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Datum: Kategorie(n): Leistungen UKH · Versicherungsschutz · Schule · Versicherungsschutz · Drucken

Das Schulpsychologische Kriseninterventionsteam (SKIT) in Hessen

Schon im Sommer 2006 wurde in Hessen das „Schulpsychologische Kriseninterventionsteam (SKIT)“ gebildet, ein Team notfallpsychologisch qualifizierter Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Die Arbeit von SKIT wurde im Laufe der Jahre – auch mit Unterstützung der UKH – immer weiter professionalisiert. Im Interview erklärt Psychologiedirektorin Marion Müller-Staske, Leiterin von SKIT und verantwortlich für die „Landesweite Koordination in der Krisenintervention und im Bedrohungsmanagement“, wie notfallpsychologische Soforthilfe im Krisenfall organisiert ist und wie Schulen sich selbst sinnvoll präventiv auf Krisen vorbereiten können.

In Teil 2 unseres Interviews sprechen wir mit Frau Müller-Staske über die Aufgaben der schulischen Krisenteams und beleuchten Aspekte des Bedrohungsmanagements und der Gewaltprävention.

Krisen- und Notfallmanagement ist in erster Linie auch Aufgabe jeder einzelnen Schule. Wir möchten Schulen ermutigen, sich auf mögliche Krisen gut vorzubereiten. Wie sieht nach Ihrer Ansicht gute Krisenprävention in Schulen aus?

Ich denke, wir müssen bei der Krisenprävention in Schulen zwei Ebenen unterscheiden. Zum einen sollten allgemeine präventive Aspekte in den Blick genommen werden. In diesem Bereich haben wir in Hessen in dem Leitfaden „Handeln in Krisensituationen“ viele Aspekte und Empfehlungen zur Vorbereitung auf Krisensituationen in den Schulen aufgenommen. Anhand von Schaubildern und konkreten Beispielen für Ereignisse innerhalb und außerhalb des Schulbetriebs wird aufgezeigt, an was alles gedacht werden muss und welche Informationsketten einzuhalten sind. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass jede Schule ihre eigenen Bedingungen hat und eigene Voraussetzungen mitbringt. Insofern geht es zum anderen um direkt auf die einzelne Schule bezogene Konzepte. Jede Schule muss überlegen, welcher präventive Ansatz zur jeweiligen Schule passt und wie dieser dort installiert werden kann.

In diesem Bereich bieten die Mitglieder von SKIT den Schulen Beratungen und Schulungen an. Unter anderem können Lehrkräfte und Schulleitungen in der Vorbereitung auf schulische Krisen überlegen, welche Fälle es womöglich in der eigenen Schule schon gab oder ob es an anderen Schulen Vorfälle gab. Ist zum Beispiel ein Kind tödlich verunglückt oder hat es auf einer Klassenfahrt einen Unfall gegeben? Anschließend sollte überlegt werden, wie es wäre, wenn ein solches Ereignis bei uns passieren würde. Bei dem gedanklichen Durchspielen eines solchen Szenarios ist dann zu überlegen, welche Aufgaben auf die Schule zukommen. Man sollte auch darüber nachdenken, wie gesicherte Informationen übermittelt werden oder mit wem man in Kontakt treten muss. Auch sollte man sich fragen, wie die Arbeit mit den Eltern auf den Weg gebracht werden kann und welche Unterstützung Kinder und Jugendliche benötigen. Wenn man sich Fälle, die wirklich passiert sind, anschaut und reflektiert und daraus ableitet, was auf einen zukommt und was zu tun ist, ist das schon eine ganz hervorragende Vorbereitung.

Was sind nach Ihrer Einschätzung die wichtigsten Bestandteile eines schulischen Krisen- und Notfallmanagements?

Meiner Erfahrung nach sind das zwei ganz zentrale Elemente. Zum einen geht es darum, die Kommunikation sicherzustellen und die Kommunikationswege festzulegen. Wenn eine Krise entsteht, wird dies zu Unruhe und Verunsicherung führen. Es muss immer klar sein, wie ich mit meinen Mitgliedern im schulischen Krisenteam in Kontakt bleiben kann oder wie ich möglichst schnell das Kollegium informieren kann. Wenn ich nicht in diesem Kontakt bin, wird es schwierig, die erforderliche Hilfe zu organisieren. Dabei sehen wir, dass nicht jede Schule in der Planung mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert ist. Für große Schulen ist es oft schwerer, die Kommunikationswege zu organisieren und sicherzustellen, dass tatsächlich immer alle den gleichen Informationsstand haben. Kleinere Kollegien dagegen stehen vor der Herausforderung, dass viele Aufgaben von wenigen Personen geschultert werden müssen.

Und hier sind wir beim zweiten Punkt: die Verantwortlichkeiten für die verschiedenen Aufgaben, die im Falle einer Krise auf die Schule zukommen. Es gilt, Verantwortlichkeiten schon im Vorfeld konkret festzulegen. Wer hat welche Aufgabe, wer bekommt welchen Auftrag? Dieser Bereich ist für große Schulen mit einer hohen Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern nicht so das Problem. Es muss u. a. klar sein, wer Ansprechpartner für die Einsatzkräfte oder für SKIT ist, wer Kontakt zum Schulamt oder dem Ministerium hält oder für die Pressearbeit zuständig ist. Wichtig ist natürlich auch, wer welche Angebote für die Schülerinnen und Schüler macht und wer sich z. B. um ankommende Eltern kümmert. Die Bewältigung dieser vielen Aufgaben ist eine Herausforderung, gerade für kleine Schulen. Aber hier gibt es durchaus Lösungsansätze.

Wenn es zum Beispiel zwei kleinere Schulen in der näheren Umgebung gibt oder eine kleine und eine größere Schule, könnte man bereits im Vorfeld klären, ob es möglich wäre, dass sich die zwei schulischen Krisenteams zusammensetzen und sich bei der Bewältigung der vielfältigen Aufgaben gegenseitig unterstützen können.

Wohin können sich Verantwortliche in den hessischen Schulen wenden, bei denen ein schulisches Krisenteam noch nicht etabliert ist?

Zunächst einmal muss in Hessen an jeder Schule ein schulisches Krisenteam eingerichtet sein. Es hat schon sehr viele Schulungen und Fortbildungen seitens der Schulpsychologie für die Krisenteams gegeben. Aber es kommt natürlich immer wieder vor, dass schulische Krisenteams weiteren Unterstützungsbedarf haben, sei es durch personelle Wechsel oder weil sich ein Leitungsteam neu aufstellen möchte.

Wir haben in jedem der 15 staatlichen Schulämter in Hessen eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner für das Thema Krisenintervention und Bedrohungsmanagement. Diese*r Kollege*in hat auch immer eine Stellvertretung. Das sind die Personen, die geschult und qualifiziert sind und die den Schulen bei Anfragen Beratung und konkrete Unterstützung anbieten können.

In der Regel klärt man erst einmal im Vorgespräch, was konkret gebraucht wird. Es kann sein, dass man das schulische Krisenteam berät oder z. B. einen pädagogischen Tag mit dem gesamten Kollegium macht. Da sind die Anfragen sehr unterschiedlich und wir versuchen diese ganz individuell zu beantworten.

Hierzu haben wir auch verschiedene Fortbildungsmodule entwickelt; d. h., die Kolleg*innen können auf unterschiedliche Module zurückgreifen, u. a. zum Bedrohungs- und Krisenmanagement, zum Thema Suizidalität oder zum Umgang mit Tod und Trauer in der Schule. Die Kollegen und Kolleginnen können es nutzen und für die eigenen Bedürfnisse und Fragen der Schulen adaptieren.

Die erste und wichtigste Aufgabe im Recht der gesetzlichen Unfallversicherung ist es, mit allen geeigneten Mitteln Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sind Krankheiten, die sich ein Arbeitnehmer durch seine berufliche Tätigkeit zuzieht und die entweder in der Berufskrankheiten-Verordnung verzeichnet oder die nach neuen medizinischen Erkenntnissen durch den Beruf verursacht sind.
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Berufskrankheiten
sowie arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren zu verhüten. Gibt es in der Arbeit von SKIT auch einen solchen präventiven Ansatz?

Ja, das Bedrohungsmanagement ist im schulischen Kontext ein ganz zentrales präventives Element. Hier ist das Ziel, in den Schulen eine Kultur der Sicherheit und eine Kultur des Hinschauens aufzubauen. Ein Ort, an dem die Menschen aufeinander achten und schauen, wie es den anderen Schüler*innen geht. So wird es möglich, frühzeitig problematische Entwicklungen wahrzunehmen, um dann, ggf. mit Unterstützung durch die Schulpsychologie, ganz individuelle Lösungen zu finden.

Ist es tatsächlich zu einer Krisensituation gekommen, ist unsere psychologische Intervention insofern auch präventiv, weil wir frühzeitig Maßnahmen ergreifen, die das Risiko reduzieren, dass sich langfristig eine Traumafolgestörung entwickelt. Wir werden je nach Intensität eines Ereignisses oder des Ausmaßes von Vorbelastungen leider nicht jede Traumafolgestörung damit auffangen. Dennoch können wir mit vielen Betroffenen Strategien erarbeiten, um mit dem Ereignis besser umgehen zu können. Dabei versuchen wir immer wieder zu vermitteln, dass viele Reaktionen, die Menschen danach an sich erleben, keine ungewöhnlichen Reaktionen sind, sondern bei ganz vielen nach solchen Erlebnissen vorkommen, also „normal“ sind. Wenn sich also z. B. Bilder vom Ereignis plötzlich aufdrängen, Gedanken ganz ungefragt immer wieder da sind oder man nachts schlimm träumt, sind das typische Reaktionen auf ein Trauma. Bei den allermeisten Menschen entwickelt sich das nach einigen Tagen oder Wochen oder Monaten wieder zurück und wird von der Frequenz und Intensität immer weniger. Dieses Vorgehen bezeichnen wir als „Normalisieren“.

Um zu verdeutlichen, dass die Psyche dabei Zeit zum Heilen braucht, kann man die Analogie zu einem Beinbruch ziehen. Nach der chirurgischen Versorgung darf ich erst nicht belasten, dann kann das Bein nach einer Weile teilbelastet werden und am Ende ist der Heilungsprozess abgeschlossen. Ähnlich wie bei einer körperlichen Verletzung braucht die Psyche Zeit für die Heilung, bei manchen dauert es länger, bei anderen geht es schneller. Hier setzen wir an und erklären den Betroffenen, dass sie nicht „verrückt“ werden, sondern Zeit benötigen. Wir vermitteln hier auch, was sie in der nächsten Zeit tun können, damit es ihnen wieder zunehmend besser geht, wie sie also aktiv den eigenen Heilungsprozess unterstützen können. Diese Intervention auf der kognitiven Ebene ist ein wichtiger präventiver Ansatz.

Inwiefern kann SKIT bzw. die Schulpsychologie Schulen schon in der Gewaltprävention und im Bedrohungsmanagement unterstützen?

Das Bedrohungsmanagement gehört in Hessen mit zu dem Themenfeld der Krisenintervention. Gleichzeitig haben wir in jedem Staatlichen Schulamt auch Ansprechpartner*innen für das Themenfeld Gewaltprävention, die über eine besondere Expertise in diesem Gebiet verfügen.

Wenn Schulen ein gewaltpräventives Programm installieren wollen, dann wenden sie sich an die Generalisten für Gewaltprävention. Kommt es zu einer Krise, dann sind die Kolleg*innen für Krisenintervention und Bedrohungsmanagement gefragt. Es gibt auch punktuelle Überschneidungen, aber wir arbeiten sehr gut zusammen und mir ist bisher nicht bekannt, dass es jemals eine schwierige Situation gab. Wenn man zum Beispiel in einer Beratung merkt, dass neben der Etablierung des schulischen Krisenteams auch ein gewaltpräventives Programm installiert werden sollte, welches genau zur jeweiligen Schule und deren Fragestellung passt, dann laden wir einfach die Kolleginnen und Kollegen aus der Gewaltprävention mit ein.

In Teil 1 unseres Interviews sprachen wir mit Marion Müller-Staske über Organisation und Arbeitsweise von SKIT.

 

inform Ausgabe 3/2018

 

 

 

Leitfaden in Hessen: Handeln in Krisensituationen

Schon vor einigen Jahren hat das Hessische Kultusministerium (HKM) in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Ministerium des Innern und für Sport (HMdI) und Experten aus der Schulpsychologie einen Leitfaden für Schulen „Handeln in Krisensituationen“ erarbeitet, der den Verantwortlichen wichtige Handreichungen und Hilfen zur Einschätzung von Gefahrenpotenzial und zum effizienten und zielgerichteten Krisenmanagement gibt. Der Leitfaden enthält wichtige Hinweise und Anregungen, wie sich eine Schule auf die Bewältigung möglicher Gefahren- und Krisensituationen im schulischen Umfeld vorbereiten kann. Von allgemeinen Präventionsbemühungen über Krisenmanagement, Umgang mit Bedrohungen und der psychosozialen Nachsorge wird die gesamte Thematik umfassend dargestellt. Der Leitfaden ist eine interne Handreichung, die ausschließlich für die Verantwortlichen in den hessischen Schulen bestimmt ist.

Hier finden Sie Schulpsychologische Ansprechpartner*innen für Gewaltprävention.

Psychologiedirektorin Marion Müller-Staske, Leiterin von SKIT und verantwortlich für die „Landesweite Koordination in der Krisenintervention und im Bedrohungsmanagement“

Marion Müller-Staske: "Jede Schule muss überlegen, welcher präventive Ansatz zur jeweiligen Schule passt und wie dieser dort installiert werden kann." Bilder: © Dominik Buschardt

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Autor/Interviewer: Alex Pistauer, E-Mail: a.pistauer@ukh.de