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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Feuerwehr · Ehrenamt · Drucken

Belastungen und Lösungsansätze bei der Feuerwehr

Leitungskräfte der Feuerwehr klagen häufig über zu viele und tätigkeitsfremde Aufgaben, mit denen sie in der Ausübung ihres Amtes konfrontiert werden. Die Untersuchung „FireBalance“ ging zum zweiten Mal der Frage nach, wie hoch die Belastung der Leitungskräfte ist und wodurch diese ausgelöst wird. Vor allem aber gibt sie konkrete Hinweise zu handeln und dadurch die Situation zu verbessern. Träger des Projekts, das die Unfallkasse Hessen finanziell und ideell unterstützt, sind drei Landkreise. Das Thema „Führung“ ist ein wichtiger Baustein der DGUV Kampagne kommmitmensch.

Ehrenamt im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf

Wie geht es eigentlich den Leiterinnen und Leitern von Feuerwehren? Diese Frage klingt banal, hat aber einen kritischen Hintergrund. Denn während die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren, auf einem historischen Hoch angekommen ist, ist die Bereitschaft, langfristig Führungspositionen in der Feuerwehr wahrzunehmen, eher rückläufig. Die Älteren mögen sich erinnern: Es ist noch nicht lange her, dass Wehrführerinnen, Wehrführer und Leitende von Feuerwehren ihr Amt mehrere Wahlperioden, zum Teil jahrzehntelang, ausübten. Es ist noch nicht lange her, dass bei der Neubesetzung von Führungsämtern manchmal hochemotionale Kampfabstimmungen stattfanden.

Die Realität heute ist anders. Vielerorts ist man froh, wenn sich irgendwann jemand findet, der „den Job“ macht. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von einer gesellschaftlichen Grundhaltung über den inneren kulturellen Zustand von Feuerwehren bis hin zum Führungsverständnis der handelnden Personen. Ein Faktor ist die Situation der ehrenamtlichen Leiterinnen und -leiter im Spannungsfeld zwischen Familie, Beruf und Feuerwehr. Wie dieses Spannungsfeld aussieht, hat die Gießener Feuerwehr-Agentur nunmehr zum zweiten Mal mit der Untersuchung FireBalance in drei hessischen Landkreisen erfasst. Und sie hat Lösungen gefunden, um aus dem Spannungsfeld herauszutreten. Denn die Belastung der Leiterinnen und Leiter von Feuerwehren ist hoch – das hat nicht nur Auswirkungen für die Feuerwehren.

Untersuchung der Belastungssituationen

In den Jahren 2014 und zweimal im Jahr 2017 wurden ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter von Feuerwehren in den Landkreisen Gießen, Werra-Meißner und Main-Kinzig hinsichtlich ihrer Situation befragt. Träger dieser Befragung waren 2014 die Kreisverwaltungen und die Kreisfeuerwehrverbände der untersuchten Landkreise, für die Neuauflage der Untersuchung ist 2017 die Unfallkasse Hessen als Hauptträgerin dieser Gruppe hinzugetreten.

Im Rahmen von FireBalance II wurden zwei Befragungen durchgeführt. Die erste Befragung fand Ende 2016 statt. Danach schloss sich eine Coachingphase an, in der einzelne Leiterinnen und Leiter von Feuerwehren begleitet wurden. Anschließend fand die zweite Befragung im Frühjahr 2017 statt. Dadurch konnten direkte Vergleichswerte über die Effektivität der gelernten Methoden im Coaching gewonnen werden. Die anonyme Umfrage erhob zunächst allgemeine Stressfaktoren. Anschließend wurde nach belastenden Faktoren im Rahmen der Tätigkeit für die Feuerwehr gefragt.

Es ist deutlich zu sehen, dass die Belastungssituation in der Feuerwehr an klar zu identifizierenden Faktoren hängt. Die Ausprägung der Belastungen variiert von Landkreis zu Landkreis. Jedoch betreffen einige Faktoren alle Führungskräfte. Häufig wurden Belastungen durch schwierige Vereinbarkeit von Privatleben, Beruf und Feuerwehr genannt. Weiter wurden Belastungen durch zu viel Arbeit und die Übernahme von aufgabenfremden Tätigkeiten als Störfaktoren identifiziert. Hinzu kamen allgemeine Störungen in der Feuerwehrarbeit, die beispielsweise durch Konflikte entstehen können.

Ein „guter Draht“ zu Vorgesetzten

Die Befragten gaben an, ihren Bürgermeister bzw. ihre Bürgermeisterin als direkte Vorgesetzte von „wöchentlich“ bis „seltener als jährlich“ zu sehen. Völlig klar ist bei dieser Feststellung, dass die enge Verknüpfung mit der Leitung der Kommune Ausdruck einer ohnehin belastbaren Beziehung sein kann, oder eben die enge Verknüpfung selbst stabilisierender Faktor wäre. Wie dem auch sei, es kann festgestellt werden, dass das Fehlen eines regelmäßigen Kontakts mit dem Bürgermeister als Vorgesetztem hoch korreliert mit einer hohen Belastung der betroffenen Leiterinnen und Leiter von Feuerwehren.

Soft Skills

Die Methodenkompetenz – die sogenannten Soft Skills – der befragten Leiterinnen und Leiter scheinen ebenfalls eine erhebliche Auswirkung auf deren Befindlichkeit zu haben. Die Teilnehmenden wurden gebeten, den aktuellen Zustand ihrer Befindlichkeit anzugeben. Die gecoachte Gruppe bot hier ein bemerkenswertes Bild: Die allgemeine Lebenszufriedenheit stieg während der zehnteiligen Fortbildung von 14 auf 50 %. Gleichzeitig reduzierte sich die gefühlte Erschöpfung um bis zu 30 %.

Stress

Die Teilnehmenden wurden gebeten zu beurteilen, ob der Stress in ihrem Leben quantitativ zugenommen hat. Die Antworten auf die Frage bieten ein sehr klares Bild. Für 90 % der Befragten ist das Leben in den vergangenen drei Jahren stressiger geworden. Gleichzeitig gaben 41 % an, abends und am Wochenende nicht abschalten zu können.

Auswirkungen auf das Familienleben

Der Feuerwehrdienst hat Auswirkungen auf das Familienleben. Das berichten die Leiterinnen und Leiter von Feuerwehren landkreisübergreifend. Die Belastungen stiegen für Führungskräfte aus den Landkreisen Gießen und Main-Kinzig. Allein im Werra-Meißner-Kreis zeichnete sich eine Verbesserung ab. Dennoch gaben auch hier 40 % an, dass ihr Familienleben unter der Feuerwehr leide.

Die Gruppe von Befragten aus dem Landkreis Gießen, die gecoacht wurde, zeigte auch bei dieser Frage erhebliche Verbesserungen. Die Einschränkungen für die Familien nahmen um rund 30 % ab.

Im Rahmen des Anspruchs auf Fürsorge besteht der Bedarf, Führungskräften lösungsorientierte Mechanismen und Methoden zu vermitteln, damit diese adäquat mit den Belastungen umgehen können. Daraus und aus den gefundenen Ergebnissen ergeben sich konkrete Handlungsmöglichkeiten. Zukünftig kann durch bedarfsgerechte Führungsausbildung sichergestellt werden, dass die Führungskräfte ihrer Arbeit in der Feuerwehr fokussierter nachkommen können. Eine Option ist die zweckmäßige Vermittlung von Methodenkompetenzen. Diese Vermittlung von Kompetenzen soll sich an den Problemstellungen orientieren, die von den Führungskräften dargestellt wurden.

Die konkreten inhaltlichen Empfehlungen umfassen Maßnahmen zur Steigerung der Kommunikationsfähigkeit ebenso wie das Training, Kritik zu empfangen und zu äußern, sowie die Fähigkeit, Konflikte in der Feuerwehr frühzeitig erkennen und lösen zu können. Inhalte des Coachings sind zudem der Umgang mit dienstlichen Belastungen, mit der verfügbaren Zeit und Störern in der Feuerwehr.

Auch im Inneren Dienst bestünde mit einer Steigerung dieser Methodenkompetenzen der Führungskraft somit gleich in mehrfacher Hinsicht die Möglichkeit, einen ehernen Grundsatz der Feuerwehr zu berücksichtigen: „Auch im Innendienst vor die Lage kommen.“

Die Konsequenz der Ergebnisse liegt für den Projektleiter der FireBalance, Martin Lutz, auf der Hand: „Angesichts des tatsächlichen Bedarfs muss das Ziel sein, die Methodenkompetenz und Soft Skills der Leitungskräfte, der Führungskräfte und schlussendlich aller Feuerwehrangehörigen erheblich zu erhöhen, um den Umgang im Innendienst einer Feuerwehr reibungsärmer zu gestalten. Die frühzeitige und aufrichtige Identifizierung von Störungen, die Bearbeitung dieser Themen mit den methodischen Kompetenzen und die Heranziehung externer Unterstützung, wenn die eigenen Bordmittel nicht ausreichen, muss der Standard werden, um den Status quo in vielen Feuerwehren schnell und wirksam zu verbessern.“

 

inform 3/2018

Schulungsangebote

Führungskräften, die sich in dem Bereich der Mitarbeiterführung weiterbilden möchten, bietet u. a. die Hessische Landesfeuerwehrschule Schulungsangebote an:

  • Seminar Führungslehre, Baustein A (Persönlichkeit und Führungsverhalten)
  • Seminar Führungslehre, Baustein B (Stress und Führungsverhalten)
  • Seminare auf Landkreisebene, Führungslehre, Baustein A (ab 2019)
  • Seminare auf Landkreisebene zur Führungsnachwuchskompetenz (ab 2019)

Weitere Informationen dazu finden Sie unter https://hlfs.hessen.de/veranstaltungen

Auch die UKH wird die Ergebnisse der Untersuchung „FireBalance“ in ein Seminar für Führungskräfte der Freiwilligen Feuerwehren, das für 2019 geplant ist, integrieren.

Es wird immer schwerer, ehrenamtliche Leitungskräfte für Feuerwehren zu finden. Die Belastung ist teilweise zu hoch – Zeit, dagegen anzusteuern! Bild: ©Adobe Stock

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Autor/Interviewer: Martin Lutz, Projektleiter FeuerwehrAgentur Gießen, E-Mail: mlutz@feuerwehragentur.de