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Datum: Kategorie(n): Ehrenamt · Drucken

100 Jahre Ehrenamt – der Vertrauensmann im Wandel der Zeit

Als das Ehrenamt der Schwerbehindertenvertretung (SBV) unter der Bezeichnung „Vertrauensmann für die Schwerbeschädigten“ gesetzlich eingeführt wurde, geschah dies unter dem Einfluss der Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, galt es doch, Millionen von Kriegsversehrten in Lohn und Brot zu bringen. Daher beschloss der damalige Reichstag im April 1920 das „Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter“, welches jedoch nur für Betriebe mit mindestens 100 Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen galt.

Wie alles begann

Im vergangenen Jahrhundert hat sich nicht nur die Bezeichnung geändert. Bereits drei Jahre nach Einführung des Schwerbeschädigtengesetzes konnten alle Betriebe, in denen „wenigstens fünf schwerbeschädigte Arbeitnehmer*innen, die nicht nur vorübergehend beschäftigt sind […]“, einen Vertrauensmann bestimmen. Das Recht zur Wahl des Vertrauensmanns kam erst 30 Jahre später und galt zunächst nur für Kriegsbeschädigte, Opfer von Arbeitsunfällen sowie Blinde. Ab 1953 wurde der Vertrauensmann für zwei Jahre gewählt und war „in allen Angelegenheiten, die die Durchführung dieses Gesetzes betreffen, vom Arbeitgeber und Betriebsrat vor einer Entscheidung zu hören“. Er war vor allem beratend tätig. Mit Neufassung des Schwerbeschädigtengesetzes erhielt der Vertrauensmann den gleichen Kündigungsschutz wie ein Mitglied des Betriebsrats. Gleichzeitig wurde seine Amtszeit auf vier Jahre erhöht und die Wahl einer Stellvertretung eingeführt.

Schwerpunkt Rehabilitation

1974 wurde aus dem Schwerbeschädigtengesetz das „Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft“ (kurz Schwerbehindertengesetz). Dieses neue Gesetz öffnete sich allen Behinderten – unabhängig von Art und Ursache ihrer Behinderung – und rückte die Rehabilitation in den Vordergrund. Betroffene sollten nicht mehr nur beschäftigt, sondern in Arbeit, Beruf und Gesellschaft eingegliedert werden, was vor allem Aufgabe der Vertrauensperson war. Sowohl das Anhörungsrecht als auch das Teilnahmerecht an allen Sitzungen der Beschäftigtenvertretung und ihrer Ausschüsse wurde seinerzeit eingeführt. Darüber hinaus wurde der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Beschäftigte ausgeweitet, und vor jeder Kündigung musste eine Zustimmung der Hauptfürsorgestelle (heute Integrationsamt) eingeholt werden. Es dauerte weitere zwölf Jahre bis zur Einführung der Begriffe „Vertrauensfrau“ bzw. „Vertrauensperson“ und der Schwerbehindertenvertretung, wie das Amt seit 1986 genannt wird. Das Aufgabengebiet umfasst seitdem auch die verstärkte Einstellung von schwerbehinderten Menschen, die eine betriebliche Ausbildung suchen.

Neuerungen der Jahrtausendwende

Die Beteiligungsrechte der Schwerbehindertenvertretung wurden in den 2000er-Jahren gestärkt: Die SBV war nun bei den Bewerbungsverfahren zu beteiligen. Auch besteht seitdem die Verpflichtung der Arbeitgebenden, mit der SBV eine Integrationsvereinbarung (heute: Inklusionsvereinbarung) abzuschließen. Der betrieblichen Prävention wurde somit ein höherer Stellenwert eingeräumt. Dies zeigt sich darin, dass der Arbeitgeber seit 2004 verpflichtet ist, länger erkrankten Beschäftigten ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) anzubieten.

Umfassende Teilhabe wird angestrebt

Im Jahr 2009 rückte mit der Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) der Gedanke einer umfassenden Teilhabe in den Mittelpunkt: Künftig sollten alle Menschen, mit und ohne Behinderung, am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Ziel ist eine barrierearme Gesellschaft, die bei jeder Planung die Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigt. Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes verlief schrittweise, erste Änderungen traten 2017 in Kraft, die vollständige Umsetzung soll bis 2023 abgeschlossen sein.

In 100 Jahren hat sich das Arbeitsgebiet der SBV wesentlich verändert. Neben der Prävention haben die Inklusion sowie der demografische Wandel einen hohen Stellenwert. In den Betrieben altert die Belegschaft. Dadurch steigt die Zahl der zu betreuenden Personen. Inklusion ist heute ein gesamtgesellschaftliches Ziel, aus der die SBV nicht mehr wegzudenken ist. 

inform Ausgabe 4/2020

Seit April 1920 gibt es das „Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter“, das damals jedoch nur für Betriebe mit mindestens 100 Arbeitnehmer*innen galt.

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Autor/Interviewer: Die SBV der UKH, E-Mail: sbv@ukh.de