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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken

Sicherheit und Gesundheit bei der Stadt Bensheim

Es sind häufig die kleinen Dinge, die den Ausschlag geben. Frank Faber hat einen Weg gefunden, alle Kolleg*innen für Sicherheit und Gesundheit zu begeistern: Er kann sich vor Ersthelfer*innen kaum retten, alle tragen mit Begeisterung ihre Persönliche Schutzausrüstung (PSA) und alle Mitarbeiter*innen des Rathauses wissen ganz genau, wo die Feuerlöscher hängen, wollen wir wetten?!

inform: Wie sind Sie strategisch als Arbeitsschutzkoordinator (ASK) gestartet?

Frank Faber: „Einfach mal zuhören“ war der beste Türöffner. Hätte ich versucht, den Kolleg*innen zu offenbaren, wie sie ab sofort besser arbeiten sollen, hätte ich mir den guten Start verbaut. Ich habe den Bereichen, die nicht bereits eine breite Unterstützung durch andere Institutionen wie Hessen Forst etc. erfahren, zunächst die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Als stellvertretender Teamleiter bin ich verantwortlich für 13 Kolleg*innen. Meine Arbeitszeit kann ich mir zwischen der Arbeitsschutzkoordination und dem zentralen Einkauf aufteilen, das war zu Beginn sehr hilfreich.

inform: Welche Gefährdungen machen in Ihrer Verwaltung den Schwerpunkt aus?

Frank Faber: Das Potenzial für große Gefahren besteht auch in einer klassischen Verwaltung. Von Stäuben, die bei der Aktenvernichtung entstehen können, über Hausmeister, die auf den Dächern der Sportstätten oder mit mir völlig unbekannten Geräten arbeiten, decken wir die volle Bandbreite an potenziellen Gefahren ab.

Gerade beschäftige ich mich mit zwei besonders spannenden Fällen: Im Gärkeller des städtischen Weinguts messen wir während des Gärprozesses sehr hohe Kohlendioxid-Werte. Im Holzpelletlager für die Befeuerung der Gemeindehäuser dagegen ist der Kohlenmonoxid-Ausstoß sehr hoch. Für beides suchen wir gerade nach den besten Lösungen für die Kolleg*innen vor Ort. Alltäglich sind diese beiden „Phänomene“ für eine Kommunalverwaltung sicher nicht.

inform: Welchen Weg haben Sie gefunden, bei der Einweisung von neuen Kolleg*innen und der jährlichen Sicherheitsunterweisung volle Aufmerksamkeit für die Themen Sicherheit und Gesundheit zu erlangen?

Frank Faber: Ich habe nach einem Weg gesucht, wie man die Themen rund um Sicherheit und Gesundheit so aufbereiten kann, dass sich die Kolleg*innen gerne damit auseinandersetzen.

Meine Lösung ist: Spielen! Ich habe eine spielend einfache und lustige Unterweisungshilfe für mich und andere Führungskräfte entwickelt. „Sicher im Beruf“ ist an den Spieleklassiker Monopoly angelehnt. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass dem Humor in der Wissensvermittlung eine wichtige Rolle zukommt und er maßgeblich dazu beiträgt, sich die Aufmerksamkeit der Kolleg*innen langfristig zu sichern. Meinem Team hat diese Alternative sehr gut gefallen und ich denke, wenn man mit Freude lernt, dann verankern sich die Inhalte auch nachhaltig.

Möchte ich, dass meine Kolleg*innen sich für sicherheitsrelevante Themen interessieren, dann muss ich diese entsprechend aufbereiten. Beispielsweise hängen gerade an unterschiedlichen Stellen im Haus kleine Kärtchen, auf denen Sätze stehen, wie: „Weißt du eigentlich, wo der nächste Feuerlöscher hängt, wenn‘s brennt?“ Ich habe die Rückmeldung bekommen, dass die Kolleg*innen sich darüber stark ausgetauscht haben.

Durch die direkte Ansprache wird eine persönliche Relevanz geschaffen. Hätte ich nur einen Plan aufgehängt, auf dem die Standorte der Feuerlöscher verzeichnet sind, hätte sich das doch niemand bewusst durchgelesen.

inform: Ihre These ist, dass jeder Mensch einen persönlichen Trigger hat. Sie sagen, ihn zu kennen, ist der Schlüssel zum Erfolg …

Frank Faber: Dies bezieht sich übrigens nicht nur auf die PSA. Bei den Kollegen, die unter der freien Sonne arbeiten, hat ein ähnlicher Trick funktioniert: Um sicherzustellen, dass UV-Schutzmittel auch tatsächlich aufgetragen werden, haben wir so lange nach einem geeigneten Mittel gesucht, bis wir ein Spray gefunden haben, das sofort einzieht und nicht klebt. Nun ist die Akzeptanz für Sonnenschutzmittel da.

inform: Die Kolleg*innen dürfen ihre PSA auch privat nutzen?

Frank Faber: Unsere Dienststellenleitung ist der Meinung, dass es völlig unerheblich ist, ob sich jemand im privaten Bereich oder auf der Arbeit verletzt, wenn er oder sie keine PSA trug: Den Personalausfall haben wir ohnehin. Im Übrigen ist unsere Dienststellenleitung auch in anderen Bereichen schon sehr fortschrittlich. Höhenverstellbare Tische sind für uns kein Luxusgut, sondern ein normales Arbeitsmittel, das allen zur Verfügung gestellt wird.

inform: Werben Sie auch dafür, Ehrenämter im Betrieb zu übernehmen?

Frank Faber: Um genügend Ersthelfer*innen für unsere Verwaltung zu gewinnen, habe ich mir etwas Besonderes überlegt: Viele Kolleg*innen im Haus sind ehrenamtlich in Vereinen organisiert. Also habe ich so auf die individuelle Relevanz aufmerksam gemacht: 

Wir bilden über das Kontingent hinaus aus; wer bei uns Ersthelfer*in werden möchte, kann die Ausbildung machen, denn lieber habe ich ein paar mehr als zu wenige. Genauso halten wir es mit den Brandschutzhelfer*innen.

inform: Mit welchem Trick begeistern Sie Ihre Kolleg*innen für das Thema Gesundheit?

Frank Faber: Das Triggerprinzip funktioniert auch hier. Handdesinfektion ist ein Beispiel. Mit diesem Thema treffen Sie normalerweise nicht auf die größte Begeisterung bei der Unterweisung. Aber wenn ich daraus eine Schwarzlicht-Challenge mache, ist die Zustimmung gleich viel größer. Jede*r möchte nach der Desinfektion gerne unter dem Schwarzlicht sehen, wie gründlich man im Vergleich zu den Kolleg*innen war. Am Ende kann sich jede*r noch aus einer breiten Palette die individuell beste Handcreme für den Hautschutz aussuchen und alle sind glücklich.

Ein anderes Beispiel sind die quartalsweisen Aktionstage, bei denen wir darauf achten, den Kolleg*innen Gesundheitsangebote zu machen, die sie auch für den privaten Bereich nutzen können. Die individuelle Ernährungsberatung hat sich beispielsweise nachweisbar positiv auf den Inhalt der Kühlschränke ausgewirkt.

inform: Welche Rolle spielt eine gute Fehlerkultur in Ihrem Betrieb?

Frank Faber: Wenn man eine gute Fehlerkultur etablieren möchte, muss klar sein, dass es kein Eigenverschulden bei Arbeitsunfällen gibt. Wenn jemand beispielsweise seine Handschuhe nicht anzieht, gibt es einen Grund dafür. Entweder wird es nicht vorgelebt, das Arbeitsmittel ist falsch, es herrschte Zeitdruck oder die Arbeitsanweisung war nicht klar genug usw. Das war für mich die wichtigste Erkenntnis.

inform: Was sind Voraussetzungen für eine gute Fehlerkultur?

Frank Faber: Wechselseitiges Vertrauen ist wichtig. Auch müssen sich die Mitarbeiter*innen darauf verlassen können, dass ihre Führungskraft nicht einen Fehler heute als Chance bezeichnet und morgen als großes Drama, sondern eine gute Fehlerkultur muss durchgängig gelebt werden. Sonst verspielt man sich als Führungskraft das Vertrauen.

inform: Nach welchen Kriterien sollten Führungskräfte Arbeitsschutzkoordinatoren aussuchen?

Frank Faber: Ein Koordinator ist auch ein Kommunikator. Soziale Kompetenz, eine gute Kommunikationsfähigkeit und eine gewisse Frustrationstoleranz sollten ausgeprägt sein. Fachkenntnisse kann man sich aneignen, Sozialkompetenz nicht.

inform: Haben Sie einen abschließenden Tipp für andere Arbeitsschutzkoordinator*innen?

Frank Faber: Ich habe drei Tipps:

  1. Jede Anfrage und jedes Problem der Beschäftigten ernst nehmen und sich darum kümmern.
  2. Wenn eine Führungskraft fachlich von dem zu unterweisenden Bereich keine Detailkenntnisse besitzt, schlagen Sie ihr die „Rückwärtsunterweisung“ vor: die Mitarbeiter*innen erläutern ihrer Führungskraft ihre Handlungsabläufe detailiert und die Führungskraft kann anhand dessen entscheiden, ob die ausgeführten Handlungen sicher und gesund sind. Damit haben wir gute Erfahrungen in sehr technischen Bereichen gemacht.
  3. Auf sifapage.de finde ich viele Impulse für meine Arbeit und der Austausch mit den Arbeitssschützer*innen dort ist sehr fruchtbar. Das Spiel „Sicher im Beruf“ wird man dort auch bald zum Download finden. 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

inform Ausgabe 4/2018

Spielerische Unterweisungshilfe

Frank Faber: "Auch deshalb liebe ich meinen Job, jeder Tag bringt neue Herausforderungen." Fotos: Cordula Kraft

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Autor/Interviewer: Cordula Kraft, E-Mail: c.kraft@ukh.de