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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Bewegung & Sport · Landesbetriebe · Drucken

Sport macht glücklich! Gesundheitsmanagement beim Amtsgericht Frankfurt

Alles fing mit dem Gesundheitstag im November 2017 an: Oliver Mai und Markus Kaiser, Präventionsexperten der UKH, betreuten an diesem Tag die Angebote der Unfallkasse Hessen im Amtsgericht Frankfurt und kamen sofort in einen intensiven Dialog mit den Verantwortlichen für Sicherheit und Gesundheit. Seitdem betreuen die beiden den umfangreichen und vielschichtigen Prozess, der sich aus der Frage an die Initiatoren des Gesundheitstages ergab: „Haben Sie denn eigentlich ein Konzept für Ihre zahlreichen Angebote?“

Dies war der Startschuss für das Projekt, das alle Beschäftigten des Amtsgerichts einschließt – auch die Beamten und Beamtinnen. Gesundheitliche Fördermaßnahmen machen nämlich nach Ansicht aller Beteiligten nur Sinn, wenn alle Mitarbeiter*innen der Behörde davon erfasst werden. Dieser Ansatz zeigt schon jetzt großen Erfolg.

Um Sicherheit und Gesundheit als festen Bestandteil der Unternehmenskultur in Betrieben und Verwaltungen zu etablieren, braucht es vor allem eines: Menschen, die sich mit Herzblut darum kümmern. Beim Amtsgericht Frankfurt am Main, mit rund 1.000 Beschäftigten das drittgrößte Amtsgericht Deutschlands, gibt es an höchster Stelle gleich zwei davon: Präsident Erich Fischer und Vizepräsident Frank Richter kümmern sich „laufend“ um die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen. „Laufend“ im doppelten Sinn: Beide sind leidenschaftliche Marathonläufer, beiden ist das Thema Gesundheit – und nicht nur die eigene – eine Herzensangelegenheit.

Vizepräsident Frank Richter berichtet im Interview vom Prozess des Gesundheitsmanagements, erläutert dessen Ziele und die Zusammenarbeit mit der UKH und gibt einen Ausblick auf kommende Herausforderungen in Sachen Sicherheit und Gesundheit.

Herr Richter, wie ist der Sachstand zu Sicherheit und Gesundheit beim Amtsgericht Frankfurt und welche speziellen Herausforderungen gibt es dabei?

Frank Richter: In Sachen Arbeitsschutz sind wir gut aufgestellt, wir halten uns natürlich an alle Gesetze, Regeln und Vorschriften. Der ASA tagt regelmäßig, Gefährdungsbeurteilungen sind erstellt und dokumentiert, und auch bei der ergonomischen Ausstattung der Büros sind wir auf einem guten Weg. Unfälle haben wir eher selten zu beklagen, und darum ist der reine Arbeitsschutz kein Thema, das die Kolleg*innen emotional beschäftigt oder überhaupt interessiert.

Was uns fehlte, war ein strukturiertes Konzept für Gesundheitsmanagement. Gesundheit geht uns alle an – ohne Gesundheit geht nichts. Die besonderen Herausforderungen für uns bei einem solchen Gesundheitsprojekt sind einerseits die räumlichen Gegebenheiten. Ca. 1.000 Beschäftigte sind auf sechs Gebäude verteilt. Das AG Frankfurt ist das größte hessische Gericht, das drittgrößte in Deutschland … Wir sind für rund 900.000 Bürgerinnen und Bürger zuständig. Das Amtsgericht ist ein Großunternehmen, das macht eine einheitliche Führung schwierig.

Eine weitere Herausforderung ist, dass wir einige Beschäftigtengruppen haben, die im Alltag nicht viel miteinander zu tun haben: Arbeiter, z. B. im Sicherheitsdienst, junge Menschen, die wir zu Justizfachangestellten ausbilden, dazu die Rechtspfleger* innen, und dann die rund 140 Richterinnen und Richter, die persönlich und sachlich unabhängig entscheiden und deren Vorgesetzte nicht Erich Fischer und ich sind, sondern die Justizministerin.

Mein Auftrag und meine persönliche Herausforderung ist, möglichst alle mit dem Gesundheitsmanagement anzusprechen und sie zu motivieren – die „Mission Gesundheit“ soll die Zusammenarbeit zwischen den Gruppen fördern und dafür sorgen, bei jedem Einzelnen mehr Bewusstsein für Gesundheit im Arbeitsalltag zu entwickeln. Dazu haben wir einen Lenkungsausschuss gebildet, in den auch die UKH Experten involviert sind.

Das Projekt Mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Amtsgericht Frankfurt am Main aus Sicht der Unfallkasse Hessen

Zunächst wurde die Einführung eines Managements für Sicherheit und Gesundheit geplant, das auf dem funktionierenden Arbeitsschutz basiert. Dieses orientiert sich an den Qualitätskriterien der DGUV und wurde individuell entwickelt und abgestimmt. Die Zeitschiene berücksichtigt den umfangreichen Planungsprozess und dessen Laufzeit bis Ende 2019. Die Ziele lauten im Einzelnen:

  • Beratung und Überwachung durch Experten der UKH
  • Kommunikationsentlastung im Bereich Führung durch Verbesserung von Gesprächs- und Präventionskultur
  • Beteiligung der Mitarbeiter*innen stärken
  • Installation eines Lenkungsausschusses

Daraus ergaben sich folgende Unterziele:

  • Erhöhung der Arbeitszufriedenheit
  • Erhöhung der Beschäftigtenmotivation
  • Erreichen aller Beschäftigtengruppen
  • Stärkung der Mitarbeiterbindung
  • Verbesserung der Kommunikation
  • Verbesserung des Betriebsklimas
  • Bewusstsein schaffen für gesündere Ernährung und einen bewegungsreicheren Lebensstil

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie persönlich mit dem Projekt und welche Widerstände erwarten Sie?

Man kann nur Dinge ändern, die man kennt, und man muss klein anfangen. Das heißt, einen Schritt nach dem anderen gehen und nicht gleich den Marathon anstreben.

Also sehe ich es als wichtige Aufgabe an, die Kolleg*innen zunächst über gesundheitliches Verhalten und seine Konsequenzen zu informieren. Das Bewusstsein für mehr Gesundheit muss insgesamt geschaffen werden und alle Kolleg*innen sollen unsere Angebote kennen. Das gelingt uns schon ganz gut. Wir wollen in erster Linie die Arbeitszufriedenheit stärken, die Mitarbeitermotivation erhöhen und das Betriebsklima verbessern. Keine leichte Aufgabe bei diesem Großunternehmen … Aber es lohnt sich, denn gesunde Beschäftigte haben auch mehr Spaß an der Arbeit.

Widerstände ergeben sich beispielsweise daraus, dass man gewisse Gewohnheiten aufgeben und aus der Komfortzone kommen muss. Änderungen gehen oft erst einmal mit Angst und Irritation einher. Manche fühlen sich vielleicht bevormundet und insgeheim kritisiert. Gleichzeitig stellen wir fest, dass gerade diese Menschen häufiger und länger fehlen – wir sind jetzt in einem Prozess der Bewusstwerdung jedes Einzelnen. Wir zeigen Möglichkeiten auf und versuchen, die Eigenverantwortung „rauszukitzeln“.

Die Angebote für alle

  • Rückenschule
  • Yoga
  • Augenpause
  • Progressive Muskelentspannung
  • Massagen
  • Selbstverteidigung
  • Justizchor!

Welche sind die nächsten Schritte auf dem Weg zur gesunden Verwaltung?

Wir haben aktuell die Gefährdungsbeurteilung Psychische Belastung erstellt, weil hier dringender Bedarf besteht aus folgenden Gründen: Unser Publikum zeichnet sich zunehmend durch gewachsene Anspruchshaltung, Respektverlust, psychische Auffälligkeiten und auch sprachliche Verständnisprobleme aus. Die Gefährdungen, denen unsere Beschäftigten ausgesetzt sind, erhöhen sich dadurch zunehmend. Die Arbeitsanforderungen steigen gleichzeitig durch die wachsende Bevölkerung, mit der auch unsere Arbeitsbelastung prozentual mehr wird. In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung um 120.000 Einwohner gewachsen. Dazu kommt der demografische Wandel: Wir werden bis 2020 rund 200 erfahrene Mitarbeiter*innen verlieren. Die psychischen Belastungen müssen dokumentiert und möglichst präventiv reduziert werden, damit die Menschen auch in Zukunft lange gesund ihrer Arbeit nachgehen können.

Außerdem haben wir ein Projekt für unsere ca. 180 Auszubildenden initiiert, das die jungen Leute in ihrer Lebenswelt abholt. Hier sind wir aber noch in der Planungsphase.

Wie empfinden Sie die Unterstützung durch die UKH? Und bei welchem visionären Vorhaben können wir Sie noch begleiten?

Die Zusammenarbeit mit der UKH empfinden wir alle als ertragreich, menschlich großartig und effektiv. Wir sind damit sehr glücklich. Oliver Mai und Markus Kaiser haben uns mit ihren Analysen, Hinweisen und Ideen inspiriert und unseren Fokus auf „Schwachstellen“ gelenkt, die uns bisher entgangen waren. Auch ich kann ja nur etwas ändern, wenn ich die Probleme und die Alternativen kenne.

Meine Vision, mein großes Ziel – zusammen mit Präsident Erich Fischer – ist das „Reformprojekt AG Frankfurt“, das alle Bereiche außer der Gesundheit umfassen wird: unsere Organisationsstruktur, die Hierarchien, das Leitbild usw., also Arbeit 4.0 beim Amtsgericht. Unsere Führungskräfte sollen das Amtsgericht ganzheitlich betrachten und auf dieser Basis ihre Entscheidungen treffen. Das Interesse an Arbeit, Menschen und Gesundheit darf sich nicht auf die eigene Abteilung beschränken.

Und nur, wenn wir alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Boot holen, wird es uns gelingen, dass die Menschen lange motiviert und gesund beim Amtsgericht arbeiten wollen und können.

Herr Richter, vielen Dank für das inspirierende Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

 

inform-Ausgabe 1/2019

Porträt

Frank Richter, 49, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern im Teenageralter. Nach Abschluss seines BWL-Studiums entschied er sich doch noch, Jura zu studieren, um letzendlich Richter zu werden. Und auch als Vizepräsident des Amtsgerichts fallen 40 % seiner Arbeitszeit noch auf die Richtertätigkeit (60 % auf Verwaltungsund Pressearbeit): Er verhandelt sehr gern und möchte der Praxis immer nah bleiben. Vor rund zehn Jahren entdeckte Frank Richter den Sport für sich, um einen Ausgleich zur meist sitzenden Tätigkeit zu haben und um sich generell besser um seine Gesundheit zu kümmern – schließlich hatte er Verantwortung für zwei Kinder. Der „Richter Richter“ begann zu laufen – der erste Marathonlauf 2010 endetet mit einem Kreislaufkollaps. Ermutigt von seinem Hausarzt gab Frank Richter nicht auf: 2012 startete er zum ersten Mal beim Frankfurt- Marathon, im Jahr 2014 begann er mit dem Triathlon-Training und erreichte sein großes Ziel, beim Frankfurter Ironman mit einem Lächeln zu finishen, am 8. Juli 2018. Frank Richter setzt sich in sportlicher Hinsicht Ziele, die für ihn erreichbar sind, und bleibt dabei realistisch. Gesundheit ist für ihn eines der höchsten Güter. Frank Richter ist glücklich, wenn er seinen Arbeitsweg von Egelsbach in die Frankfurter City mit dem Rad zurücklegen kann. Bewegung ist für ihn die reine Entspannung.

Umsetzung des Präventionsauftrags durch die UKH:

  • Workshops für Führungskräfte
  • Bestandsanalyse zur Gefährdungsbeurteilung
  • Arbeitsplatzanalyse, Befragungen
  • Auswertung zu Demografie und Krankenstand
  • Zusammenfassung der Bedarfe
  • Setzen von Schwerpunkten
  • Konzeptentwicklung „Mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ mit Zielen, Unterzielen, Terminschiene und Themenschwerpunkten
  • Angebot Arbeitsplatzbegehungen mit Schwerpunkt Ergonomie
  • Unterstützung bei der Initiative „Gesundes Essen“
  • Seminare zu „GDA bewegt“

Lächelnd ins Ziel: Frank Richter als Finisher beim Ironman am 8. Juli 2018 in Frankfurt am Main

Krimifans kennen dieses prachtvolle Treppenhaus...

...und den „alten“ Sitzungssaal aus der ZDF-Serie „Ein Fall für Zwei“, die hier gedreht wird.

Vizepräsident des Amtsgerichts Frankfurt, Triathlet und Marathonläufer Frank Richter. Bild: ©Patrick Liste für Amtsgericht Frankfurt am Main

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Autor/Interviewer: Sabine Longerich, E-Mail: s.longerich@ukh.de