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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Kommunale Betriebe · Sie fragen – wir antworten · Drucken

Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung

In unserem Ratgeber für Bürgermeister*innen und andere Verantwortliche für Arbeitssichheit beschäftigen wir uns heute mit dem für viele Kommunen ganz aktuellen Spannungsfeld „Rückwärtsfahren bei der Abfallsammlung“. Warum darf die Müllabfuhr eigentlich nicht mehr rückwärts fahren? Was hat sich denn „plötzlich“ geändert? Wir haben dazu unsere Präventionsexperten im Haus befragt und dabei Überraschendes erfahren …

inform: Warum dürfen Abfallsammelfahrzeuge nun nicht mehr rückwärts fahren? Das haben die doch jahrzehntelang ohne irgendwelche Probleme gemacht. Was hat sich geändert und warum?

Thomas Rhiel, Aufsichtsperson: Zunächst einmal: Abfallsammelfahrzeuge durften noch nie „einfach so“ rückwärts fahren! Die Sammeltour war auch in der Vergangenheit immer so zu planen, dass Bereitstellungsplätze ausschließlich vorwärts angefahren werden konnten. Rückwärtsfahrten waren die absolute Ausnahme und eigentlich nur für den Straßenaltbestand, der vor 1979 (Inkrafttreten der UVV „Müllbeseitigung“) gebaut worden war, sowie für besondere Situationen (überraschend zugeparkt o. Ä.) gedacht.

Ein Fahrer, der rückwärts fuhr, beging in aller Regel eine Ordnungswidrigkeit. Dass die gängige Praxis häufig eine andere war, ist unstrittig, macht das Verhalten deshalb aber nicht richtiger.

Die Kommune ist grundsätzlich verpflichtet, so zu bauen, dass die Abfallsammlung angemessen durchgeführt werden kann. Dieser Grundsatz gilt natürlich auch für alle anderen Fahrten, von Rettungswagen bis hin zur Feuerwehr. Planerische Grundlage für den Straßenausbau sollten die „Richtlinien für den Ausbau von Stadtstraßen (RASt) 06“ sein.

Neu ist: Der Abfallwirtschaftsbetrieb muss im Rahmen seiner Gefährdungsbeurteilung ermitteln und eigenverantwortlich festlegen, wo rückwärts gefahren werden muss, weil es wirklich nicht anders geht, und wo diese Maßnahme mit den geeigneten Maßnahmen (u. a. Einweiser) noch zu verantworten ist. Alle übrigen Optionen, z. B. bauliche Maßnahmen, Ordnungsmaßnahmen, ein Behältertransport zu Bereitstellungsplätzen oder auch der Einsatz von speziellen Fahrzeugen gehen vor – diese müssen aber zuvor in Abstimmung mit der Kommune geprüft und ggf. verworfen worden sein.

Die Entscheidung, rückwärts fahren zu müssen, sollte nicht der Fahrer vor Ort treffen müssen, sondern der Betrieb – da, wo es planbar ist. Und manchmal muss der Betrieb das bisher übliche Rückwärtsfahren aus Sicherheitsgründen untersagen.

Warum ist das Rückwärtsfahren mit Abfallsammelfahrzeugen gefährlicher als mit anderen LKW? Die machen das doch auch ständig!

Andere LKW sind in der Regel vorwärts von A nach B unterwegs und fahren rückwärts meist nur in relativ geschützten Bereichen, z. B. auf Parkplätzen oder auf Werksgelände, und das auch nur wenige Male pro Schicht. LKW, die im Bereich von Wohnbebauung und in Straßen mit Passanten unterwegs sind und dort rückwärts fahren müssen, sind eher die Ausnahme. Aber auch für diese LKW-Fahrer gilt: Können sie nicht sicherstellen, dass niemand beim Rückwärtsfahren gefährdet wird, müssen sie sich einweisen lassen. Tun sie das nicht, weil sie z. B. allein unterwegs sind, dann gehen sie ein sehr hohes persönliches (Haftungs-)Risiko ein und auch die Unternehmer müssen sich ggf. erklären, falls die Rückwärtsfahrt absehbar war. Auch hier gilt: Nicht alles, was man sieht, ist auch erlaubt!

Abfallsammelfahrzeuge fahren in ihren Schichten nahezu ausnahmslos in Straßen mit zum Teil sehr dichtem Verkehr und mit vielen Passanten. Ein häufiges Rückwärtsfahren mit den bis zu zwölf Meter langen und 26 Tonnen schweren Fahrzeugen beinhaltet eine sehr hohe persönliche Verantwortung für den Fahrer und ist eine sehr anstrengende Tätigkeit. Es ist zu bedenken, dass das Fahren mit großen Fahrzeugen in engen Straßen auch ohne Rückwärtsfahrten schon viel Aufmerksamkeit erfordert. „Denn Rücksichtnahme ist des Bürgers Ding häufig nicht“ – insbesondere dann nicht, wenn er in seinem Auto unterwegs ist.

Kurz gesagt, andere Verkehrsteilnehmer* innen können ziemlich rücksichtslos und/oder unaufmerksam sein! Das gilt es auch zu beachten. Die Regelung schützt also die Beschäftigten des Entsorgungsbetriebs genauso wie auch die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie sieht es denn überhaupt mit Unfällen aus? Ist es denn nachgewiesen, dass Rückwärtsfahren mit Sammelfahrzeugen besonders gefährlich ist?

Ja, die Unfallstatistik spricht für sich. Und viele Unfälle ereignen sich mit unbeteiligten Dritten. Das sind häufig Personen, die trotz Warnsignal und sich bewegendem Fahrzeug doch hinter dem Fahrzeug herlaufen und die Gefährlichkeit der Situation offenbar völlig falsch einschätzen. Diese Unfälle werden in der Statistik der Unfallversicherungsträger nicht erfasst, wenn die geschädigte Person nicht zum Kreis der bei uns versicherten Personen gehört (z. B. Hausfrau, Rentner*in, Kinder in ihrer Freizeit).

Es gibt bundesweit jedes Jahr zahlreiche Unfälle explizit mit Abfallsammelfahrzeugen; meist enden sie für die Unfallopfer tödlich und für den Fahrer sind sie immer traumatisierend, egal ob er Schuld hat oder nicht.

Wie muss denn eine Straße idealerweise aussehen, die von einem Abfallsammelfahrzeug befahren werden kann?

Eine Straße muss sicher befahren werden können. Das übliche, weil wirtschaftlich meist sinnvollste Sammelfahrzeug ist rund zwölf Meter lang und voll beladen ca. 26 Tonnen schwer. Diese Ausmaße stellen bestimmte Anforderungen an Tragfähigkeit, Breite, Durchfahrtshöhe, Steigung und ggf. auch an die Kurvenradien der Straße. Die Breite hängt auch davon ab, ob Begegnungsverkehr besteht oder nicht.

Es sollte immer ein Sicherheitsabstand von 50 cm zwischen Fahrzeug und Hindernis vorhanden sein, um Unfallfolgen (Quetschgefahr) möglichst zu minimieren. Daraus ergeben sich für die großen Fahrzeuge (bis zu 2,55 m breit) Fahrbahnbreiten von 3,55 m ohne und 4,75 m mit Begegnungsverkehr.

Sackgassen müssen eine Wendemöglichkeit haben und diese darf nicht zugeparkt sein. Es gibt aber auch kleinere, wendige Sammelfahrzeuge, die engere Straßen, z. B. in historischen Altstädten, durchaus sicher befahren können. Über das sinnvollste Fahrzeug muss im Einzelfall entschieden werden.

Was muss die Kommune konkret tun?

Sie muss die Abfallsammlung und alle anderen im Rahmen der Daseinsvorsorge wichtigen Fahrten bereits bei der Planung von Neubauten und Straßen berücksichtigen! Und im Bestand muss jede Straße dahingehend überprüft werden, ob man sie ganzjährig sicher befahren kann oder nicht. Es müssen eventuell Maßnahmen festgelegt werden, um die Abfallbehälter auch tatsächlich abfahren zu können. Hier ist eine gute Kommunikation insbesondere mit den Bürgern wichtig, für welche diese Maßnahmen ggf. eine Verschlechterung der – häufig nicht zulässigen – Situation darstellen, wenn sie beispielsweise ihre Tonnen weiter als gewohnt rollen müssen.

Die meisten Bürger*innen verstehen, worum es geht, wenn sie angemessen einbezogen und informiert werden. Einfach Fakten zu schaffen, mit denen dann alle leben müssen, versteht hingegen niemand.

Werden die Verantwortlichen in den Kommunen denn bei alldem von der UKH unterstützt?

Selbstverständlich – wir lassen Sie nicht allein! Ihre zuständige Aufsichtsperson ist wie gewohnt Ansprechpartner*in bei Fragen zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – natürlich auch bei der Abfallsammlung.

Kurz-Checkliste für LKW: „Die Sichere Straße“

Einfahrt in die Straße:

  • Schleppkurvenradius ausreichend groß?
  • Straße durchgängig befahrbar?
  • Begegnungsverkehr vorhanden?
  • Straßenbreite ausreichend (Begegnungsverkehr bedenken)?
  • Hindernisse vorhanden/zu erwarten?
  • Anwohnerparken problematisch?
  • Straße ausreichend befestigt?
  • Gute Sicht nach allen Seiten vorhanden?

Bei Sackgasse:

  • Ausreichend dimensionierte Wendeanlage vorhanden?

Bitte beachten Sie: Die Checkliste gibt nur eine allgemeine Hilfestellung! Sie muss für den konkreten Einzelfall angepasst werden.

Die ausführlichen Anforderungen finden Sie in der DGUV Branchenregel „Abfallsammlung“ 114-601 bzw. in der DGUV Information 214-033 „Sicherheitstechnische Anforderungen an Straßen und Fahrwege für die Sammlung von Abfällen“. Beide Schriften sind bei der UKH auf Nachfrage erhältlich.

 

inform Ausgabe 1/2020

Ein Beispiel guter Praxis

Eine bisher einmalige Idee in Sachen „Sichtproblematik“ hatte Klaus Mennecke, SiFa beim Betriebshof der Stadt Bad Homburg. Mit dem Aufkleber wird direkt an den Sammelfahrzeugen auf den „Toten Winkel“ insbesondere beim Abbiegen hingewiesen. Bild: ©Klaus Mennecke

Auch die Unfallkasse Hessen bietet Sicherheits-Aufkleber zum Einweisen von Müllfahrzeugen an.

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Autor/Interviewer: Thomas Rhiel, E-Mail: t.rhiel@ukh.de