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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken

Trennung von Privatleben und Beruf im Homeoffice

Gerade in den Zeiten der Corona-Pandemie zeigt es sich deutlich: Die Arbeitswelt wandelt sich rasant. Die bisher meist festen zeitlichen, räumlichen und sozialen Strukturen der Arbeitsplätze werden flexibilisiert, die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben durch mobile Arbeit und Homeoffice durchlässig. Obgleich sich häufig Menge und Zeit der Arbeit nicht verändert haben, fühlen sich viele Beschäftigte durch die neuen Formen der Arbeit zunehmend beansprucht.

Die Folgen von Arbeitsintensität und -verdichtung

Die Arbeitsintensität ergibt sich aus der Menge der Arbeit, ihrer Qualität, zu der zum Beispiel Komplexität, Anforderungen an die Problemlösekompetenz und individuelle Verantwortung zählen, sowie dem Arbeitstempo. Dazu kommen mögliche Kontakte zu Kunden, zeitliche Unterbrechungen oder die Notwendigkeit zum Multitasking.

Steigt die Arbeitsmenge, reduziert sich die zur Verfügung stehende Zeit oder wird eine höhere Qualität der Arbeit bei gleichen Rahmenbedingungen gefordert, so erhöht sich die Arbeitsintensität und man kann von Arbeitsverdichtung sprechen.

Eine Metastudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) fand deutliche Hinweise darauf, dass eine hohe Arbeitsintensität zu verstärkter emotionaler Erschöpfung, Ermüdung, Depression und Angst sowie zu einem Anstieg psychosomatischer Beschwerden führen kann.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich die Menge der Arbeit oder die zur Verfügung stehende Zeit grundsätzlich systematisch verändert. Starke Veränderungen gibt es aber beim dritten Faktor, der Arbeitsqualität, die stark durch die Organisation der Arbeit, die zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel und sonstige Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Es stellt sich die Frage, ob die Arbeitsintensität durch die neuen Formen der Arbeit ansteigt.

Neue Formen der Arbeit

Die neuen Formen der Arbeit, auch unter dem Begriff „Arbeiten 4.0“ bekannt, sind durch starke Digitalisierung sowie zeitliche und räumliche Flexibilisierung geprägt. Feste Arbeitszeiten gibt es außerhalb von Schichtsystemen kaum noch. Und auch die Arbeit selbst kann durch Homeoffice, Telearbeit und mobile Datensysteme unabhängig vom Standort eines Unternehmens erledigt werden. Die Erledigung privater Anliegen (z. B. Kinderbetreuung, Arztbesuche) ist dadurch leichter möglich – gleichzeitig dringt aber das Berufsleben zunehmend in das Privatleben ein, etwa durch die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit.

Die neuen Formen der Arbeit besitzen also sowohl be- als auch entlastende Faktoren. So wirkt die Digitalisierung einerseits entlastend durch die Verlagerung zum Beispiel von Routinetätigkeiten in den automatisierten technischen Bereich und durch Wegfall körperlich schwerer Tätigkeiten. Zudem stellt die Arbeit mit komplexen Systemen wegen erhöhter Planungs-, Organisations- oder Koordinierungsanforderungen eine Aufwertung der Tätigkeiten dar. Andererseits müssen Beschäftigte an stark digitalisierten Arbeitsplätzen natürlich die Funktionsweise des Systems verstehen und die Anforderungen beherrschen. Die damit verbundene permanente Aufmerksamkeit und Konzentration (als Belastungsfaktor) gab es zuvor in dieser Form nicht. Auch tritt an digitalisierten Arbeitsplätzen an die Stelle eines (analogen) Abarbeitens von Vorgängen nacheinander häufig die gleichzeitige Bearbeitung mehrerer Vorgänge oder Projekte. Diese müssen alle im Blick behalten werden, was zu einer Unterbrechung des Arbeitsflusses führen kann.

Die Digitalisierung kann also höchst unterschiedlich auf die Arbeitsintensität und damit auf die wahrgenommene Beanspruchung einwirken. Es ist schwierig einzuschätzen, ob sie jeweils be- oder entlastend bzw. kompensierend wirkt. So können beispielsweise Automatisierung und Entlastung von Routinetätigkeiten eine erhöhte Arbeitsmenge mehr als kompensieren. Auf der anderen Seite kann eine stärkere erforderliche Konzentration trotz reduzierter Arbeitsmenge zum Belastungsfaktor werden.

Diese gegenläufige Wirkung gibt es auch bei der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung der Arbeit. Die damit verbundene Möglichkeit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und die Eröffnung größerer Handlungs- und Entscheidungsspielräume kann von den Beschäftigten als entlastend wahrgenommen werden. Als gegenläufige Entwicklung kann die gleiche Situation bei gleicher Arbeitsmenge und gleicher technischer Ausstattung etwa bei Vorgabe einer ständigen Erreichbarkeit zu einer starken Beeinträchtigung des Privatlebens, zu deutlich reduzierten Erholungszeiten oder auch zur Vereinsamung im Homeoffice führen.

Erhebung der Arbeitsbedingungen

Möchte man also – etwa im Rahmen der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung – ermitteln, wie hoch die Beanspruchung der Beschäftigten durch die Arbeitsintensität ist, so muss man zunächst über die Arbeitsmenge und -zeit hinaus die Rahmenbedingungen erfassen. Dazu zählen zum Beispiel der räumliche und zeitliche Rahmen, die Menge der parallel laufenden Projekte, die Komplexität der Arbeitsaufgabe, das Maß der Unterbrechungen oder die Exposition gegenüber Lärm.

Zwei weitere wichtige Faktoren, die sehr stark die Bewertung der eigenen Arbeitssituation bestimmen, sind der Handlungsspielraum und der Grad der Autonomie der Beschäftigten. Dies betrifft insbesondere die Kontrolle über die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben mit der Frage, wann und in welchem Umfang dienstliche digitale Kommunikation außerhalb der üblichen Arbeitszeit stattfinden soll.

Sind Handlungsspielraum und Autonomie der Beschäftigten hoch (und haben Beschäftigte eine starke Kontrolle über die beschriebene Grenze), so kann diese Tatsache auch hohe Arbeitsanforderungen und enorme Arbeitsmengen „abpuffern“: Die Beschäftigten fühlen sich trotzdem nicht zu hoch beansprucht. Kann beispielsweise ein Beschäftigter selbst darüber entscheiden, wann er auf Anrufe oder E-Mails reagiert, so ist auch eine ständige Erreichbarkeit weniger beanspruchend.

Auf der anderen Seite werden bei geringem Handlungsspielraum und geringer Autonomie vergleichsweise kleine Veränderungen der Arbeit als stark beanspruchend empfunden. Sind beispielsweise Antwortverhalten und -zeiten fest vorgegeben, wird auch ein sonst flexibles Arbeitssystem von den Beschäftigten als negativ angesehen.

Die ungünstigste Kombination ist die von hoher Arbeitsanforderung und geringem Handlungsspielraum. Daraus ergibt sich immer eine hohe Beanspruchung, die zudem mit einem (negativen) Einfluss auf die Arbeitsmotivation verbunden ist. Um die Arbeitsbelastung und deren Veränderung beurteilen zu können, sollten auch die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten der Beschäftigten auf die unterschiedlichen Dimensionen ihrer Arbeit, das Maß von Handlungsspielraum und Autonomie und die Erwartungen des Arbeitgebers hinsichtlich Erreichbarkeit und Antwortverhalten der Beschäftigten mit erhoben werden.

Arbeitsverdichtung optimieren – Arbeit und Privatleben abgrenzen

Möchte man Arbeitsplätze wenig bzw. angemessen beanspruchend gestalten, muss man zunächst alle gängigen Empfehlungen hinsichtlich der Prävention psychischer Belastungen am Arbeitsplatz beachten. Neben einem weitgehend ungestörten Arbeitsplatz mit der üblichen ergonomischen Ausstattung zählen dazu eine gute Einarbeitung in neue Medien und Arbeitsverfahren, die Berücksichtigung individueller Stärken und Schwächen der Beschäftigten, klare Vorgaben hinsichtlich des erwarteten Arbeitsergebnisses sowie eine motivierende Führung.

Bei mobilen Arbeitsplätzen oder bei solchen im Homeoffice müssen die Erwartungen des Arbeitgebers hinsichtlich der Antwortgeschwindigkeit bei Telefonaten oder E-Mails, der Zeitspanne zwischen Anfang und Ende der täglichen Arbeit oder der Verrichtung von Arbeit auf Dienstreisen klar formuliert und auch die Grenzen zumutbarer Arbeit definiert sein. Nur bei einer hohen Autonomie der Beschäftigten ist eine verbesserte Work-Life-Balance möglich, die Belastungen durch veränderte Arbeitsverfahren abzufangen vermag.

Optimal ist weiterhin, an stark digitalisierten Arbeitsplätzen Personen einzusetzen, die in der Lage sind, bei der Arbeit eine Grenze zum Privatleben zu ziehen. Denn bei hoch motivierten Personen führt die Freiheit, die Arbeit weitgehend frei bestimmen zu können, ansonsten häufig zu unbezahlter Mehrarbeit.

 

inform Ausgabe 3/2020

Weiterführende Literatur

Ahlers, E.; Erol, S.: Arbeitsverdichtung in den Betrie- ben? Empirische Befunde aus der WSI-Betriebsrätebefragung. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, 2019

Angerer, P.; Siegrist, K.; Gündel, H.: Psychosoziale Arbeitsbelastungen und Erkrankungsrisiken. In: Seiler, K.; Jansing, P.-J. (Hrsg.): Erkrankungsrisiken durch arbeits- bedingte psychische Belastung. transfer 4. Düsseldorf: Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (LIA.nrw), 2014

Stab, N.; Jahn, S.; Schulz-Dadaczynski, A: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Arbeitsintensität. Dortmund/Berlin/Dresden: BAuA, 2016

Bilder: ©Adobe Stock, Maria Sbytova

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Autor/Interviewer: Dr. Torsten Kunz, E-Mail: t.kunz@ukh.de