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Stress im Job: Ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld fängt bei den Führungskräften an

Wie ein Unternehmensberater blickt Arbeitsschutzkoordinator (ASK) Thomas Briefs auf die organisatorischen Zusammenhänge seiner Kommune Baunatal und steuert so den Arbeits- und Gesundheitsschutz von 621 Menschen. Mit 14 Jahren Erfahrung in Koordination von Sicherheit und Gesundheit weiß Briefs: Wirkliche Fortschritte kommen nicht von heute auf morgen. Es gibt Höhen und Tiefen und manchmal scheitert man auch. Inzwischen sind seine Erfolge messbar. Unterstützung erfährt er auf seinem Weg auch von den Sicherheitsbeauftragten – allen voran Heinz Heinemann.

Baunatal gehört mit rund 27.000 Einwohner* innen eher zu den Städten mittlerer Größe, dennoch wird in der Stadtverwaltung viel bewegt. Thomas Briefs leitet hier seit 2005 den Stabsbereich Arbeitsschutz. Er hat vieles angestoßen, um Führungskräfte und Kolleg*innen für sichere und gesunde Arbeit zu begeistern.

Führungskräften die persönliche Relevanz aufzeigen

Thomas Briefs: „Zu Anfang meiner Tätigkeit habe ich viele Aktionen mit ‚Wow- Effekt‘ durchgeführt: Stresspilot am Arbeitsplatz, Gesundheitstage und vieles mehr. Die Begeisterung der Kolleg*innen war allerdings am Ende des Tages direkt wieder verpufft, es gab keinen nachhaltigen Effekt. Die Führungskräfte sahen vordergründig Mehrarbeit durch die Pflicht, Gefährdungsbeurteilungen zu erstellen, und nicht den direkten Mehrwert hinter der Aufgabe.

Ich musste einsehen, dass der Arbeitsschutz mit dem Commitment der Führungskräfte steht und fällt. Aber wie kann man die Führungsebene erreichen, wenn diese mit ihren alltäglichen Aufgaben bereits ausgelastet ist? Ein Konzept musste her, das sie zu persönlich Betroffenen macht, die an der eigenen Person erfahren, dass sichere und gesunde Arbeit nicht nur Mehrbelastung, sondern in erster Linie Entlastung und Ressourcenschonung bedeutet.

In der Pilotphase haben wir, finanziell unterstützt von Krankenkassen, die oberste Führungsebene und ihre Stellvertretung an einer 24-Stunden-Herzvariabilitätsmessung teilnehmen lassen, die die Resilienzfähigkeit des Körpers misst.

Die Ergebnisse waren für einige alarmierend, denn nicht mal in der Freizeit oder beim Schlaf sank das Stresslevel, das sich über den Arbeitstag hinweg aufgebaut hatte. Die Führungskräfte legten in moderierten Gesprächsrunden Schritte für ein gesundes Umfeld und direkte Maßnahmen zur Stressreduktion als Selbstverpflichtung fest. Beispielsweise werden Meetings oder Termine nicht zwischen 12 und 14 Uhr angesetzt, damit zumindest zeitweise störungsfreies Arbeiten möglich ist, und keine Leitungsrunden mehr am Freitag, damit eventuell entstehende Arbeitsaufträge nicht mit ins Wochenende genommen werden.“

Schaffung eines klugen Umfelds

Thomas Briefs: „Kleine Änderungen in der Arbeitsorganisation haben hier eine große Wirkung erzielt. Spätestens jetzt sahen die Führungskräfte, dass Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung realistische Ansätze auf dem Weg zu einer sicheren und gesunden Arbeit bieten. Diese Zustimmung ist die Basis für jedes weitere Handeln, denn nur, wer seine Belastung erkennt, kann auch seine Ressourcen reflektieren. Wer als ASK versucht, Führungskräften die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung aufzuzwingen, wird keine gesunde Führungskultur etablieren können.

Nach der landläufigen Meinung beschäftigen sich ASKen mit Gefährdungsbeurteilungen, stellen Gefahrstoffkataster auf und lernen das Arbeitsschutzgesetz auswendig. In einer Kommune reicht es aber nicht aus, den Arbeitsschutz als isolierte Aufgabe wahrzunehmen, sondern er muss mit der entsprechenden Personalentwicklung und einer Organisationsberatung Hand in Hand gehen, sonst können die Maßnahmen nicht nachhaltig sein und das Vertrauen der Beschäftigten in einen echten Kulturwandel verebbt.“

Bindewirkung zum Betrieb als Indikator für gesundes und sicheres Arbeiten

Thomas Briefs: „Meine Erfahrung zeigt, dass man mit neuen Angeboten der Gesundheitsförderung vornehmlich die Personen erreicht, die ohnehin schon motiviert sind. Das sind im Mittel fünfzehn Prozent. Weitere rund fünfzehn Prozent werden Sie mit keiner Maßnahme der Welt begeistern, sie leisten Dienst nach Vorschrift oder sabotieren sogar im Zweifel jede neue Intervention. Sie haben ihre Bindewirkung zum Job fast völlig verloren. Die große Masse dazwischen, die verbliebenen circa 70 Prozent, sind fluide: Sie würden sich gerne motivieren lassen, haben aber den Glauben an eine Verbesserung ihrer Situation durch Erfahrungen in der Vergangenheit verloren. Die Konzentration muss darauf liegen, diese 70 Prozent im Kulturwandel mitzunehmen und ihr Vertrauen mit konkreten und realistischen Interventionen zurückzugewinnen.“

Arbeitsplatzsituationsanalysen bringen Verbesserungspotenzial am besten zutage

Thomas Briefs: „Auf der Mitarbeiter*innen-Ebene haben wir deshalb Pilotbereiche bestimmt, deren Arbeitssituation Verbesserungspotenzial aufwies, und dort Arbeitssituationsanalysen (ASiA) durchgeführt. Mit dieser Methode haben wir einen großen Teil der Gefährdungsbeurteilung abgedeckt. Klassische Methoden zur Gefährdungsbeurteilung decken zwar Defizite auf, identifizieren aber keine Stärken und Ressourcen, auf denen man aufbauen kann. Bei der ASiA liegt der Fokus darin, die Belastungsschwerpunkte in moderierten Gruppen zu analysieren und daraus Verbesserungspotenziale zu entwickeln. Damit wirken wir Konflikten zwischen den Aufgabenträgern entgegen und dem Denken in Zuständigkeiten. Die Arbeitsaufträge müssen zügig abgearbeitet werden, damit man sieht, dass etwas passiert.“

Vorteile der Arbeitssituationsanalyse:

  • Der Aufwand ist vergleichsweise gering und stärkt nebenbei noch die Kommunikation untereinander.
  • Das Verfahren erleichtert die Beurteilung von psychischer Belastung durch die Interaktion mit dem Team.
  • Befragungen sind nicht anonym, so bringen sie qualitative Ergebnisse und nicht nur quantitative wie bei anonymen Umfragen.

Voraussetzung sind Teams gleicher Hierarchiestufe.

Die beschlossene Maßnahmen werden in einem verbindlichen Umsetzungsplan mit Zuständigkeiten und Zeithorizont festgehalten. Diese Verbindlichkeit schafft Vertrauen.

Schlechtes Betriebsklima und mangelnde Wertschätzung als Arbeitsschutzkiller

Thomas Briefs: „Die Arbeitsumgebung in den Pilotbereichen war geprägt von wenig konstruktiver Gesprächskultur, dem Denken in Zuständigkeiten, fehlender Abgrenzung in den Verantwortlichkeiten der einzelnen Führungskräfte, einer zu hohen Fluktuation und insgesamt einer zu hoch empfundenen persönlichen Belastung. Kompetenzen und klare Regelungen waren nicht allen eindeutig bekannt, was sich negativ auf das Arbeitsumfeld auswirkte. Der gegründete Zirkel unter engagierter Beteiligung des Sicherheitsbeauftragten schlug insgesamt 50 Verbesserungen vor, was jede*r einzelne selbst, das Team oder die Abteilung gemeinsam ändern könne und wofür externe Unterstützung benötigt wird. Um eine durchsetzungsfähige Instanz zu erhalten, installierten wir einen Steuerkreis, der den Führungskräften gegenüber Verbindlichkeit signalisierte. Die Fachbereichsleitungen mussten diesem unbedingt angehören, so machte man sie zu Beteiligten und letztendlich zu Dienstleistern ihrer Mitarbeiter*innen.“

Heinz Heinemann: „Als Sicherheitsbeauftragter des Pilotbereichs Baubetriebshof und Mitglied des Steuerkreises bin ich das verbindende Glied, das auf der einen Seite andere dazu ermächtigt, ihre Punkte selbst abzuarbeiten, gleichzeitig Verbesserungsvorschläge erarbeitet und herausfindet, wo es hakt. Auf der anderen Seite führe ich die Unterweisung durch und motiviere die Kolleg*innen, die Eigenmotivation hochzuhalten. Jede einzelne Person muss sich fragen, was sie selbst beitragen kann.

Es wurde schnell deutlich, dass fehlende Wertschätzung einen großen Anteil an dem schlechten Betriebsklima hatte. Also habe ich eine Übersicht erarbeitet, um aufzuzeigen, was jede*r einzelne hier leistet. Das hat bei den Führungskräften viel bewegt. Die Belastung wurde dadurch viel plastischer. Schon ein freundliches ‚Guten Morgen, wie geht’s?‘ oder ‚Viel Spaß bei der Arbeit!‘ trägt zu einer besseren Stimmung im Team bei. Auch im Dialog mit den Führungskräften versuche ich die Kommunikation untereinander zu fördern. Mein Ziel ist, dass jede*r gerne zu seinem sicheren und gesunden Arbeitsplatz kommt, und so lebe ich das auch vor! Als Handballtrainer weiß ich, wie viel richtige Motivation verändern kann.“

Sicherheitsbeauftragte unterstützen Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Vorgesetzte bei der Unfallverhütung und beim Gesundheitsschutz.
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Sicherheitsbeauftragte
in neuer Rolle als Sicherheits- und Gesundheitslotsen

Heinz Heinemann: „Meine Unterweisung gliedere ich in zwei Teile: Zuerst beschäftige ich mich mit der Unfallverhütung und danach sind Arbeitsmotivation und Wertschätzung wichtige Punkte der Präsentation. So wirken wir auf eine positive Gesprächskultur und die Freude am Arbeiten ein. Übrigens orientiere ich mich stark an den Inhalten zum gesunden Betriebsklima der kommmitmensch-Kampagne. Ich bin nicht nur SiBe, sondern auch Feelgood-Manager, Gute-Laune-Verbreiter und Gesundheitslotse. Für mich sind Sicherheitsbeauftragte unterstützen Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Vorgesetzte bei der Unfallverhütung und beim Gesundheitsschutz.
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Sicherheitsbeauftragte
der Zukunft nicht die, die Erste-Hilfe-Kästen überprüfen oder Fluchtwege kontrollieren, sondern Coaches, die im Team Maßnahmen erarbeiten und umsetzen.“

Thomas Briefs: „Heinz Heinemann schafft Lösungen und wird somit dem notwendigen Rollenwechsel vom Kümmerer zum Ermöglicher gerecht. Diese Verzahnung zur Personalentwicklung betrifft auch die Vorarbeiter*innen. Wir müssen sie als Nachwuchsführungskräfte wahrnehmen, dementsprechend fördern und qualifizieren.

Das neue Präventionsgesetz ist eine große Chance für alle Arbeitsschutzkoordinator* innen, nun auch konzeptionell Gesundheitsförderung mit den privaten Lebenswelten zu verbinden. Deshalb haben wir mit der Funktion eines LiFE-Coaches (= Langfristige individuelle Förderung der Eigeninitiative) den Betriebssport gilt als versicherte Tätigkeit und unterliegt dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung, wenn er darauf abzielt, den beruflich bedingten körperlichen oder geistigen Belastungen entgegenzuwirken.
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Betriebssport
, die Die betriebliche Gesundheitsförderung verfolgt ebenso wie die Gesundheitsförderung den Ansatz der Stärkung der Gesundheitspotentiale und -ressourcen.
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betriebliche Gesundheitsförderung
und das Arbeitschutzmanagement verzahnt. Er verfolgt ein ganzheitliches Konzept, um den inneren Schweinehund mit Eigenmotivation und klarer Zieldefinition zu überwinden und die Beschäftigten so mit mehr Gesundheit und Zufriedenheit zu belohnen. Unsere „aktive Minipause“ findet zum Beispiel zweimal die Woche auf dem Flur direkt vor den Büros statt, um möglichst viele zu erreichen. Unsere Führungskräfte gehen als Vorbilder mit gutem Beispiel voran. Wer nicht mitmacht, fragt sich irgendwann selbst: „Bin ich unmotiviert oder sind die anderen verrückt“? Mittlerweile turnen 50 Prozent aller Mitarbeiter*innen regelmäßig mit und spüren die positive Wirkung. So eine gemeinsame Minipause für die Gesundheit steigert den Teamgeist besser als jeder Betriebsausflug.“

Aktiv für mehr Beteiligung und gesunde Führungskultur

Thomas Briefs: „Neben den Bemühungen für ein besseres Betriebsklima, eine gute Führungskultur und eine sichere, gesunde Arbeit haben wir die Beteiligungsmöglichkeiten um jährliche Führungskräftefeedbacks durch die Mitarbeiter*innen erweitert. Eine externe Stelle betreut den Analyse- und Coachingprozess. Liegt die bewertete Führungskraft mit Defiziten unterhalb des Durchschnitts, wird automatisch ein Team- und Einzelcoaching angestoßen. Unsere Kolleg*innen haben also direkten Einfluss auf ihre Arbeitssituation und die Führungsarbeit. Dieser Erfolg ist messbar.

Konkrete Stellenbeschreibungen und jährliche Mitarbeiter*innengespräche erhöhen daneben die Arbeitszufriedenheit. Sucht eine Kollegin das Gespräch mit mir, weil ihre Arbeitsbelastung zu hoch ist, dann ist die Stellenbeschreibung wohl nicht mehr aktuell. Auch daran müssen sich die Führungskräfte messen lassen, denn sie verantworten im Rahmen der Pflichtenübertragung eine sichere und gesunde Arbeitsumgebung.

Dass sich dabei ihre Motivation für das Ausfüllen der Gefährdungsbeurteilung in Grenzen hält, kann ich niemandem verübeln, deshalb müssen wir das System attraktiver machen – gerade mit Blick auf das Arbeiten 4.0. Zukünftig stelle ich mir vor, dass die Gefährdungsbeurteilung interaktiv und digital gestaltet wird, genauso wie die Unterweisung. Das ist meine Vision für die kommenden Jahre.“

 

inform-Ausgabe 1/2019

 

 

Zwei- bis dreistündige W o r k s h o p s:

Schritt 1: Wahrnehmung stärken, Ist-Zustand beschreiben, Probleme benennen

Schritt 2: Arbeitsumfeld und Prozesse mit Verbesserungspotenzial identifizieren

Schritt 3: Vorschläge gewichten und Selbstkompetenz aufzeigen

Schritt 4: Ressourcen und Motivationsfaktoren zur direkten Umsetzung identifizieren

Gemeinsam stark für sichere und gesunde Arbeit in Baunatal: Thomas Briefs und Heinz Heinemann

Bei aller Komplexität des Themas haben sie ihren Humor nicht verloren: Thomas Briefs und Heinz Heinemann entwickeln den Arbeitsschutz kontinuierlich weiter. Fotos: Cordula Kraft

Autor/Interviewer: Cordula Kraft, E-Mail: c.kraft@ukh.de