Straße auch sicherer fühlen – und wird während der Arbeit weniger mit Flaschen beworfen oder beschimpft.“ Eigentlich ein unvorstellbares Verhalten …

Es ist das schönste Kompliment für Jens Kramer, wenn die Teilnehmer*innen am Ende der Veranstaltung bestätigen, dass die Inhalte der Risikoparcours ihren Arbeitsrealitäten entsprechen, sie aus der Veranstaltung etwas für ihren Arbeitsalltag mitnehmen und auch sensibler für Gefahren sind.

 

inform Ausgabe 2/2016

Auch der Ausstieg aus dem LKW wird geprobt.

Jens Kramer, Aufsichtsperson

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Autor/Interviewer: Cordula Kraft (069 29972-606), E-Mail: c.kraft@ukh.de