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Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken

Wenn der Job lebensgefährlich ist

Bäumefällen gehört nicht unbedingt zum alltäglichen Kerngeschäft der Straßenwärter. Allerdings können solche Tätigkeiten außerhalb der Routine schnell lebensgefährlich werden. Auch in Hessen gab es bei Baumfällarbeiten bereits mehrere Unfälle. Fortbildungen sollen helfen.

An jenem Mittwochvormittag herrscht an der Schnellstraße nach Bad Arolsen geschäftiges Treiben. Gerade ist die Straße wieder kurzzeitig gesperrt und die Autofahrer*innen schauen neugierig aus ihren Fenstern, als ein Baum auf die Fahrbahn schlägt. Keine zwei Minuten später ist der Baum vollständig zerlegt und beiseitegeräumt, der Verkehr fließt wieder. Kurze Zeit später wird die Fahrbahn wieder gesperrt, dann fällt der nächste Baum quer über die Fahrbahn.

Kein akutes Baumsterben, sondern eine Praxisschulung für Straßenwärter bringt über den Mittag verteilt noch weitere sogenannte Problembäume zu Fall. Den Anlass erläutert Aufsichtsperson Jens Kramer von der Unfallkasse Hessen: „In den letzten Jahren ereigneten sich mehrere schwere Unfälle in Hessen, wenn Straßenmeistereien problematische Bäume an der Fahrbahn fällen mussten. Diese Tatsache hat uns dazu gebracht, diese Fortbildung anzubieten. Wir hoffen, dass diese Schulung eine Initialzündung dafür gibt, Fortbildungen unter der Eigenregie von Hessen Mobil oder der Bauhöfe durchzuführen.“

Acht Motorsägenführer aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg haben sich für diese Fortbildung um Forstwirt Werner Klingelhöfer versammelt. Als mehrfach ausgezeichneter Meister an der Motorsäge ist er ein echter Profi im Bäumefällen. Als solcher kennt er alle erdenklichen Tricks und Kniffe – gerade im Umgang mit sogenannten Problembäumen –, die er an die Fortbildungsteilnehmer weitergeben möchte.

Werner Klingelhöfer (Schulungsleiter): „Man muss den Willen haben, es perfekt zu machen, erst dann kann man sicher sein! Diesen Anspruch muss man einfach an seine Arbeit haben.“ Geübt werden aktuelle Fäll- und Schnitttechniken – vornehmlich die sogenannte Sicherheitsfälltechnik mit Halteband, teilweise unter Zuhilfenahme eines hydraulischen Keils. Die Ausbildung zum Führen einer Motorsäge liegt bei einigen Straßenwärtern bereits mehrere Jahre zurück. Seitdem hat sich in puncto Arbeitsverfahren und Schnitttechniken einiges getan, weshalb heute alle auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden.

Dirk Wagener (SiBe Bad Arolsen): „Das Baumfällen theoretisch an einer Tafel zu erlernen, reicht nicht aus. Deshalb habe ich mir eine Schulung für alle Kollegen gewünscht, die praxisorientiert ist und die reale Arbeitssituation so gut wie möglich simuliert. Dabei sind es gerade die Ausnahmesituationen, die unsere Arbeit gefährlich machen können. Dazu gehören besonders problematische Bäume in unwegsamem Gelände und im steilen Hang. Zusätzlich spielt der Stress eine Rolle, dem man durch den wartenden Straßenverkehr ausgesetzt ist.“

Theoretisches Wissen gibt es für die Schulungsteilnehmer heute nur in begrenztem Umfang. Werner Klingelhöfer sucht sich gezielt schwierig gelagerte Bäume aus, um die Arbeiter auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Für acht größere und kleinere Bäume heißt es im Laufe dieses Nachmittags „Achtung – Baum fällt“, so dass jeder Teilnehmer die Sicherheitsfälltechnik einmal anwenden und von Werner Klingelhöfers praktischen Hinweisen profitieren kann. Das Besondere an dieser Schnitttechnik ist, dass der Baum, bis er zu Boden fällt, weitestgehend erschütterungsfrei bleibt. Dadurch wird der Motorsägenführer nicht von herabfallendem Totholz verletzt.

Jens Kramer: „Die Bäume, die heute gefällt werden, haben es in sich. Oft sind sie krank oder morsch und drohen zu brechen, was eine akute Gefahr für die Verkehrsteilnehmer*innen darstellt. Einige Bäume haben einen verlagerten Schwerpunkt und sind sehr stark nach vorne geneigt – sogenannte Vorhänger. Sie wachsen entgegen der Topografie, aber zum Licht hin und neigen dazu, beim Aufprall unkontrolliert aufzuplatzen und hochzuschlagen. Dadurch können sie den Sägeführer schwer verletzen. Solche Bäume würde man im Forstbetrieb und am sichersten mit einem Fällbagger oder einem Vollernter eliminieren. Das ist aber an der Straßenböschung häufig nicht möglich. Deshalb ist das heutige Sicherheitsupdate absolut wichtig. Wir würden uns freuen, wenn Fortbildungen wie diese zukünftig für alle Motorsägenführer angeboten würden, damit auch in schwierigen Situationen die Sicherheit gewährleistet ist. Wir freuen uns sehr darüber, dass die heutige Schulung auf so ein dringendes Interesse gestoßen ist.“

Am Ende des Seminars gesteht ein Teilnehmer: „Ich bin froh, dass wir diese Schulung erhalten haben. Mit dem neuen Wissen fühle ich mich jetzt wirklich sicherer!“

inform Ausgabe 2/2017

Datum: Kategorie(n): Sicherheit · Gesundheit · Drucken
Autor/Interviewer: Cordula Kraft, E-Mail: c.kraft@ukh.de